„All Things Must Pass“ – zum 20. Todestag von George Harrison

George Harrison (Foto: Wikipedia)

BLOG zum 20. Todestag von George Harrison 29.11.21

„All Things Must Pass“ – zum 20. Todestag von George Harrison

Vor 52 Jahren, genau am 29. November 1969 stand die Beatles-Single „Something“ auf Platz 1 der US-Single-Charts, es war der erste Nummer-Eins-Hit für den Songschreiber George Harrison.
Am 25. Februar 1943 wurde George Harrison geboren; 58 Jahre später, am 29.11.2001 starb er an einem schweren Krebsleiden. Ausgerechnet er wurde von der schlimmsten Geißel der Menschheit gleich mehrmals heimgesucht. Er, der spirituellste der Fab Four, der als zutiefst gläubiger Mensch mit sich und seinem Leben im Reinen war – wie er immer wieder in Interviews sagte – musste gleich drei verschiedene Krebserkrankungen erleiden. Die ersten beiden konnte er überwinden, doch ein inoperabler Hirntumor ließ ihm schließlich keine Chance mehr. Auch 20 Jahre nach seinem Tod ist die Popularität von George Harrison ungebrochen und seine Bedeutung für die Popwelt wird zunehmend gewürdigt.
Er stand immer im Schatten der beiden Über-Beatles Lennon/McCartney. Und seine Qualitäten als Songschreiber verblassten immer neben den Genies John und Paul. Doch mit größerem zeitlichem Abstand beginnt die Musikkritik allmählich umzudenken, hört genauer hin, bewertet neu und verortet George Harrisons Position in der Rangordnung zu Lennon/McCartney nicht mehr mit dem großen qualitativen Abstand, wie das noch in früheren Jahren allgemeiner Konsens war.
Mit „Something“ und „Here Comes The Sun“ lieferte George Harrison die beiden populärsten Songs des Beatles-Albums „Abbey Road“ von 1969 und bewies damit sein lange unterschätztes Können auch als erfolgreicher Songschreiber.

 

 

Während Ringo von John als der „zweitbeste Drummer der Beatles“ (nach Paul) bespöttelt wurde, war George Harrisons Stellung als technisch versiertester, brillanter Gitarrist stets ungefährdet – zumindest in der allgemeinen Popwelt. Bei den Beatles allerdings wurde George nicht selten von Paul McCartney als Lead-Gitarrist verdrängt. Erstaunlich ist jedenfalls die große Zahl von Beatles-Songs, bei deren Studioaufnahme nicht George, sondern Paul die Lead-Gitarre spielte. So übernahm Paul die Rolle des Lead-Gitarristen bei Songs wie:
„Ticket To Ride”, „Yes It Is” (Single, A- und B-Seite, April 1965), „Another Girl” (Help, August 1965), „Drive My Car”, „I’m Looking Through You“, „Michelle“ (alle Rubber Soul, Dezember 1965), „Taxman” (Revolver, August 1966), „Good Morning, Good Morning” (Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band, Juni 1967), „Helter Skelter”, „Back In The USSR”, „Martha My Dear”, „I Will”, „Why Don’t We Do It In The Road” (alle The Beatles [White Album], November 1968), „She Came In Through The Bathroom Window”, „Oh! Darling” (beide Abbey Road, September 1969).

In der Gitarrenzunft hat George Harrison bis heute einen guten Ruf – nicht zuletzt wegen seines exzellenten Slide-Gitarrenspiels. Vor allem in den sechziger Jahren galt er als Neuerer, was Soundexperimente anging. Mit „Wonderwall Music“ (1968) und „Electronic Sound“ (1969) veröffentlichte er zwei Soloalben, die als klanglich innovativ galten. Bei den Aufnahmen zum Album „Electronic Sound“ experimentierte er als einer der ersten Popmusiker mit dem Moog-Synthesizer

George Harrison war der erste Popmusiker, der sich mit der indischen Sitar ernsthaft beschäftigte. Im Juni 1966 lies er sich von Ravi Shankar (*7. April 1920, † 11. Dezember 2012) in die Geheimnisse und Spieltechniken der Sitarmusik einweisen. Und er war der erste, der das Interesse der Popwelt für die indische Philosophie und Musik weckte. Insofern darf man ihn als Pionier der Weltmusik und insbesondere des Raga-Pop ansehen und als Wegbereiter für die Spiritualität des Ostens in der westlichen Welt. Der am 5. Februar 2008 verstorbene Guru Maharishi Mahesh Yogi hatte seinen Ruhm im Westen vor allem George Harrison zu verdanken. Doch es wäre falsch, den „stillen Beatle“ nur als vergeistigten, religiösen Menschen darzustellen.
George Harrison produzierte z.B. die bitterböse Jesus-Filmsatire „Das Leben des Brian“ von Monthy Python und finanzierte die Beatles-Parodie „The Rutles: All You Need Is Cash“

 

 

George Harrison war es, der als erster der Fab Four die Nach-Beatles-Ära erfolgreich begann. Sein Triple-Album „All Things Must Pass“ belegte Ende 1970 Platz 1 der US-LP-Charts. Und seine Solo-Single „My Sweet Lord“ stand im Frühjahr 1971 fünf Wochen lang an der Spitze der britischen Charts. Am immensen Erfolg dieser Komposition sollte er allerdings keine Freude haben, denn er wurde mit Plagiatsvorwürfen konfrontiert.

