Sting – zum 70. Geburtstag

Eine Würdigung seiner beeindruckenden Kreativität - von The Police bis zu The Bridge

Sting im April 2018 (Foto: Wikipedia)

„Wir haben nur die Wahl älter zu werden oder zu sterben. Ich bevorzuge es, älter zu werden.“ (Sting)

Wie nicht viele andere Popkomponisten vermag er es, kunstvolle, intelligente Songs zu schreiben und gleichzeitig populär und charts-kompatibel zu bleiben. Sein stilistisches Spektrum ist weit gefächert: Ethno, Latin, Soul, Country, Folk, Ambient, Gospel, Blues, HipHop, Jazz, Renaissace-Musik und Bach verbindet er souverän in edlen Arrangements. Doch er ist kein Chamäleon, sondern Universalist und destilliert aus den divergierenden bereichen seinen ureigensten Musikkosmos. Seine Songs sind unverkennbar, haben eine individuelle Handschrift. Auch wenn nach über 40 Jahren Produktionsfleiß Wiederholungen im Gestaltungsprinzip und Selbstzitate erkennbar sind, und auch wenn seine Musik inzwischen dem Mainstream zugerechnet wird, eine herausragende Stellung in der Geschichte des Qualitätspop ist ihm sicher – was auch seine neueste Songveröffentlichung belegen kann: „Rushing Water”

Gordon Matthew Thomas Sumner, besser bekannt als Sting, wurde am 2. Oktober 1951 geboren. Er gründete 1977 das Trio Police, eine der wichtigsten und populärsten Gruppen des New Wave, veröffentlichte 1985 sein erstes Soloalbum („The Dream Of The Blue Turtles“) und stieg zu einem der bedeutendsten Songschreiber im Pop/Rock der edlen Kategorie auf. Auch als Filmschauspieler war er zu bewundern, er schrieb eine Autobiographie („Broken Music“), sammelte Grammys und andere Auszeichnungen und hielt Vorträge an Unis und Colleges zum Themenkreis Literatur und Musik.
Er zählt zu den TopTen der britischen Großverdiener unter den Popstars, vergaß aber nie seine soziale Verantwortung. So engagierte er sich für Amnesty International, setzte sich für den Erhalt der Regenwälder ein und unterstützt bis heute indigene Völker im Amazonas-Gebiet mit seiner Stiftung Rainforest Foundation, die Projekte nicht nur in Brasilien, sondern auch in Madagaskar, Thailand, Peru, Kongo und im Kamerun unterstützt.
Auch in seinen teils poetischen Songtexten griff er immer wieder politische und sozialkritische Themen auf, wobei Menschenrechte und Umweltschutz zu seinen zentralen Botschaften gehören.
Musikstilistisch öffnete er seine Songkompositionen in Richtung Jazz, Weltmusik und Klassik, überraschte 2006 mit Lautenmusik aus dem 17. Jahrhundert, danach 2009 mit traditionellen Winter- und Weihnachtsliedern und schließlich mit einem großorchestralen Projekt genannt „Symphonicity“, mit dem er seine großen Songs im klassischen Orchester-Sound „live in Concert“ präsentierte und auf insgesamt 5 CDs bzw. DVDs dokumentierte.
2011 erschien eine aufwändige CD- und DVD-Kompilation zu seinem 25. Jubiläum als Solist. Begleitend zu diesem Best-of-Rückblick ging er ab Oktober 2011 erneut auf Welttournee, diesmal mit einer 5-köpfigen Band unter dem Motto „Back to Bass“, was auch seine besondere Stellung als herausragender Bassist untermauerte. Seine Ausnahme-Qualitäten als wandlungsfähiger, ausdrucksstarker Sänger sind eh allgemein anerkannt. Durststrecken in seinem Output an schöpferisch überzeugenden Songkompositionen gab es immer wieder. Nach seinem Album „Sacred Love“ von 2003 dauerte es zehn Jahre bis Sting ein weiteres Album mit neuem Songmaterial veröffentlichen sollte. 2013 erschien sein ambitioniertes Werk „The Last Ship“ über den Niedergang der nordenglischen Werftindustrie seiner Heimatstadt Wallsend am River Tyne nahe Newcastle in den fünfziger Jahren. Zum gleichen Thema und unter dem selben Titel feierte 2014 das erste Sting-Musical am Broadway Premiere, allerdings ohne großen Erfolg – so wie auch das musikalisch gelungene Album weit hinter den Verkaufserwartungen zurückblieb. Nach der deutschen Uraufführung in Koblenz im Juli dieses Jahres wird das Musical ab Februar 2022 auch im Theater Lübeck über die Bühne gehen.
Während des pandemie-bedingten Lockdown schrieb Sting neue Songs für sein aktuelles Album „The Bridge“, das am 19. November 2021 erscheinen soll. Die vorab ausgekoppelte Single „If It’s Love“ ist an Stings eigenen kompositorischen Qualitätsmaßstäben gemessen kein großer Wurf, eher eine musikalische Enttäuschung – ein Urteil, das aber sicher nicht für das gesamte Songrepertoire des neuen Albums gelten wird. Eine gewisse kreative Flaute wird Sting von Kritikern schon seit einer Weile attestiert. Sein letztes Album „My Songs“ von 2019 versammelte ausschließlich altbekannte Songs in neuer Abmischung oder aktualisiertem Arrangement. Und für das Vorläuferalbum „57th & 9th“ von 2016 erhielt Sting von der Kritik nur äußerst verhaltenen Applaus.
In seiner langen Karriere hatte Sting auch mit persönlichen Krisen zu kämpfen. So litt er Anfang der achtziger Jahre unter einer Kokain-Abhängigkeit, was bei ihm zu aggressivem Verhalten und Streitsucht und damit zum Ende von The Police 1983 geführt habe, wie er 1993 in einem Interview mit dem Rockmagazin Q bekannte. Mitte der neunziger Jahre quälten ihn manisch-depressive Verstimmungen, die er allmählich mit psychologischer Unterstützung und Yoga überwand. Und er kannte auch Schreibblockaden, die über Wochen und Monate andauern konnten. Aber letztlich wurde er dann doch wieder von der Muse geküsst. Er wolle endlich wieder ein Lied schreiben, das aus der Reihe der üblichen Charterfolge tanzt, ein Song, der nicht den üblichen Formeln folgt, vertraute er 2013 dem New York Magazine an.
Songs dieser unverwechselbaren, inspirierenden Art hat er in der Vergangenheit schon viele geschrieben und sind ihm auch jederzeit wieder zuzutrauen.

