Mark Knopfler – zum 70. Geburtstag

Der Mastermind der Dire Straits ist auch als Solist ungemein erfolgreich und aktuell auf Welttournee

Ein Porträt des großartigen Gitarristen und Songschreibers

 

Mark Knopfler (Foto: Henrik Hansen)

Mark Knopfler – zum 70. Geburtstag

Auch wenn er nicht mehr an vorderster Front des Rockbusiness agiert, in der Konzertszene ist er nach wie vor präsent, gab von Mai bis Juni 10 Konzerte in Deutschland und wird ab dem 16. August 2019 auf ausgedehnte Tour durch Nordamerika gehen. Die Tour steht unter der Überschrift seines jüngsten und insgesamt achten Solo-Studioalbums „Down The Road Wherever“, das am 16. November 2018 erschien. Als besonderer Clou kann der Live-Mitschnitt jedes einzelnen Konzertes bestellt werden. (So kann man z.B. das komplette Konzert vom 22. Juli 2019 in Verona für rund 16 US-$ erwerben. Zum gleichen Preis erhält man etwa auch den Konzertmitschnitt vom 15. Mai in Berlin. Speziell dieser Auftritt von Mark Knopfler und seiner Band wurde vom deutschen Rolling Stone sehr gelobt).

Zum aktuellen Konzertprogramm zählen einige Songs seines aktuellen Albums „Down The Road Wherever, das im November 2018 erschien, z.B. der folgende Song „Nobody Does That“. Das könnte auch eine Selbstreflexion sein. Denn wer macht das schon heutzutage, so etwas altmodisches und gleichzeitig Zeitloses. Ein heftiger Funky-Rhythmus, jazzige Soul-Funk-Bläser, ein Clavinet wie in Stevie Wonders Superstition, eine Wahwah-Gitarre und Synthiesounds wie bei Earth Wind and Fire und das alles in einer Lässigkeit wie weiland bei JJ Cale. Nobody Does That

Mark Knopfler gilt als einer der besten E-Gitarristen der Rockszene und ist doch alles andere als ein ekstatischer Rock’n’Roller. Er ist vielmehr ein Stil-Ästhet an der E-Gitarre und bevorzugt zunehmend, je älter er wird, Midtempo-Songs und Balladen, weshalb er von einigen Fans seiner früheren Rockband Dire Straits schon als Langweiler abgetan wird, vor allem, weil er auch immer wieder mal wenig originellen Country-Pop oder arg gefällige Balladen der Marke Kuschelrock veröffentlicht hat.

Im Juni 1978 erschien sein Welthit „Sultans of Swing“ als Bestandteil des Debütalbums seiner Hausband Dire Straits, die er gemeinsam mit seinem Bruder David 1977 gegründet hatte.

Acht weitere Alben veröffentlichte er mit den Dire Straits, die mit 120 Millionen verkaufter Alben ungemein erfolgreich war. Seit Mitte der 90er Jahre arbeitet er vornehmlich als Solist. Ob die eingangs erwähnte Kritik berechtigt ist, oder ob sich Mark Knopfler einfach nur ein breiteres stilistisches Spektrum zugelegt hat, darüber kann man unterschiedlicher Auffassung sein.