"My Sweet Lord" Single-Cover

Den Songtext seines größten Single-Hits „My Sweet Lord“ kann man als Gebet verstehen, in dem Gott angerufen wird, wobei im Chor sowohl das christlich-jüdische „Hallelujah“ als auch das hinduistische Mantra „Hare Krishna“ zu hören ist. In den Strophen wünscht sich George Harrison seinen Herrn zu sehen, ihn zu erkennen und mit ihm zusammen zu sein. Die Musik des gottesfürchtigen Songs sorgte für den berühmtesten Plagiatsprozess der Popgeschichte. Der Vorwurf lautete, George Harrison habe die Melodie und Harmonik seiner Komposition „My Sweet Lord“ bei dem sieben Jahre zuvor veröffentlichten Song „He’s So Fine“ von The Chiffons, einer US-amerikanischen Girlgroup der frühen sechziger Jahre, geklaut. Tatsächlich sind die musikalischen Übereinstimmungen zwischen beiden Songs erheblich.

 

 

Mit der Komposition von „MySweet Lord“ sei George Harrison ein „unbeabsichtigtes Plagiat“ unterlaufen. Mit diesem Urteilsspruch endete der langjährige Rechtsstreit. George Harrison musste an die Rechteinhaber von „He’s So Fine“ eine Schadenersatzsumme von 1,6 Millionen US-Dollar bezahlen. Als Resümee zu dieser leidigen Angelegenheit schrieb George Harrison in seiner Autobiografie I Me Mine: „Ich habe sogar versucht, My Sweet Lord einfach wegzugeben, um die Sache zu erledigen – gebt ihnen einfach die Rechte; ist mir völlig egal. Ich habe sowieso nie Geld davon gesehen – es lag immer beim Treuhänder – und soweit es mich betrifft, übersteigt die Wirkung, die das Lied gehabt hat, bei weitem das ganze Herumgezanke, das sich zwischen den Urheberrechts-Leuten abgespielt hat; das ist alles nur Gier und Eifersucht. Gebt denen das Lied – mir egal. Aber meine Anwälte sagten: ‚Oh nein, das kannst du nicht machen, das ist unmöglich […]‘. Und so zieht sich diese Angelegenheit weiter hin, aber mir verursacht es sicher keine schlaflosen Nächte.“
Welche Bedeutung der Song auch heute noch hat, demonstrierte 2020 eine Gruppe von 14 Musikern aus Italien, Indien und Großbritannien

 

Tribute to "My Sweet Lord" - 50th anniversary

 

Auf die Plagiatsvorwürfe um seinen Song „My Sweet Lord“ reagierte George Harrison mit einem im höchsten Maße ironischen Song 1976 in seinem Album „Thirty Three & 1/3“. Im Text von „This Song“ heißt es: „Dieses Lied ist weder schwarz noch weiß und so weit ich es beurteilen kann, verstößt es gegen keine Urheberrechte… Diese Melodie ist nicht schlecht oder gut und komme was wolle, mein Experte sagt mir, es ist in Ordnung. Denn dieses Lied kam zu mir – unwissentlich.“
Zur Single-Veröffentlichung produzierte er ein satirisches Video.

 

„My Sweet Lord“ war übrigens nicht die einzige Komposition von George Harrison, die ihm Probleme mit dem Urheberrecht einbrachte. Auch die beiden Komponisten des Cliff Richard-Hits „Congratulations“ von 1968 klagten erfolgreich, weil der George Harrison-Song „It’s Johnny’s Birthday“ aus dem Album „All Things Must Pass“ in wesentlichen Zügen ihrer Komposition entsprach.
Am 1. August 1971 organisierte George Harrison das erste große Benefiz-Festival der Popgeschichte „Concert For Bangla Desh“, das allerdings wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten in Misskredit geriet – wofür George Harrison allerdings keine Schuld traf. Zu den Stars des Benefizkonzertes gehörten Bob Dylan, Eric Clapton, Ringo Starr und Ravi Shankar. Das Dreifach-Album „The Concert For Bangla Desh“ zählt bis heute zu den wichtigsten Live-Dokumenten der Popmusik.

 

 

Auf seinen ersten Welthit „My Sweet Lord“ folgten weitere Erfolgssongs, wie etwa „What Is Life” von 1971, „Give Me Love (Give Me Peace On Earth)“ von 1973, „Living In The Material World“ (ebenfalls 1973), „All Those Years Ago“ (1981), u.a.

Cloud Nine Cover

Doch es dauerte lange bis George Harrison wieder ein Album veröffentlichte, das in Gänze sowohl bei den Kritikern Bestand hatte als auch beim Publikum ankam: das Album „Cloud Nine“ von 1987 enthielt neben dem Top-Twenty-Hit „When We Was Fab” sogar wieder einen Nummer 1-Hit mit der Single „Got My Mind Set On You“ – geschrieben allerdings schon 1962 von Rudy Clark für den Sänger James Ray.

 

 

Die Beatles waren allesamt Fans von Bob Dylan – und das sogar schon vor dem historischen Zusammentreffen am 28.08.1964 in New York, als Dylan die Beatles mit dem Kiffen vertraut machte. George Harrison hatte im Januar 1964 in Paris, als die Beatles dort im Olympia auftraten, das Dylan-Album „The Freewheelin’ Bob Dylan“ gekauft und seinen Bandkollegen vorgespielt. Alle waren von den Songs des jungen Folksängers begeistert. Der Einfluss von Dylans Texten auf John Lennons Entwicklung als Songschreiber ist Geschichte. Doch keiner der Vier pflegte eine solch intensive und lebenslange Freundschaft zu Dylan wie George Harrison. Als Dylan sich 1968 nach seinem Motorradunfall nach Woodstock zurückzog und mit seinen damaligen Begleitmusikern von The Band eine Vielzahl neuer Songs in deren Haus Big Pink aufnahm – was später als The Basement Tapes berühmt werden sollte, war George Harrison dort gern gesehener Gast. Bob Dylan interessierte sich für die ausgefallene Harmonik in vielen Beatles-Songs und bat George Harrison, ihm ein paar der „weird chords“, die Dylan schätzte aber nicht kannte, auf der Gitarre zu zeigen. Besonders Akkorde mit der großen Septime hatten es Dylan angetan, doch er wusste nicht, wie diese ebenso schrägen wie offenen Akkorde auf der Gitarre gegriffen werden. George Harrison zeigte dem großen Songschreiberkollegen, der nur über einen kleinen Vorrat an Akkorden verfügte, bereitwillig gitarristische Kniffe und Griffe. Aus der gemeinsamen Lehrstunde über Akkorde mit der großen Septime entstand ein gemeinsam geschriebener Song „I’d Have You Anytime“, der mit den Akkorden Gmaj7 und Bmaj7 beginnt und schließlich im Harrison-Album „All Things Must Pass“ veröffentlicht wurde