Hier folgt ein Zusammenschnitt meiner "Kramladen"-Sendung v. 30.09.21 in ByteFM zum 70. Geburtstag von Sting - überwiegend nur Moderation und Interview-O-Töne:

Concert de "The Police" au Madison Square Garden - New York le 1er Aout 2007

Im umfangreichen Songrepertoire aus Stings über vierzigjährigem Schaffen finden sich etliche Preziosen, Raritäten und Outtakes, die zu Unrecht wenig Beachtung fanden „The End Of The Game“ z.B. ist ein wenig bekannter, aber außergewöhnlicher Song im rhythmisch trickreichen 6/8-Takt, mit der höchst ungewöhnlichen Betonung der Snaredrum auf die „5“, erschienen als B-Seite der 1999 veröffentlichten Maxi-Single „Brand New Day“.
Im Text wird die Geschichte einer Fuchsjagd erzählt, wobei der Fuchs, gehetzt von der Hundemeute, so schnell nicht aufgibt. Doch plötzlich ist nicht mehr der Fuchs der Gejagte, sondern der Ich-Erzähler und seine Gleichgesinnten. Womöglich geht es nun um das gehetzte Leben von Außenseitern der Gesellschaft: „Und sie jagten uns durch das Gestrüpp / Und sie jagten uns durch die Felder / Und sie könnten uns ewig verfolgen / Aber das Herz wollte nicht nachgeben“.
Und am Ende des Spiels sind die Jäger die Gejagten

The End Of The Game:

Der wenig bekannte Sting-Song „The End of the Game“ gehörte auch zum Konzertprogramm im September 2010 in Berlin, aufgeführt mit dem Royal Philharmonic Concert Orchestra und veröffentlicht im Album “Symphonicities – Live in Berlin“. Die eigenen, alten Songs in neuem Glanz erstrahlen zu lassen und mit einem großen Orchester aufzuführen, das könnte man als Modeerscheinung bezeichnen, schließlich machten das etliche Pop-Rockstars, von Udo Lindenberg über die Scorpions bis hin zu Amy MacDonald. Doch dieses Pop-Phänomen könnte man auch als Flirt mit der Hochkultur ansehen, als eine Neigung, sich mit der Aura des künstlerisch wertvollen Klangkörpers Orchester zu schmücken. Interessant ist wohl auch, dass ambitionierte Popstars den traditionellen Klang des klassischen Orchesters erst und gerade im fortgeschrittenen Alter für sich entdecken. Peter Gabriel war 61 als er 2010 auf seiner „New Blood Tour“ eigene Songs mit großer Orchesterbegleitung aufführte. Und Sting war 59, als er im gleichen Jahr seine großen Hits aus der Police-Ära und seiner Solo-Zeit mit einem Sinfonieorchester aufführte.