Seine typische Gitarrentechnik ist sein eigentliches Charakteristikum, neben seiner rauchigen Stimme und seinem Sinn für das Geschichten erzählen in seinen Songtexten. Doch weitaus auffälliger als seine Art des Storytelling und technisch herausragender als seine limitierten vokalen Fähigkeiten ist zweifellos sein Gitarrenton, seine Spieltechnik und Spielkultur. Darin ist er unverwechselbar und einzigartig. Er gilt als einer der individuellsten Gitarristen der Szene, niemand anders hat eine solch eigentümliche Anschlagtechnik wie er, ein Mittelding aus Saitenanschlag mit Plektrum und aus einer Zupftechnik, die allerdings weniger ein Zupfen mit den Fingerkuppen ist als vielmehr ein Anreißen mit dem Fingernagel – dies macht seinen Sound und sein Spiel so eigen und unverkennbar. Er ist mehr Stilist als Gitarrero, ist ein Virtuose, der seine Könnerschaft nicht ständig protzend beweisen muss. Statt expressiv und ausschweifend loszubrettern, pflegt er eine geradezu lässige Ökonomie des Understatement. Er ist der Meister der Einwürfe und Umspielungen, der Verzierungen und der kleinen Schnörkel mit dem großen Effekt. Nur selten und nur im Konzert lässt er sich mal zu einem längeren Solo hinreißen, zeigt am ganzen Abend vielleicht nur ein einziges Mal, was er könnte, wenn er wollte, nämlich elegisch improvisieren mit Dynamik und zupackender Energie, aber immer klar im Ton, niemals unkonturiert verzerrt und dröhnend, sondern elegant und einfach stilvoll.

Mark Knopfler wurde am 12. August 1949 in Glasgow geboren als Sohn eines ungarisch-jüdischen Architekten und einer englischen Lehrerin. Der Vater, ein leidenschaftlicher Schach-Spieler, musste als Sympathisant der Kommunisten Ungarns 1939 aus dem damals faschistischen Ungarn fliehen. Mark Knopflers Mutter konnte ein abgeschlossenes Unversitäts-Studium im Fach Business and Management vorweisen, arbeitete aber als Lehrerin und beteiligte sich in ihrer Freizeit in einer Theatergruppe. Diese elterliche Prägung gibt schon einige Hinweise auf die grundsätzliche Einstellung von Mark Knopfler und auf die Sujets seiner Songgeschichten. Denn Mark Knopfler ist nicht nur ein großartiger Gitarrist, sondern auch ein außergewöhnlicher Geschichtenerzähler. Und diese Gabe hat sicher etwas mit seinem Elternhaus zu tun. Denn auch sein jüngerer Bruder David, mit dem er 1977 in London die Band Dire Straits gegründet hatte, verfügt über ein ähnliches Talent als Songschreiber. Doch Mark blieb über die Jahrzehnte sehr viel erfolgreicher als der drei Jahre jüngere David, der schon 1980 die Dire Straits verlassen hatte, weil er sich neben dem älteren Bruder kreativ und emotional eingeengt fühlte.


(David und Mark Knopfler in San Remo)

Mark Knopfler gilt nicht gerade als experimentierfreudiger Innovator im musikalischen Neuland, auch nicht zu Zeiten der Dire Straits. als Komponist bleibt er eher konventionell und mischt die üblichen harmonischen Strukturen und melodischen Motive, allerdings auf durchaus eigene Art und Weise. Und seine Stilmixtur aus Hardrock, schottisch-irischem Folk, Country, Blues, Americana und sogar mit Anklängen an Weltmusik trägt individuelle Züge. Aber als Geschichtenerzähler ist er oft sehr originell und erreicht, was seine textliche Qualität angeht, nicht selten ein hohes Niveau. Und er lässt es sich auch nicht nehmen, eindeutig Stellung zu beziehen. So widmete er der britischen Schriftstellerin Beryl Bainbridge seinen Song „Beryl“ aus dem Album Tracker von 2015. Im Songtext beklagt Mark Knopfler, dass die von den Lesern hoch geschätzte Buchautorin, die 2010 an Krebs starb, zu Lebzeiten von der englischen Booker Prize Foundation zu lange missachtet wurde. Ganze fünf ihrer historischen Romane waren für den renommierten Booker Price nominiert worden, doch niemals hat sie den hoch angesehenen Preis erhalten. Erst nach ihrem Tode erhielt Beryl Bainbridge einen speziellen Sonderpreis. Im Songtext wird Mark Knopfler an die Adresse der Verantwortlichen deutlich: Es ist zu spät, ihr habt es dilletantisch vermasselt. Beryl war bereits in anderen Sphären als sie die Booker Medaille erhielt. Sie lag tot in ihrem Grab  - und das nach allem, was sie gegeben hat.“ Im Interview sagte Mark Knopfler:

Beryl Bainbridge sei eine wunderbare Autorin, was viele Menschen wüssten, aber weil sie aus dem Arbeitermilieu von Liverpool stammte und weil ihr Verleger keine hohe Meinung von ihren Romanen hatte, sei sie verkannt worden, obwohl sie fünfmal für den Booker Price nominiert wurde. Und musikalisch habe er ihr mit einer Rückbesinnung auf seinen frühen Dire Straits-Stil seinen Respekt ausgedrückt, weil es zu der Zeit passt, als sie ihre Romane schrieb. deshalb habe er musikalisch an den Sultans Of Swing-Sound angeknüpft.

Video: Beryl

Eine Reminiszenz an den Sultans Of Swing-Sound des Jahres 1978 hat Mark Knopfler in dieser Songwidmung für die britische Schriftstellerin  Beryl Bainbridge bewusst eingearbeitet. Mark Knopfler ist als hervorragender Gitarrist anerkannt, doch seine besonderen Qualitäten als Texter und Geschichtenerzähler werden nicht in einem ähnlichen Maße gewürdigt, sehr zu Unrecht. Als Beispiel für seine Fähigkeiten als Songpoet sei hier der ausgezeichnete Song „What It Is“  aus dem Album „Sailing To Philadelphia“ ausgewählt, erschienen im Jahre 2000. In der Textübersetzung heißt es - fast mit der Lyrik von Bob Dylan vergleichbar:
Die Lasterhöhlen sind überlaufen, auf den Straßen taumeln Betrunkene umher.
Jungs und Mädels lachen sich darüber kaputt,
ein Knistern liegt in der Luft.
Nahe bei den Verliesen, den Unterkünften und den Warteschlangen
sucht jeder Trost in den Armen eines anderen.
Und es ist, wie es ist - so ist es nun geworden
Raureif liegt auf den Gräbern und den Denkmälern,
aber in den Kneipen ist es stickig warm.
Die Leute verfluchen die Regierung und schaufeln heißes Essen in sich hinein.
Der Mond schaut herab auf all diese Schatten,
auf die Betrunkenen und die Schlaflosen.
Es ist kalt am Schlagbaum, wo die Waggons entlang rattern.
Gott allein weiß, was ich mit dir alles anstellen könnte.
Und es ist, wie es ist - so ist es nun geworden

Video: What It Is

„What It Is“ das ist ein attraktiver Song von Mark Knopfler - in Text und Musik gelungen - Und die fließenden gitarristischen Umspielungen können als Referenz für die Gitarrenarbeit von Mark Knopfler gelten. Als Singleauskopplung war der Song Ende 2000 auch recht erfolgreich, immerhin Platz 3 in den US-Singlecharts. Der Text des Songs sei eine Hommage an die schottische Hauptstadt Edinbera. Im Text ist von einem Dudelsackspieler die Rede, aber im Arrangement ist kein Dudelsack zu hören, aber immerhin eine Fiddle. Instrumente der Folkmusic verwendet Mark Knopfler gern und oft auch prominent in seinen Soloalben. Über sein Verhältnis zur Folkmusic sprach er in einem Interview zu seinem Album „Kill To Get Crimson“ von 2007 einen überraschenden Satz, er sei ein halber Folkmusiker und sei das schon immer gewesen

Interview-Zuspielung

Er habe die Fiddle und das Akkordeon als tonangebende Instrumente eingesetzt, sagt Mark Knopfler, aber nicht ständig sondern nur bei 2-3 Songs seines Albums „Kill To Get Crimson“. Im Song „Heart Full Of Holes“ seien die Instrumente nicht wie im schottischen Folk eingesetzt, sondern wie in einer Polka auf dem europäischen Kontinent. Aber die Polka sei hier eine Art Halluzination. Und er habe da noch weitere Folksounds hineingeworfen, Zither, Banjo und Klavier und auch verrückte Klänge. Und all das habe er zusammengemischt um einen Effekt zu erzielen, aber nicht um ein Wow auszulösen wie bei einem albernen Effekt.