 

 

Für sein Triple-Album „All Things Must Pass“ nahm George Harrison auch den Dylan-Song „If Not For You“ auf, ein Liebeslied für Dylans damalige Frau Sara, den Dylan selbst 1970 in seinem Album „New Morning“ veröffentlichte. Die Freundschaft und Partnerschaft zwischen Dylan und Harrison war damals so eng, dass Dylan seinen 1968 geschriebenen Song „I Don’t Want To Do It“ George Harrison überließ, der eine Demo-Fassung für das Album „All Things Must Pass“ aufnahm. Doch erst 1985 sollte George Harrison das Song-Geschenk „I Don’t Want To Do It” seines Freundes Bob Dylan veröffentlichen.

 

 

Das ist wahrlich eine Song-Rarität aus dem Jahre 1985 „I Don’t Want To Do It“, geschrieben von Bob Dylan, aber niemals von ihm selbst aufgenommen. Die Interpretation von George Harrison erschien auf dem Soundtrackalbum zu einem mediokren Kino-Film mit dem Titel „Porky’s Revenge“. Vom Sound her – und auch was Arrangement und Produktion anging – nahm diese Aufnahme im Grunde das vorweg, was ab 1988 die Travelling Wilburys präsentieren sollten, jene Supergruppe, die George Harrison gründete – gemeinsam mit Bob Dylan, Tom Petty, Jeff Lynne und Roy Orbison. Dem Bandzusammenschluss der Stars war kein langes Leben beschieden. Nach dem Tod von Roy Orbison im Dezember 1988 folgte zwar noch ein zweites Album. Doch spätestens mit der Krebs-Erkrankung von George Harrison, dem inoffiziellen Kopf der Gruppe, waren die Band-Aktivitäten zu Ende.

 

 

Nach der Zusammenarbeit mit den Travelling Wilburys und der Veröffentlichung des letzten Livealbums „Live in Japan“ im Juli 1992 zog sich George Harrison mehr oder weniger ins Privatleben zurück, was auch seinem sich verschlechternden Gesundheitszustand geschuldet war. Acht Jahre nach George Harrisons Tod erschien 2009 die Song-Kompilation „Let It Roll – Songs by George Harrison“ Darin enthalten sind einige der bekanntesten und auch ein paar der wichtigsten Songs aus den Solojahren von George Harrison, so z.B. auch drei Songs aus seinem letzten, postum veröffentlichten Album „Brainwashed“, mit dem er nochmals ein bemerkenswertes Statement in textlicher wie musikalischer Hinsicht seinen Fans hinterließ. Der eröffnende Song des Albums, „Any Road“, der 2004 für die Grammy Awards nominiert wurde in der Kategorie „Best Male Vocal Performance“, beginnt mit einer kleinen Studioszene. George Harrison bittet den Tontechniker im Aufnahmestudio ihm viel Ton von seiner Gitarre auf den Kopfhörer zu geben

 

 

Der Song wird beendet von einem kurzen Schrammeln auf der Banjulele, einem Zwischending aus Banjo und Ukulele, das George Harrison genauso zu spielen wusste wie eine Slide-Gitarre, die zuvor zu hören war, in diesem Song „Any Road“ in dessen Text es heißt: „Wenn du nicht weißt, wo du hingehst, dann führt dich jede Straße hin“. Im Text dieses Songs und auch anderer aus dem posthum veröffentlichten letzten Album von George Harrison „Brainwashed“, ist zu spüren, dass ihm klar war, welcher Weg vor ihm lag.

Brainwashed Cover

Die Songs des Albums hat er noch kurz vor seinem Tod geschrieben. Die Arbeit an den Aufnahmen konnte er nicht mehr beenden, das haben für ihn sein Sohn Dhani und der Produzent Jeff Lynne übernommen. Ein Jahr nach seinem Tod erschien das Album „Brainwashed“ im November 2002 und wurde leider nicht sonderlich beachtet. Überhaupt und grundsätzlich ging es ihm da ähnlich wie seinen Ex-Beatles-Freunden, seine Solo-Arbeiten standen immer im Schatten seiner Songs, die er für die Beatles geschrieben hatte. Waren die Songs aus der Beatles-Ära besser als die seiner Solo-Jahre, waren sie auf gleichem Qualitätsniveau, nur durch die Mitwirkung der restlichen drei Beatles so einzigartig veredelt worden? Die Pop-Kritik hat sich mit dem musikalischen Lebenswerk von George Harrison noch nicht wirklich inhaltlich ausführlich und erschöpfend befasst. Doch seit dem 9.9.2009, dem Datum der Wiederveröffentlichung aller Beatles-Alben, restauriert und remastered, mehren sich die Stimmen, die Dank des verbesserten Höreindrucks, nun neue Qualitäten auch in den Beatles-Songs von George Harrison entdecken. Einige Harrison-Songs haben durch die digitale Überarbeitung und verbesserte Klangqualität tatsächlich an Akzeptanz und Wertschätzung gewonnen.