Manch ein Kritiker hält die Beschäftigung älterer Herren wie Sting und Peter Gabriel mit klassischen Orchesterarrangements  für angemessener als etwa den musikalischen Flirt des 68-jährigen Mick Jagger im Jahre 2011 mit der damals 24-jährigen Joss Stone in der neu gegründeten Jagger-Gruppe Super Heavy, die freilich nur von kurzer Dauer war. Da machte schon der böse Spruch über Mick Jagger vom „Berlusconi des Rock“ die Runde. Aber das ist ein anderes Thema und mit derlei Häme muss sich Sting nicht auseinandersetzen. Im direkten Vergleich zwischen den Orchesterarrangements von Stings Projekt „Symphonicity“ und Peter Gabriels Orchester-Projekten „Scratch My Back“ von 2010 und „New Blood“ von 2011 ist festzustellen, dass die orchestrale Bearbeitung bei Peter Gabriel ein Stück innovativer und origineller ist als bei Sting. „Symphonicity“ von Sting ist weit davon entfernt, eine weichgespülte, verkitschte oder pathetisch aufgedonnerte Orchester-Produktion zu sein, wie so viele pompöse Klassik-Rock-Events á la „Night of the Proms“, aber Sting setzt das Orchester etwas konventioneller ein als Peter Gabriel. Und bedenkt man noch, dass Stings Vorläuferprojekt ein Album mit traditionellen Winter- und Weihnachtsliedern war und dass er davor ein Album mit Lautenmusik von John Dowland aus dem 17. Jahrhundert veröffentlicht hatte, drängte sich die Frage auf: War er brav und konservativ geworden? Sting, wo ist dein Stachel? Hat er sich zum Laubfrosch machen lassen, könnte man noch polemisch und – zugegeben – etwas albern hinterherfragen? Der Hintergrund ist eine neuentdeckte Baumfrosch-Gattung aus Kolumbien, die von Biologen und Sting-Bewunderern auf den Namen „Hyla Stingi“ getauft wurde. Aber das nur am Rande. Stings Album- und Konzertprojekt des Jahres 2006 „Songs From The Labyrinth“ mit der 400 Jahre alten Musik von John Dowland, dem englischen Komponisten und Lautenvirtuosen aus der Elisabethanischen Zeit, könnte man auch als mutige und bewusste Abkehr vom Pop-Mainstream und kommerziellen Zeitgeist bezeichnen. Tatsächlich hat dieses Album musikalisch und klanglich absolut nichts mit dem üblichen Radio-Pop und auch wenig mit den für Sting typischen Songs zu tun. Das Album ist sozusagen ein Duett zwischen Laute und Gesang. Der bosnische Lautenspieler Edin Karamazov begleitet den Sänger Sting, wie z.B. in der Ballade „Come again“ aus dem Jahre 1597

Sting auf einer musikalischen Zeitreise ins Elisabethanische Zeitalter. „Come Again“, so heißt diese gerade gehörte Komposition von John Dowland. Der englische Komponist und Lauten-Virtuose, der von 1563 bis 1626 lebte, ist für Sting ein Pionier, er nennt ihn den ersten Singer-songwriter Englands. Stings Interpretation der Lautenmusik von John Dowland wurde von manchen Kritikern begrüßt als wohltuende Auszeit vom Alltag des Popmainstream. Andere kritisierten, Stings Dowland-Adaptionen hätten die Grenzen seiner Stimme und Gestaltungskraft aufgezeigt. Sein Folgealbum „If On A Winter’s Night“, eine Sammlung von überwiegend traditionellen Volksweisen und Kirchen-Liedern zum Thema Winter und Weihnachten, wurde zwar allgemein wegen der musikalischen Qualität gelobt. Aber alle Sting-Fans, die auf neue Songs des großartigen Songschreibers Sting warteten, wurden erneut enttäuscht. Seit acht Jahren wartete die Sting-Gemeinde nun schon auf neue Songs aus der Schreibe ihres Helden. Fällt ihm nichts mehr ein, hat er Schreibblockaden? Auf ähnlich gelagerte Fragen antwortete er stets, er habe derzeit mehr Freude am Interpretieren und Entdecken, als am Schreiben.
In der eigenen Familie erwuchs ihm indes kreative Konkurrenz. Sein ältester Sohn Joe aus erster Ehe ist Sänger und Bassist, genauso wie sein Vater. Auch Joe gründete eine eigene Band namens Fiction Plane. In Frühjahr 2011 versuchte er, sich für den Eurovision SongContest zu qualifizieren, erreichte aber nur den dritten Platz. Stings 1990 geborene Tochter Eliot „Coco“ sammelte ab 2009 mit selbstverfassten Songs etliche Achtungserfolge. „I Blame Coco“ so heißt ihre Band, die gänzlich ohne Unterstützung ihres prominenten Vaters über das Internet zu einem Plattenvertrag kam. Im November 2010 erschien ihr Debütalbum „The Constant“, daraus entnommen ihr Song „Summer Rain“, der hörbar macht, dass Eliot Sumner von ihrem Vater eine Menge an Talent als Sängerin und Songschreiberin geerbt hat.