(Heart full of Holes)

Der Song „Heart full of Holes“ ist vom Arrangement her und auch was die Texterzählung angeht sehr komplex und letztlich ein weiteres Aushängeschild für die stilübergreifende Kunst des Songschreibers Mark Knopfler. Über seinen musikalischen Ansatz schrieb der Kritiker Peter Kemper, Zitat: „Seit den ‚Sultans Of Swing’ geht es ihm darum, die englischen, irischen und schottischen Anteile in der amerikanischen Musikkultur zu identifizieren. Oder wie er einmal bekannte: ‚Ich kann in meinen Songs von einer Farm im Norden Englands problemlos auf die Straßen von New York hüpfen, um von ihnen geradewegs in die Sümpfe des Mississippi-Deltas abzutauchen’“ Zitatende. Seiner besonderen Neigung in Richtung schottischer Folkmusic frönte Mark Knopfler ausgiebig in seinem Album „Get Lucky“ von 2009. Sein von folkloristischen, fast zu lieblichen Flötenmelodien begleitetes Liebeslied „Border Reiver“ entpuppt sich als ein Love-Song über einen schottischen LKW der Marke „Border Reiver“ hergestellt von der Firma Albion aus Scotstoun, einem Ortsteil von Glasgow. Im Text heißt es:

Südwärts geht's von Glasgow aus,
Sie strahlt in der Sonne mein Scotstoun-Mädchen auf dem Weg zur Grenze
Wir pfeifen die Berge hinab und quälen uns die Höhen hinauf
ich bin nur ein Dieb, der sich Zeit stiehlt
im „Border-Reiver"
Achthunderttausend auf dem Tacho und noch etliches vor sich
unsynchronisiert und handgeschaltet sie braucht Zwischengas
Sie ist nicht zu kalt im Winter, aber sie brät dich in der Sonne
Ich bin über einsachtzig, doch du kannst den Sitz nicht verstellen
im " Border-Reiver"
‚Sicher wie der Sonnenaufgang’ das sagt man über den Albion
Sie ist ein Albion,
Die Behörden schrecken mich nicht, mein Papierkram ist OK
sie können mir nichts
Ich hab geschlafen letzte Nacht
Es wirft einen passablen Lohn ab
in Neunzehn-Neunundsechzig
Ich bin nur ein Dieb, der seine Zeit stiehlt
im "Border-Reiver"

(Border Reiver)

Ein Folksong über einen alten schottischen LKW „Border Reiver“ aus dem Album „Get Lucky“ von 2009, das in Deutschland Platz 2 der Albumcharts erreichte, wie schon das Vorgängeralbum „Kill To get Crimson“ - erstaunlich gute Chartsnotierungen - so wie schon zu Zeiten der Dire Straits, als die Alben „Communique“ von 1979 , „Love Over Gold“ von 1982, „Brothers In Arms“ von 1985 und „On Every Street“ von 1991 allesamt Platz 1 erreichten. Die Dire Straits verkauften über 120 Millionen Platten und stiegen damit zu den weltweit erfolgreichsten Rockgruppen auf, was den Hauptsongschreiber Mark Knopfler für alle Zeiten finanziell unabhängig machte, weshalb er sich bei seinen Soloalben unter keinerlei kommerziellen Druck zu setzen brauchte und die absolute Freiheit hatte, das zu machen, was ihm gefiel. Warum es mit Dire Straits zu Ende ging, dazu sagte Mark Knopfler 2018 in einem Interview mit der Zeit: „Es war schon mein Kindheitstraum, eines Tages mit einer Rockband erfolgreich zu sein. Und eine ganze Weile war es mit den Dire Straits auch wunderbar. Aber dann wurde mir dieser wahr gewordene Traum zu groß; ich hatte das Gefühl, die Kontrolle über das Geschehen verloren zu haben. Also beendete ich ihn. Es geht ohnehin zu viel Zeit mit Unsinn verloren. Und Zeit ist knapp“., Zitatende.
Im Text des folgenden Song der Dire Straits heißt es:
Mein Leben macht absolut Sinn. Begierde und Essen und Gewalt, Sex und Geld, das sind meine Hauptbeschäftigungen.
Lasst mich kämpfen, ich liebe schmutzige Tricks.
Denn wenn du cool sein willst, Wenn du wirklich cool sein willst, dann musst du den harten Stoff nehmen.