Beatles Long Long Long
Klaviernoten Cover

Vor allem der Song „Long Long Long“ aus dem Weißen Album von 1968 ist in der klanglichen Neufassung sehr viel ausdrucksstärker geworden, weil die enormen Dynamikunterschiede des Songs, die George Harrison für diese Komposition vorschwebten, in der ersten CD-Fassung des Weißen Albums kaum zur Entfaltung kamen – wegen der lieblosen, offenbar schnell ausgeführten Umwandlung der analogen LP-Aufnahme in die digitale CD-Version. Der neue aufwändige Remastering-Prozess hat diese ausgeprägten Lautstärke- und Dynamik-Kontraste des Songs endlich in guter Qualität hörbar gemacht. Zu Beginn des Songs singt George Harrison so zurückhaltend leise, dass man den Textinhalt kaum verstehen kann.
Dann plötzlich, nach 27 Sekunden, donnert Ringos Schlagzeug für zwei Takte explosiv in die kontemplative Ruhe hinein. Die sich danach wieder einstellt – bis zur nächsten wuchtigen Schlagfolge, die den betulichen ¾-Takt kräftig aufmischt. Doch die kraftvoll wirbelnden Stöcke zerschlagen kein Porzellan. Die sensible Folkgitarrenstimmung des Songs wird durch Ringos markant getrommelten Einwürfe nicht zerstört, sondern in der Kontrastsetzung eher noch intensiviert. Auch jegliche Gefahr einer weinerlichen Larmoyanz und schläfrigen Trägheit, vor der manche Balladen von George Harrison nie so gänzlich gefeit sind, wird durch Ringos Trommelweckrufe gebannt.
The Beatles „Long Long Long“

 

 

Was für ein Song-Abschluss. George Harrison erzeugt kratzend metallische Geräusche auf den Gitarrensaiten. Gleichzeitig beginnt er einen heulenden, klagenden Gesang anzustimmen, der ins Atonale kippt und langsam erstirbt. Ein letzter spukhafter Akkord, über die abgedämpften Saiten gestrichen. Und Ringos trockener Abschlag, wie eine Tür, die mit Rumms ins Schloss fällt. So endet der Harrsison-Song „Long Long Long“ und damit die dritte Seite des Weißen Albums. Ein fürwahr seltsamer Schluss. Trauer über Liebesverlust, Sehnsucht und Freude, die Liebe wieder gefunden zu haben – darum kreisen die Zeilen des schlicht und ohne Sprachbilder formulierten Songtextes. Dies ist eines der ersten Liebeslieder von vielen, die später noch auf George Harrisons Soloalben folgen sollten, von denen man nicht so recht weiß, ob eine bestimmte Frau, eine geliebte Person angesungen wird oder sein „sweet Lord“. In seinem Buch „I Me Mine“ von 1980 gibt er zu Protokoll, mit dem „You“ im Songtext von „Long Long Long“ sei Gott gemeint.

Buch-Cover

Über weite Strecken klingt der Song Long, Long, Long wie eine kleine spirituelle Oase der Ruhe in einem wilden Wechselbad der Gefühle, das die unmittelbar vorausgegangenen Songs des Weißen Albums ausgelöst haben. Auch die anderen Harrison-Songs des „White Album“ zeigen Charakter und beweisen kompositorische Qualität, vor allem natürlich der Song „While My Guitar Gently Weeps“, aber auch der soul-inspirierte Rocktitel „Savoy Truffle“ und mit Abstrichen auch der Song „Piggies“. Der Aufwärtstrend in der allgemeinen Wertschätzung von Harrison-Kompositionen setzte sich auch im 1969 veröffentlichten Beatles-Album Abbey Road fort. Mit „Something“ und „Here Comes The Sun“ lieferte George Harrison die beiden populärsten Songs des „Abbey Road“-Albums.
War er mit seinen Songbeiträgen zu den letzten Beatles-Alben auch als Komponist nun endlich anerkannt, was sich mit seinem ersten Solowerk, dem Dreifach-Album „All Things Must Pass“ bestätigen sollte, setzte bei den später folgenden Platten-Kritiken aber bald eine Art Erosion ein, in Bezug auf seinen neu gewonnenen Status, ein hervorragender Songschreiber zu sein. Aus ersten Mäkeleien wurden bald abwertende Kommentare bis zu naserümpfenden Verrissen. Die Kritiker begannen sich auf George Harrison einzuschießen, manche ließen während seiner Solozeit kaum noch ein gutes Haar an seinen Songschreiber-Fähigkeiten. Dies hat sich inzwischen merklich geändert.
Zumindest wurden im Laufe der Jahre einige Vorurteile revidiert, einige schnelle Abkanzeleien einzelner Soloalben zurückgenommen. Aber die Gesamtbewertung aller Songs, die George Harrison je geschrieben und aufgenommen hat, tendiert doch eindeutig in Richtung der bekannten Einschätzung, dass seine Beatles-Songs höher zu bewerten sind als seine Solo-Songs. Ob dieses Werturteil so generell wirklich richtig ist, darf bezweifelt werden. Tatsache ist aber auch, dass die Musiker-Kollegen weltweit seine Beatles-Songs häufig gecovert haben, aber nur äußerst selten einen seiner Solosongs. Bei seinen Solosongs muss man schon etwas intensiver suchen, will man eine Coverversion finden. Aber immerhin: David Bowie hat für sein Album „Reality“ von 2003 eine Neufassung des George Harrison-Songs „Try Some Buy Some“ aufgenommen.