Eliot Sumner, Stings Tochter, die sich seit 2020 als nichtbinär definiert, tritt mit ihrem Bandprojekt „I Blame Coco“ selbstbewusst in die Fußstapfen ihres Vaters. In Interviews sagte Eliot, dass „sie“ eine Menge von ihrem Vater gelernt habe. Schließlich ist Sting ja auch ein belesener Zeitgenosse, ein kluger Kopf, er hat etwas zu sagen und das tut er auch in seinen Songtexten, die mal nach Lebenshilfe klingen, mal nach Märchenonkel – sagen die Zyniker, ich nicht. Das, was er für sich erkannt hat, gibt er als Botschaft weiter, und er erzählt Geschichten, die Parabeln gleichen. Er interessiert sich für Psychologie und Metaphysik, für Spiritualität und Magie. Er ist kein Spiritist oder Esoteriker, er glaubt nicht an überirdische Wunder, will aber auch nicht ausschließen, dass es wundersame Dinge gibt, die unsern Horizont übersteigen. Als Yoga-Anhänger ist er davon überzeugt, dass die Antwort auf fast alle Fragen der menschlichen Existenz im Innenleben eines jeden Menschen, in seiner Seele zu finden sind. Er glaubt an Selbstbestimmung, Selbstverwirklichung und Selbstheilungskräfte. Sein größtes Anliegen ist die Botschaft von der „Kunst der Liebe“. So heißt das bekannteste Buch des großen Psychologen Erich Fromm. Und Sting muss dieses Buch nicht nur gelesen, sondern auch verinnerlicht haben, denn in jedem zweiten seiner Songtexte über das Thema Liebe sind die Gedanken aus diesem Buch präsent. Im Song „Send your love“ aus seinem Album „Sacred Love“ von 2003 stellt er die Liebe über Glaube und Religion. Das sei der einzige Weg auch in der Begegnung von Christentum und Islam, der westlichen und der muslimischen Welt, sagte er in einem Interview. In unserer heutigen Zeit sei es leichter, einem Menschen, einer Nation, einer Religion oder Rasse den Krieg zu erklären, als jemandem seine Liebe zu gestehen.
Musikalisch verbindet Sting in diesem Song die maurisch-andalusische Flamenco-Gitarre mit westlichem Dance-Pop und mit arabischen Motiven, als Versuch, eine Verbindung und Gemeinsamkeit herzustellen. Im Songtext heißt es: „Es gibt keine andere Religion als Sex und Musik, als Klang und Tanz, als Linien und Farben, als die endlosen Ozeane, Mond und Sterne, Zeit und Bewegung, die Freuden des Rhythmus ... Es gibt keine Religion, die alleinseligmachend und siegreich ist, keine Religion auf dem Weg des Hasses. Schicke deine Liebe in die Zukunft und rette diesen verwundeten Planeten mit der heilenden Kraft der Liebe. „Send your love“.

„Send Your Love“ Dance-Remix, remastered (2009):