Schon während der Dire Straits-Ära hat Mark Knopfler Solo-Alben veröffentlicht, aber zunächst nur Soundtracks zu Kinofilmen wie etwa Local Hero, The Princess Bride, Last Exit To Brooklyn, Wag The Dog, Metroland und Shot of Glory. Hier im Hintergrund sind übrigens schon die ganze Zeit verschiedene Instrumentaltitel aus dem Album „Wag The Dog“ zu hören, dem Soundtrack zur US-amerikanischen Kino-Satire „mit dem deutscher FilmTitel „Wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt“ aus dem Jahre 1997.

1990, als Mark Knopfler die Dire Straits zum ersten Mal ad acta gelegt hatte, gründete er die kurzlebige Gruppe Notting Hillbillies und überraschte mit einem Country-orientierten Album. Auch sein im gleichen Jahr veröffentlichtes Duo-Album „Neck and Neck“ mit der Gitarren-Legende Chet Atkins hatte Country-Flair, insofern war es nicht völlig überraschend, als er im  April 2004 ein Country-Album gemeinsam mit Emmouly Harris veröffentlichte. Allerdings ist „All The Roadrunning“, so der Titel des Duo-Albums kein reinrassiges Country-Album. Die Dire Straits-Geschichte kann Mark Knopflers Gitarrenspiel niemals völlig verleugnen und die Country-Lady Emmylou Harris hatte in ihren vorherigen eigenen Alben eine innovative Abkehr vom traditionellen Country-Genre vollzogen. Und doch finden sich tatsächlich ein paar recht konventionelle, fast altbackene Country-Songs auf dem Album, zu dem Emmylou Harris 2 Songs und Mark Knopfler 10 beigesteuert hatte. Aber es finden sich auch drei/vier kraftvollere, Rock-orientierte Songs, wie z.B. den Southern-Rock-ähnlichen Titel „Right Now“, aus der Schreibe von Mark Knopfler. Der klare, leicht metallische Sopran von Emmylou Harris verbindet sich recht schön mit der rauchigen Stimme von Mark Knopfler,

Mit diesem Songprogramm des Duoalbums „All The Roadrunning“ sind die beiden 2004 auch auf Deutschland-Tour gegangen. Erst im Mai 2003 gastierte Mark Knopfler mit seiner Begleitband in der Frankfurter Festhalle. Die Tatsache, dass das Konzert damals bestuhlt war, löste bei einstigen Dire Straits-Fans Unsicherheit aus, ob denn überhaupt mit einem Rock-Konzert zu rechnen sei. Denn das Song-Repertoire der letzten Solo-Alben von Mark Knopfler war merklich romantischer, auch langsamer und leiser und balladesker geworden, sodass schon der Spruch umging, aus dem „Sultan of Swing“ sei ein „Sultan of Sleep“ geworden. Doch von  einschläfernder Entspannungsmusik für die Fifty- und Sixtysomethings war das tatsächlich ruhiger gewordene Songprogramm jener Jahre und Alben doch noch recht weit entfernt. Mark Knopfler war schon immer ein Ökonom, sowohl als Gitarrist mit seinen eher spärlich eingesetzten  Gitarrenlicks und den knappen Soli, als auch als Songkomponist, der die einfache Form bevorzugt. Und diesen ökonomischen Umgang mit dem Material hat sich auf seinen Solo-Alben noch intensiviert. Doch als Geschichtenerzähler ist er nicht reduzierter geworden, eher im Gegenteil.