 

George Harrison „Try Some Buy Some“:

 

David Bowie drückte seine Wertschätzung für George Harrison aus, als er dessen Song „Try Some, Buy Some“ aus dem Harrison-Album „In The Material World“ im Jahre 2003 für sein Studio-Album „Reality“ neu bearbeitete und aufnahm.
George Harrison führte kein typisches Popstarleben, fast im Gegenteil. Auf Parties sah man ihn in seinen letzten beiden Lebensjahrzehnten eher selten. Statt Disco-Sounds und dem Groove des Nachtlebens lauschte der Frühaufsteher lieber dem Vogelgezwitscher beim Gärtnern auf seinem Anwesen, einem viktorianischen Landsitz in der Grafschaft Oxfordshire. In einem Interview sagte er, es würde ihm schwer fallen, der Stille und dem glücklichen Leben auf dem Lande den Rücken zu kehren. Er würde lieber zuhause bleiben und zuschauen, wie das Wasser den Fluss hinunterfließe.

Friar Park, George Harrisons Landsitz (Foto: Wikipedia)

Aber auch in seiner Landidylle blieb er von der Außenwelt nicht unbehelligt. Auch er musste wie schon John Lennon erfahren, dass es ein Fluch sein kann, eine lebende Legende zu sein. Auch er wurde Opfer eines Attentats, das zum Glück allerdings nicht wie bei John Lennon tödlich endete. Am 30. Dezember 1999 drang ein psychisch gestörter Einbrecher in sein Anwesen ein und verletzte ihn schwer durch Messerstiche. Sein Biograph Allan Clayson schrieb, die Messerattacke durch diesen Geisteskranken sei Mitschuld am Tode von George Harrison. Er sei vom Attentäter in die Lunge gestochen worden, und das gerade zu der Zeit, als George Harrison die Diagnose Lungenkrebs bekam. Das habe nicht nur einen psychischen Schaden verursacht. George Harrison hatte seinen Lungen- und Kehlkopfkrebs selbst auf sein exzessives früheres Rauchen zurückgeführt.
Als er am 29. November 2001 an den Folgen eines Hirntumors starb, trauerte die ganze Welt. Auf allen Radiokanälen waren damals seine Songs zu hören, nicht nur seine Beatles-Klassiker, sondern auch manche seiner Solosongs, wie etwa der gleich folgende aus seinem zweiten Solo-Album von 1973 „Living In The Material World“.

Give Me Love, Single-Cover

Die damals ausgekoppelte Single „Give Me Love“ wurde von den meisten Kritikern als banal und belanglos abgelehnt. Aber mit dem großen Zeitabstand hat der Song inzwischen durchaus gewonnen, vor allem die rhythmische Phrasierung, die nach etwa 2 Minuten 30 einsetzt, ist trickreich und für einen herkömmlichen Popsong allerehrenwert. Der deutsche Bassist Klaus Voormann, der bei der Songaufnahme den Bass spielte, lobte die rhythmische Finesse des Songs.
Klaus Voormann sprach in einem Interview von der besonderen Rhythmik des Songs „Give Me Love“, einer Mixtur aus Rock- und Swing-Beat, die schwierig zu spielen sei, was ihm und dem Drummer Jim Keltner aber gut gelungen sei.
Der Song beginnt mit George Harrisons damaligem akustischem Markenzeichen, dem mehrstimmig arrangierten Satz von Slide-Gitarren, dessen Ausführung technisch makellos gelang, doch dieser überaus melodische Slide-Gitarren-Satz weist allerdings auch einen Hang zur Süßlichkeit auf.

 

 

Wegen Songs wie diesem wurde George Harrison damals 1973 von den Meinungsführern unter den Kritikern arg gescholten, was man aus der Zeit heraus verstehen muss, schließlich war 1973 der Höhepunkt des Jazzrock und des progressiven Artrock. Daneben wirkten die Popsongs von George Harrison doch etwas simpel. Außerdem wurde in jener Zeit der politischen Aufbruchsstimmung sein häufiges Ansingen von Gott und Lord und Jenseits als rückschrittlich empfunden. George Harrison äußerte sich später zu dieser Kritik in einem Interview.
Er sagte, die Leute würden sich fast bedroht fühlen, wenn man etwas anderes singen würde als Bebopalula, nicht alle, aber doch einige, sie wollten einfach nichts anderes hören. Und wenn man etwas anderes ausdrücken wolle, was nicht trivial sei, dann könnten sie nicht anders reagieren, als zu sagen, du hältst Vorträge oder das sei eine Predigt, was es aber nicht sei, sondern nur eine andere Sichtweise. Aber sie würden es nicht mögen, wenn man sich so darüber äußere. Und wenn man von Gott oder dem Herrn sprechen würde, dann würden manchen Leuten die Haare zu Berge stehen. Und das sei interessant, denn üblicherweise würde man doch, wenn einem etwas nicht gefällt, dem aus dem Wege gehen, würde es nicht beachten und sich nicht die Laune davon verderben lassen, aber diese Leute würden Stunden und Tage damit verbringen, um seitenweise zu schreiben, was für ein Depp er sei, dann erfülle er doch wahrscheinlich einen nützlichen Zweck für Leute wie diese.
Heute beurteilt man George Harrisons Frömmigkeit etwas entspannter und inzwischen ist sein Album „Living In The Material World“ längst rehabilitiert und als gutes, wenn auch nicht überragendes Popalbum allgemein anerkannt.

Living In The Material World, Cover

Das Ende 2006 wiederveröffentlichte und klanglich überarbeitete Album enthält zwei bislang unveröffentlichte Bonus-Titel. Bei der Live-Aufnahme des countryesken Songs „Miss O’Dell“ muss George Harrison mehrmals lachen unter anderem wegen des fröhlichen aber etwas übertriebenen Geklappers der Kuhglocke.