Ein (gelungener ?) Versuch, Brücken zu schlagen zwischen der Clubkultur des Dancefloor und der aufklärerischen, spirituellen Songwelt von Sting stellt dieser Remix von 2009 dar.
Ein musikalischer Versuch, Brücken zu schlagen zwischen dem Westen und der arabischen Welt, war das Song-Original „Send Your Love“ von 2003 mit seinen melodischen Arabesken. Schon im Studioalbum „Brand New Day“ von 1999 hatte sich Sting’s Interesse an der arabischen Musik im Duett-Song „Desert Rose“ mit dem algerischen Rai-Sänger Cheb Mami gezeigt, ein großartiger Song, der weltweit sehr erfolgreich war. Sting schrieb den Songtext über das Thema Sehnsucht und Begehren und bat Cheb Mami zu diesem Song einen eigenen arabischen Text zu schreiben, sagte ihm aber nicht, worum es thematisch im englischen Originaltext geht. Als Cheb Mami mit seinen fertigen Lyrics kam, fragte Sting, wovon denn sein Text handeln würde. Und Cheb Mami sagte: von Sehnsucht und Verlangen. Im englischen Text von Sting heißt es – ins Deutsche übersetzt: „Ich träume von Regen. Ich träume von Gärten im Wüstensand. Ich wache auf in Schmerzen und träume von Liebe, während die Zeit mir durch die Finger rinnt. Ich träume von Feuer. Und von einem Pferd, das niemals ermüdet. Und in den Flammen züngeln Schattenrisse von ihr. Ihre Silhouette spielt mit dem Begehren des Mannes. Diese Wüstenrose ist ein geheimnisvolles Versprechen, ein jedes ihrer Blätter. Kein Duft hat mich mehr verwirrt und gequält als der Duft dieser Wüstenblume.“

„Süße Wüstenrose. Die Erinnerung an den Garten Eden verfolgt uns alle. Diese Wüstenblume, dieser seltene Duft ist der süße Rausch des Herbstes“, so endet der Text des Songs „Desert Rose“ aus dem Album „Brand New Day“ von 1999. Das erste Lied, das er über eine Frau schrieb, war zugleich sein erster Welthit
Über die Entstehung dieses Songs schrieb Sting im Schlusskapitel seiner Autobiografie „Broken Music“. Darin geht es um eine Episode während der ersten Police-Konzerte in Frankreich im Oktober 1977. Zitat:
„In Paris treten wir im Nashville Club auf, einem schäbigen, plüschigen Variete in Saint-Germain, und wohnen für ein paar Tage in einer billigen Absteige hinter dem Gare Saint-Lazare. Der Eingang zu unserem Hotel liegt in einer schmalen, stinkigen Seitenstraße des Boulevards. Früh am Abend rahmen ihn die grellen Lichter eines Sexshops auf der einen und die schummrige Beleuchtung eines Antiquariats auf der anderen Seite. In der Gasse bieten etwa zwanzig Frauen ihre Dienste an; sie lungern in Hauseingängen und rauchen eine Zigarette nach der anderen. Bekleidet mit Lackmänteln, kurzen Röcken, billigen Stiefeln oder hochhackigen Schuhen beobachten sie die Straße durch halbgeschlossene Lider, wie Spione in einem zweitklassigen Film. Einige sind jung und hübsch, einige älter, einige sind sehr alt, die Gesichter mürrisch bis ironisch. Die meisten Kunden halten sich an die etwas älteren Frauen, als suchten sie Erfahrung und Weltklugheit. Die jüngeren, hübscheren Mädchen sind offenbar weniger gefragt; die gespielte jugendliche Unschuld trifft nur den Geschmack einer Minderheit, und das gilt auch für die Alten, die aussehen, als stünden sie schon seit tausend Jahren in dieser Gasse.
In der schäbigen Hotelhalle hängt hinter der Empfangstheke ein ziemlich mitgenommenes Plakat der Comedie Francaise für Cyrano de Bergerac, ein Drama von Edmond Rostand.
Ich werde einige Augenblicke lang davorstehen und die verblichene Fröhlichkeit betrachten. Das Plakat zeigt das Porträt eines lachenden Mannes mit riesiger Nase und federgeschmücktem Hut. Er ist ein tragischer Spaßmacher, dem sein Ehrgefühl zum Verhängnis wird. Er hütet ein Geheimnis, ein beredter, sprühender Geist, der einer Frau im Namen seines Freundes erfolgreich den Hof gemacht hat und sich nicht als der wahre Autor der Liebesbriefe zu erkennen geben kann, als sein Freund stirbt. Ein Mann, der liebt und nicht wiedergeliebt wird, und die Frau, die er liebt und die für ihn unerreichbar ist, heißt Roxanne.
An diesem Abend werde ich in mein Zimmer gehen und ein Lied über ein Mädchen schreiben. Ich werde sie Roxanne nennen. Ich werde sie unbezahlt von der Straße in mein Zimmer locken und sie einhüllen in romantische Gefühle und die Traurigkeit von Rostands Drama, und dieses Lied wird mein Leben verändern.“