In seinem Song „Why Aye Man“ von 2002 erzählt er die Geschichte von britischen Wanderarbeitern aus Newcastle, die zu Zeiten der eisernen Lady Maggie Thatcher wegen der damals hohen Arbeitslosigkeit in England gezwungen waren, sich in Deutschland auf dem Bau zu verdingen. Fern der Heimat malochen zu müssen und mit den schwierigen Lebens- und Arbeitsbedingungen in Deutschland klarzukommen, das ertrugen sie dank des deutschen Biers, der Froileins und der vielen Deutschmarks, die sie verdienen konnten. Und wie er diese Geschichte der englischen Bauarbeiter, die deutsche Gebäude hochziehen, aufbaut, das ist handwerklich schon sehr gut gemacht: englische Wertarbeit, sozusagen.

Aus Mark Knopflers Album „The Ragpicker’s Dream“ (Des Lumpensammlers Traum), veröffentlicht im September 2002 stammt dieser Song „Why Aye Man“ über Wirtschaftsflüchtlinge aus dem United Kingdom, britische Gastarbeiter auf deutschen Baustellen zu Zeiten von Maggie Thatcher. Der Text enthält einige wortwitzige Wendungen und Anspielungen, da heißt es wörtlich: „german tarts are wunderschön“, wobei „tarts“ nicht nur für Törtchen steht, sondern auch für Flittchen. Eine andere Zeile lautet: „hadaway down the Autobahn“, wobei mit „Hadaway“ der gleichnamige aus Trinidad stammende Popsänger gemeint ist, der in den frühen 90er Jahren mit zwei Dancepop-Hits vor allem in Deutschland sehr populär war. Und dann findet sich da auch noch mit „Work on Maggies Farm“ ein Zitat von Bob Dylan, der schon 1965 sang: „I don’t work on Maggies Farm no more“. Sozusagen auf Bob Dylans Farm arbeitete Mark Knopfler 1983, als er dessen Album „Infidels“ produzierte und auch als Gitarrist soundprägend mitspielte. Knopfler war in jener Zeit ähnlich workaholic-mäßig überaktiv wie damals der später geschmähte Phil Collins. Sein neuartiges und stilbildendes Gitarrenspiel und der Megaerfolg seiner Dire Straits brachte Mark Knopfler Aufträge zu Hauf. So schrieb er z.B. für Tina Turner den Titelsong ihres 1984er Erfolgsalbums „Private Dancer“. Außerdem fungierte er als Produzent einzelner Songs bei den Tina Turner-Alben „Break every rule“ von 1986 und „Foreign Affair“ von 1989. Mit den irischen Chieftains musizierte er auf deren berühmtem 95er Album „The Long Black Veil“, er spielte Gitarre für Van Morrison, Steely Dan, Jon Anderson, Buddy Guy, Joan Armatrading und Sting, spielte bei Plattensessions von Eric Clapton, Willy DeVille, Bryan Ferry, Phil Everly und Randy Newman, dessen 88er Album „Land of Dreams“ er auch zum Teil produzierte.


It’s Money that matters - Randy Newman + Mark Knopfler

Mark Knopflers derzeitige Welttournee legt aktuell eine kurze Pause ein. Seinen 70. Geburtstag am heutigen 12. August feiert Mark Knopfler nicht auf der Konzertbühne.

Der Kramladen feierte in ByteFM schon am 08.08.19  Mark Knopfler und die unaufgeregte Musik des Altrockers, nach dem eine auf Madagaskar entdeckte Dinosaurierart benannt wurde: Masikasaurus Knopflieri.

Mark Knopfler (Foto: Fabio Lovino)

 

Mark Knopfler - ein Porträt zum 70. Geburtstag

(Der Text entstammt weitgehend meinem Manuskript meiner Kramladen-Sendung vom 08.08.19 in ByteFM)