 

 

Miss O’Dell so heißt dieser fröhliche Bonus-Titel aus dem 2006 wiederveröffentlichten zweiten Solo-Album „Living In The Material World“ von George Harrison. Fröhliche Ausgelassenheit war nicht unbedingt ein typisches Charakteristikum von George Harrison, dann schon eher seine zurückhaltende Art einer In-sich-Gekehrtheit, die als innere Emigration beschrieben wurde, aber auch als ein glückliches Bei-sich-Selbstsein. Ein Kritiker schrieb, er sei das Gegenteil von aller glorreichen Exponiertheit gewesen, die der Pop gerade den Einsamen zu bieten habe. Er sei im Grunde bescheiden und zurückhaltend geblieben, konnte man über ihn lesen. Sein berühmter Ausspruch, ein Beatle zu sein, sei doch nicht das höchste Gut, das man im Leben erreichen könne, machte deutlich, dass er seinen Superstarruhm reflektierte und auch kritisch einschätzte. Beobachter sprachen davon, dass er unnahbar sein könne, manchmal etwas herablassend wirke und mitunter eine Art an den Tag lege, als sei er ein Vertreter des konservativen englischen Landadels. Diese Position des Distanzhaltens und eines „Komm-mir-nicht-zu-nahe ich-brauche-meinen-Raum“ kam schon zum Ausdruck im allerersten Song, den George Harrison für die Beatles schrieb: „Don’t Bother Me“, erschienen 1963 im Album „With The Beatles.

 

 

George Harrisons ablehnende Haltung gegenüber dem britischen Steuersystem, das Superreiche wie ihn mit hohen Steuern schröpfte, besang er bitterböse im Song „Taxman“ aus dem Album „Revolver“ von 1966
Taxman -- George Harrison and Eric Clapton (live in Tokio, Japan)

 

Im Song „Taxman“ wetterte er gegen die Steuereintreiber. Und im Song „Piggies“ aus dem Weißen Album von 1968 verglich er Menschen mit Schweinen, weshalb sich der Kritiker Ian MacDonald zu der überzogenen Aussage verstieg, „dass hinter religiöser Frömmigkeit oft nichts weiter als Menschenhass stecke, das zeige sich in Harrisons böser Satire auf die Spießergesellschaft.“ Was natürlich völlig überzogen ist, auch wenn man George Harrison eine milde Form von Überheblichkeit oder herablassender Besserwisserei wohl nicht absprechen kann, keinesfalls aber Menschenhass.

 

 

Sein gesellschaftskritisch gemeinter Song “Piggies” aus dem Weißen Album gehört zu den bekannteren Songs, der insgesamt 22 George Harrison-Kompositionen, die es auf die Alben der Beatles geschafft haben. Sein berühmtester, weil erfolgreichster Song mit den Beatles stand vor 52 Jahren auf Platz 1 der US-Single-Charts. Hier ist die Live-Version des Songs aus dem „Concert For Bangla Desh“ zu hören

 

 

George Harrison erzählte über die Entstehung von „Something”, er habe den Song 1968 im Abbey Road Studio geschrieben, in einer Pause während der Arbeiten am Weißen Album. Weil das Doppelalbum fertig werden musste, hätten die Beatles oft getrennt in verschiedenen Studios gearbeitet. Er hätte gerade eine Pause gehabt und in dieser Auszeit habe er „Something“ geschrieben, einen Song von dem die meisten Leute gedacht hätten, es sei eine Komposition von Lennon/McCartney, das sagte er nicht ohne Ironie. Es muss für ihn eine gewisse Genugtuung gewesen sein, dass nicht wie früher immer ein Lennon/McCartney-Song die Spitze der Charts anführte, sondern, dass zum ersten Mal in der Beatles-Geschichte der erfolgreichste und populärste Song eines Beatles-Album von ihm stammte.

Single-Cover Something/Come Together

Doch sein Hit „Something“ aus dem Abbey Road-Album war für ihn nicht der wichtigste Song seiner Songschreiber-Karriere. In einem seiner letzten Interviews sprach er davon, dass die Songs, an denen er gerade arbeite, für ihn bedeutender seien. Doch er konnte die Songs seines postum veröffentlichten Albums „Brainwashed“ nicht mehr vollenden. Dies übernahmen für ihn sein Sohn Dahni und sein Freund und Produzent Jeff Lynne.
Als eine Art inhaltliches Vermächtnis könnte man das Titelstück dieses seines letzten, nach seinem Tod erschienenen Albums „Brainwashed“ ansehen. Im Text zählt er auf, was alles zu unser aller Gehirnwäsche heutzutage seiner Meinung nach beiträgt: die Lehrer, die Politiker in Brüssel, Bonn, Washington und London, der Nikkei-Index und der Dow Jones, das Militär und die Presse, die Computer und die Handys. Er dagegen ruft immer wieder Gott und dessen Weisheit an. Zum Ende des Songs singt er nur noch zu dezenter Tabla-Begleitung ein meditatives Hindu-Gebet

 

 

Das ist George Harrison, wie er sich selbst sieht und wie er seine Kunst und seine Botschaft der Nachwelt hinterlassen sehen möchte: als ein im Gebet versunkener, mit sich eins-Seiender. Der aber dennoch mitten in der alltäglichen Wirklichkeit steht und seine Position zur gesellschaftlichen Realität bezieht. „Brainwashed“, so heißt das Titel- und Schluss-Stück seines letzten Albums, das ein Jahr nach seinem Tode veröffentlicht wurde.
George Harrison war es, der den Sitar-Virtuosen Ravi Shankar in der Popwelt bekannt machte. Bei ihm studierte Harrison das Sitarspiel. Und George Harrison initiierte die Stilrichtung des Raga-Pop, in dem indische Musik mit westlichem Pop fusionierte. Die Initialzündung gab George Harrison mit seinem „Sgt-Pepper“-Songbeitrag „Within You Without You“, dem ersten Titel auf einer Popplatte, der ausschließlich mit indischen Instrumenten aufgenommen worden war. Im Text heißt es: „Versuche alles in dir selbst zu verwirklichen. Kein anderer kann dich verändern, wenn du ins Jenseits deines Selbst schaust, dann findest Du den Frieden deiner Seele. Du wirst sehen, dass alles eins ist und dass das Leben weiterfließt, mit dir und ohne dich“.