Der berühmte Police-Klassiker „Roxanne“ war hier in einer originellen Fassung zu sehen und zu hören, live aufgenommen in Italien am Tag der Terroranschläge auf das World Trade Center in New York. Unter dem Eindruck von Nine-Eleven sollte Sting später den Song „This War“ unmittelbar vor Ausbruch des Irak-Krieges schreiben. Im Text stellt Sting fest, dass überall Krieg herrscht. Überall würden Kriege geführt, gegen die Demokratie, gegen Mutter Erde, gegen den Regenwald, gegen die Liebe und gegen das Leben selbst. Es herrsche Krieg zwischen den Geschlechtern, den Nationen und Religionen. „Investiere in Munition und Särge. Investiere in Waffen und Leichensäcke. Es hat immer Sinn gemacht. Du weißt, der Krieg kann dich reich machen. In Dollar, Pfund und Cent. In dem Tempel, der Mammon gehörte. Investiere in Korruption, in Unterdrückung und Tyrannei. Und in die Zerstörung der ganzen Welt.“

Vor großen Themen hat er sich nie gescheut, ob Klimakatastrophe oder Todesschwadronen, ob große Politik oder kleine Veränderungen im Alltag. Sting hat sich all dieser Themen mit Sensibilität aber auch Parteinahme angenommen. Auch über die Zerbrechlichkeit allen Lebens hat er nachgedacht und Songtexte geschrieben. Wie steht er zum Älterwerden, wie zu seinem runden Geburtstag. Sieht er ein solches herausragendes Lebensdatum als einen besonderen Tag an, vielleicht sogar als einen Wendepunkt?
In einem Interview sagte Sting, er glaube nicht, dass sich ein Menschenleben an einem Tag ändert. Jeder Tag, den man lebe, würde eine kleine Veränderung mit sich bringen, jede Woche, jeder Monat, jedes Jahr. Die Person, die er vor Jahren war, sei eine andere gewesen, als die Person, die er heute ist. Auch sein Körper habe sich verändert. Er genieße diesen Prozess. Er fände es schön, die eigene Veränderung zu beobachten: die Art zu denken, zu sein, zu reagieren usw. Schließlich habe man ja auch keine Wahl. Man könne nur älter werden oder sterben. Er bevorzuge es, älter zu werden, sagt Sting.
Über die Verletzbarkeit und Zerbrechlichkeit der menschlichen Existenz schrieb Sting seinen wunderbaren Song „Fragile“ von 1987, ein Kunstlied im besten Sinne des Wortes, kompositorisch wie textlich gelungen. „Weiter und weiter wird der Regen fallen, wie Tränen eines Sterns. Immer wieder wird der Regen uns daran erinnern, wie zerbrechlich wir sind.“

„Wenn Blut fließt, weil Fleisch und Stahl sich treffen – und trocknet in der Farbe der Abendsonne, wird der Regen morgen die Flecken wegwaschen. Aber etwas wird unauslöschlich in unserem Sinn bleiben. Vielleicht war dieser letzte Akt gedacht, den lebenslangen Streit zu beenden. Dass nichts aus Gewalt entsteht, oder jemals entstehen könnte. Für all diejenigen, die unter einem bösen Stern geboren sind, damit wir nicht vergessen, wie zerbrechlich wir sind.“ - Das ist zweifellos große Poplyrik, so wie der Song „Fragile“ und das dazugehörige Album „Nothing Like The Sun“ große Pop-Kunst ist. In den letzten Jahren wurde Sting immer wieder kritisiert, er würde sich nur noch selbst zitieren, hätte sich in seinem artifiziellen, blutleeren Schönklang meilenweit von der Leidenschaft seiner Police-Vergangenheit entfernt. Das ist nicht so ganz von der Hand zu weisen, doch als Songschreiber ist er noch immer eine Klasse für sich. Das war er schon zu Police-Zeiten und ist es auch in seinen Solojahren geblieben.
In seinen Song-Kompositionen vermeidet er die ewig gleichen, ausgelutschten kadenzierten Harmoniefolgen und überrascht immer wieder mit unüblichen Akkordwechseln. Und in rhythmischer Hinsicht ist er den meisten seiner Komponistenkollegen im Pop sowieso um Lichtjahre voraus. Nicht nur, dass er die rhythmischen Eigenarten der unterschiedlichsten Stilarten zusammenbringt: von Reggae bis Swing und Bossa Nova und natürlich bis zu allem, was rockt und rollt, er komponiert auch in den vertracktesten Metren. Manchmal hat es den Anschein: Je ungerader die Taktart, um so lieber. So hat er z.B. den Song „I Hung My Head“ seines Albums „Mercury Falling“ im seltenen 9/8-Takt komponiert. Doch diesen schrägen 9/8-Takt lässt er nicht zickig stolpern oder wie eine am Reißbrett konstruierte mathematische Expertenspielerei ablaufen, sondern: er hat diese ungerade 9/8-Zählzeit organisch fließend auskomponiert, sodass dieser Stolpertakt überhaupt nicht sperrig klingt, sondern so, als wären neun Achtel das Selbstverständlichste in einer Popwelt, die vom Vierviertel-Takt dominiert wird.

Im seltenen, trickreichen 9/8-Takt steht dieser Song „I Hung My Head“. Wir lassen den Kopf jetzt aber nicht hängen, auch wenn wir das gar nicht gemerkt haben sollten mit diesem schrägen 9/8-Takt. Das sollte wohl auch gar nicht auffallen. Die Kunst besteht ja darin, etwas schwieriges ganz einfach wirken zu lassen. Auch das beherrscht Sting, z.B. auch im Song „Big Lie Small World“, den er ebenfalls im 9/8-Takt komponierte und im Bossa Nova-Rhythmus tänzeln ließ. Den 5/8-Takt verwendete er im Song „Seven Days“ und den 7/4-Takt in „Love is thicker than blood“. Als Rhythmiker hat Sting besondere Stärken, aber auch als Melodien-Erfinder und sogar als Geschichtenerzähler. Manche seiner Songtexte sind wie Gleichnisse, bieten hinter der schön geschilderten Erzählung noch eine andere Dimension an, eine Art Meta-Botschaft. So etwa in seinem Song „Shape Of My Heart” aus seinem Album „Ten Summoner’s Tales“ von 1993. Die Musik komponierte er gemeinsam mit seinem Gitarristen Dominic Miller. Klanglich musikalisch steht im Mittelpunkt dieses Songs die akustische Gitarre, deren Stimmung und Melodik deutlich an den Song „Fragile“ erinnert. „Shape Of My Heart“ ist die Geschichte eines passionierten Kartenspielers und geht doch darüber hinaus.
„Kartenspiel ist für ihn wie eine Meditation. Er spielt nicht wegen des Geldes, das er gewinnt. Er spielt nicht, um respektiert zu werden. Er spielt Karten, um die Antwort zu finden, die Lösung des Rätsels von der heiligen Geometrie des Zufalls, das verborgene Gesetz der Wahrscheinlichkeit, der Tanz des Zahlenspiels. Ich weiß, dass Pik das Schwert des Soldaten ist. Ich weiß, dass Kreuz für die Waffen des Krieges steht. Ich weiß, dass Karo Geld in dieser Kunst bedeutet. Doch das ist nicht die Form meines Herzens. Vielleicht spielt er den Karo-Buben aus, vielleicht die Pik-Dame. Vielleicht verbirgt er den König in seiner Hand, während Erinnerungen vorüberziehen. Und wenn ich dir sagte, dass ich dich liebe, könntest du vielleicht denken, da könne etwas nicht stimmen. Ich bin kein Mann mit vielen Gesichtern. Ich trage nur eine einzige Maske.“

„Shape Of My Heart“ ist einer von 12 Songs aus Stings Album „Ten Summoner’s Tales“. Der Album-Titel ist ein Wortspiel mit seinem eigenen Nachnahmen „Sumner“, der zurückgeht auf das alte englische Wort für den Gerichtsboten „The Summoner“. Und die Idee zu den 10 Geschichten des Gerichtsboten kam Sting beim Blättern in den „Canterbury Tales“, einem englischen Literaturklassiker aus dem 16. Jahrhundert. Entsprechend ambitioniert ging auch Sting beim Verfassen seiner Songtexte zu Werke und bewies in diesem Album auch eine lyrisch-literarische Begabung von besonderer Qualität, gemessen jedenfalls am Standard seiner Popsongschreiber-Kollegen. Schon zu Zeiten von The Police wusste Sting mit Songs zu überzeugen, die nicht nur musikalisch, sondern auch textlich Format hatten. Erinnert sei nur an den Klasse-Song „King of Pain“ aus dem Synchronicity-Album von 1983. Im Text heißt es:
„Heute ist auf der Sonne ein kleiner schwarzer Fleck zu erkennen. Das ist meine Seele da oben. Es ist das alte, immergleiche Lied. Da hängt ein schwarzer Hut im Wipfel des hohen Baums. Das ist meine Seele da oben. Ich stand hier schon oft, mitten im strömenden Regen, während die Welt sich in kreisenden Zirkeln durch meinen Kopf dreht. Ich glaube, ich habe immer gehofft, dass du diesen Kreislauf stoppen könntest. Aber es ist wohl meine Bestimmung, der König der Schmerzen zu sein. Da ist ein Fossil, das in die Falle ging auf einer hohen Felsenklippe. Da ist ein toter Salm, erfroren in einem Wasserfall. Da ist ein Blauwal an Land gespült und ein Schmetterling verfangen in einem Spinnennetz. Da sitz ein König auf seinem Thron mit aufgerissenen Augen. Und ein Blinder sieht die Schatten des Zweifels. Da liegt ein reicher Mann auf einem goldenen Bett und ein Skelett erstickt an einer Kruste Brot. Da ist eine schwarz gefiederte Möwe mit gebrochenem Flügel. Da ist ein schwarzer Fleck in der Sonne. Es ist die selbe Geschichte wie gestern schon. Das ist meine Seele da oben.“