 

 

„Mit unserer Liebe könnten wir die Welt retten, wenn sie doch nur wüssten ...“ Das klingt natürlich salbungsvoll und prätentiös. Kein Wunder dass sich viele Zyniker lustig machten, vor allem über George Harrison’s Sendungsbewusstsein und Guru-Trip.
Unbestritten bleibt seine Leistung und sein humanitäres Engegagement, als er 1971 das erste große Benefiz-Festival der Popgeschichte organisierte „Concert For Bangla Desh“. Zum Abschluss dieser Würdigung von George Harrison aus Anlass seines 20. Todestages folgt Aus diesem berühmten Live-Album folgt hier der vielleicht beste Song, den George Harrison zu seiner Beatles-Zeit geschrieben hat: „While My Guitar Gently Weeps“, wobei er sich bei dieser Liveaufnahme die solistische Gitarrenarbeit mit Eric Clapton teilt.

 

 

Ohne Widersprüche war George Harrison nicht.
Der spirituelle Beatle, der sein Leben an der indischen Philosophie der Vergeistigung und Kontemplation ausrichtete und täglich Meditation praktizierte, er war gleichzeitig ein großer Fan der Formel 1-Raserei. „Ich lebe in der materiellen Welt“ sang er 1973 in einer Mischung aus Selbsterkenntnis, Ironie und Hoffnung auf Veränderung.

 

 

„Ich kann dir nicht sagen, was ich hier treibe, aber ich hoffe, sehr viel klarer zu sehen nach dem Leben in der materiellen Welt. Ich hoffe auf Erlösung aus der materiellen Welt“, sang George Harrison im Titelstück seines zweiten Soloalbums nach der Beatles-Trennung „Living In The Material World“, das im Juni 1973 veröffentlicht wurde und ihn materiell bereicherte, weil es kommerziell sehr erfolgreich war, in England Platz 2 und in den USA Platz 1 erreichte. Materiell gesehen war die Welt von George Harrison immer mehr als über die Maßen wohlsituiert. Doch tatsächlich wurden die materiellen Dinge für ihn im Laufe seines Lebens immer unwichtiger. In seinen letzten Lebensjahren fand er die größte Genugtuung als Gärtner beim Umtopfen seiner Pflanzen, wie es ein Kritiker kürzlich etwas respektlos ironisch formulierte
Das Titelstück seines ersten Soloalbums nach der Beatles-Trennung „All Things Must Pass“ signalisiert eine gewisse Abgeklärtheit, vielleicht sogar Souveränität mit dem Umgang der Endlichkeit allen Daseins. Wer die Erkenntnis, dass nichts Lebendiges Bestand hat, für sich akzeptiert und angenommen hat, dürfte auch mit der eigenen Sterblichkeit seinen Frieden gemacht haben. Unmittelbar nach seinem Tod veröffentlichte seine Familie diesen Nachruf: „Er hat die Welt verlassen, wie er in ihr gelebt hat – mit Vertrauen in Gott, keiner Angst vor dem Tod, mit sich selbst im Frieden und umgeben von seiner Familie und seinen Freunden.“ – Natürlich würde seine Familie kurz nach seinem Ableben nichts anderes über ihn schreiben, es war ja auch völlig zutreffend. Und natürlich würde seine zweite Frau Olivia kurz nach seinem Tod nicht unbedingt mitteilen wollen, dass George Harrison beileibe kein Heiliger war und dass das Leben mit ihm nicht immer leicht war – was sie später in der Filmdokumentation „Living in the Material World“ so mitgeteilt hat. Und der Film, der im Oktober im US-amerikanischen Fernsehen vorab gezeigt wurde, gibt auch zu verstehen, dass George Harrison nicht nur das Musizieren und die Meditation geliebt hat und nicht nur einen Faible für das Gärtnern und die Formel 1 hatte, sondern auch für die Frauen. Und vielsagend heißt es: Die Frauen liebten auch ihn. Aber Schwamm drüber. So wie für alles andere, gilt ja auch für die irdische Liebe: „All things must pass away“.
Am 29. November 2002, genau ein Jahr nach seinem Tod, wurde George Harrison in Londons Royal Albert Hall geehrt: mit The Concert for George mit Paul McCartney, Eric Clapton, Ringo Starr, Jeff Lynne, Tom Petty and the Heartbreakers, Billy Preston, Jools Holland u.a.

 

 

„Living In The Material World“ ist nicht nur das Titelstück des zweiten Albums, das im Frühjahr 1973 veröffentlicht wurde und Platz 1 der LP-Charts in Amerika belegte, sondern ist auch der Titel einer 3.1/2-stündigen Filmdokumentation von Martin Scorsese, die im Dezember 2011 auf 2 DVDs auch in Deutschland auf den Markt kam.

DVD-Cover

Das zum Weihnachtsgeschäft 2006 veröffentlichte Remake-Beatles-Album „Love“ enthält mit „Something“, „Within you without you“, „Here Comes The Sun“ und „The Inner Light“, die essentiellsten Songs, die George Harrison auf Beatles-Platten unterbringen konnte. Nicht zu vergessen, sein Glanzstück für das White Album „While My Guitar Gently Weeps“, das bei den Studioaufnahmen im Sommer 1968 fast unter den Tisch gefallen wäre, weil die beiden Ober-Beatles Lennon-McCartney kein besonderes Interesse an dem Song zu erkennen gaben, was sich schlagartig ändern sollte, als der frustrierte George seinen Freund Eric Clapton als Verstärkung mit ins Studio brachte, was sofort zu einer äußerst aufgeschlossenen Einstellung der beiden Ober-Beatles dem Song gegenüber führte.