Als König der Schmerzen bezeichnete sich Sting in diesem Song auf dem Höhepunkt seiner Zeit mit The Police 1983. Nach diesem weltweiten Nummer-1-Album „Synchronicity“ beendete er seine Zusammenarbeit mit seinen beiden Co-Polizisten Andy Summers und Stewart Copeland. Ab 1985 begann dann seine Solokarriere. Warum sich Sting als König der Schmerzen fühlte, darüber ist manches nachzulesen in seiner sehr gut geschriebenen Autobiografie „Broken Music“, die allerdings nur seine Geschichte bis ins Jahr 1977 erzählt, als es mit The Police gerade spannend wurde.
Auf Tour zu sein und ständig Musik zu machen sei zwar harte Arbeit, aber er hätte großen Spaß daran. Er würde es tun, um sich selbst glücklich zu machen, sagte Sting 2001. Zu Police-Zeiten war er der „King Of Pain“, auf seinen ersten Solo-Platten besang er „The Lazarus Heart“ und die „Soul Cages“. Aber er beschwor auch mit fast kindlich naivem Optimismus „A Brand New Day“. Dank Yoga, einem intakten Familienleben und seiner großen Freude an der Musik, lautet sein Credo: das wichtigste im Leben sei glücklich zu sein. Als Langweiler, als belangloser Mainstream-Popper wurde er entsprechend immer mal wieder von manchen kritischen Meinungsmachern abgetan. Doch nicht nur aus der Reibung an den Widersprüchen des Lebens kann große Kunst entstehen, was ja auch Sting oft genug bewiesen hat. Die größte Kunst besteht wahrscheinlich darin, mit sich selbst und seinem Leben im Reinen zu sein. Diese Kunst, die Sting offenbar beherrscht, kann man von ihm und aus manchen seiner Songs lernen: „Let Your Soul Be Your Pilot“

„Der Kompass dreht sich zwischen Himmel und Hölle. Lass dich von deiner Seele leiten. Sie zeigt dir den richtigen Weg“, sang Sting 1996 in diesem gospel-orientierten Song „Let Your Soul Be Your Pilot“.
„Wenn die Ärzte dich nicht heilen können, wenn keine Medizin dir helfen kann, dann lass dich von deiner Seele leiten“. Das ist mehr als wohlfeile Lebenshilfe.
Seit im April 1978 die erste Single von The Police mit der typischen Stilmischung aus Reggae, Punk-Elementen und New Wave zum ersten Welthit in Sting’s Karriere aufstieg, konnte man sein Talent als Songschreiber erkennen, sein Vermögen, große, populäre Melodien schreiben zu können, die einprägsam sind ohne anbiedernd zu sein. Mittlerweile zählt man ihn zu den kunstfertigsten und stilbewusstesten Ästheten der Songschreiber-Elite. Zwar näherten sich seine Songs zunehmend dem Pop-Mainstream an, behielten aber dennoch immer ihre unvergleichliche Note und ihre ambitionierte, edle Qualität. Er verstand es, erlesenen musikalischen Geschmack mit Breitenwirksamkeit zu verbinden, so belegten alle seine Soloalben Top-Ten-Notierungen, auch sein schwerer zugängliches Album „The Soul Cages“ von 1991.

Stings neues, bis dato 14. Solo-Studioalbum „The Bridges“, das am 19. November 2021 erscheinen soll, wird mit Spannung erwartet, auch wenn die erste ausgekoppelte Single „If It’s Love“ nicht ungeteilte Zustimmung fand.

Der Text dieses Blog stammt überwiegend aus aktualisierten Manuskripten verschiedener Radiosendungen, die ich im Laufe der Jahre produziert habe. (Volker Rebell)