The Beatles' 'LOVE' Album-Cover

Auf dem Remake-Album Love ist allerdings nicht die mit Eric Clapton eingespielte Endfassung zu hören, sondern eine, auch noch arg vergeigte, Demo-Version von George Harrison. Diese geigenselige Neufassung wartet allerdings mit etwas wirklich Neuem auf, nämlich einer im Originalsong des Weißen Albums nicht enthaltenen zusätzlichen Textstrophe. Außerdem basiert diese Fassung auf einer Probeaufnahme, die George zur eigenen Begleitung auf der Akustikgitarre am 25. Juli 1968 im Studio gesungen hatte. Das ist hier deshalb so genau zu terminieren, weil diese Demoaufnahme schon im Beatles-Anthology-Album Nummer 3 veröffentlicht wurde.
Nach 30 Sekunden setzt ein neu produziertes Streicherarrangement ein, das man als kitschig abtun kann, Aber, um den Geigen doch etwas positives abgewinnen zu wollen: die neuen Streicher versetzen den ursprünglich Rock-orientierten Song in eine bislang nicht bekannte melancholische Kammermusik-Stimmung.

 

 

George Harrisons Glanzstück aus dem White Album der Beatles „While My Guitar Gently Weeps” wurde in der Neufassung für das „Love“-Album „vergeigt“. Die zur akustischen Gitarre gesungene Probeaufnahme des Songs hat Beatles-Produzent George Martin mit einem neuen Streicherarrangement versehen – was als ein erheblicher inhaltlicher Eingriff in die Komposition von George Harrison zu bewerten ist. Ihn kann man nicht mehr fragen, ob ihm diese Streicherfassung gefällt, oder ob er das gar als eine Vergewaltigung seiner Komposition verstehen würde, wie es einige Harrison-Fans in seinem Namen nach der Veröffentlichung des „Love“-Albums verkündet haben.
Ein Jahr nach seinem Tod erschien im November 2002 das Album „Brainwashed“ mit den letzten Songs von George Harrison, fertiggestellt von seinem Sohn Dhani und dem Produzenten Jeff Lynne.

Dhani Harrison (Foto: Wikipedia)

George Harrison hatte sich gewünscht, diese Songs, die er im Stadium seiner schweren Erkrankung geschrieben und rudimentär aufgenommen hatte, einfach und rau wie Demoaufnahmen zu belassen. Doch seine beiden Nachlassverwalter konnten der Versuchung nicht widerstehen, die schlicht eingespielten Original-Songs in ein opulentes Arrangement zu verpacken.

Über das Arrangement zu seinem Song „Rising Sun“ könnte sich George Harrison gefreut haben, denn vor seinem Tod hatte er noch Melodielinien für die von ihm vorgesehenen Celli gesungen und aufgenommen, die dann auch von Jeff Lynne und Harrison junior exakt nach der Vorgabe von George Harrison ausgeführt wurden. Der Songtext ist typisch ihn. Da heißt es: „In der aufgehenden Sonne kannst du fühlen wie dein Leben beginnt. Das Universum reicht bis in deine DNA. Du bist heute eine Milliarde Jahre alt wie die aufgehende Sonne. Und der Ort wo alles begann, findet sich in deinem Innersten. „ Rising Sun“ aus dem Album „Brainwashed“

 

 

Die aktuellste Video-Veröffentlichung, in der George Harrison eine wichtige Rolle spielt, ist die dreiteilige Film-Dokumentation „Get Back“, die der „Herr der Ringe“-Regisseur und bekennende Beatles-Fan Peter Jackson am 25. November über den Streamingdienst Disney+ veröffentlichte. In der Neuauswertung bislang unbekannter Filmaufnahmen vom Januar 1970, als die Beatles vor laufender Kamera ihr nächstes Album einspielen wollten, entdeckte Peter Jackson Film-Sequenzen, die der bisherigen Geschichtsschreibung widersprechen, die heillos zerstrittenen Beatles wären künstlerisch und persönlich am Ende gewesen. Diesen Eindruck schien der 1970 unter der Regie von Michael Lindsay-Hogg veröffentlichte Film „Let It Be“ zu bestätigen. Doch die Restauration und Ausweitung des alten Filmmaterial durch Peter Jackson förderte ein anders Bild zu Tage. Neben der tatsächlichen Krisenstimmung in der Band gab es auch Passagen, in denen herumgealbert wurde, aber auch ernsthaft und großartig zusammen musiziert wurde. George Harrison allerdings hatte keinen leichten Stand. Als er z.B. seinen wirklich gelungenen neuen Song „I Me Mine“ seinen Mit-Beatles vorspielte, bekam er dafür nicht viel Aufmerksamkeit

The Beatles : Get Back - I Me Mine

 

Auch 20 Jahre nach seinem Tod ist die Popularität von George Harrison ungebrochen und seine Bedeutung für die Popwelt wird zunehmend gewürdigt.
Noch eine letzte Botschaft von George Harrison. Er sagte zum Thema Spiritualität, er wisse nicht, warum er fühlte, dass es in seinem Leben noch etwas anderes gibt: Aber das sei eine sehr starke positive Alternative zum mondänen Leben. Und er wäre immer bereit gewesen, Chancen zu nutzen. Und die größte Chance in eines jeden Leben sei es, sich bewusst zu werden, worum es geht und was wir hier tun. Doch das erfordere Anstrengungen, es zu tun.

(Dieser Blog-Text zum 20. Todestag von George Harrison enthält Auszüge aus Manuskripten meiner verschiedenen Radiosendungen über George Harrison – Volker Rebell 28.11.2021)