Keine Panik – Udo wird 80

Der Panik-Kapitän geht noch lange nicht von Bord

Der Podcast zur Sendung

Udo Lindenberg (www.promiflash.de CC BY-SA 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0>)

 

Es gibt Künstler, die ein Werk hinterlassen, und es gibt einen Rockmusiker, der ein „Udoversum“ erschaffen hat. Udo Lindenberg gehört zur zweiten Sorte. Wer heute auf den 80-Jährigen blickt, sieht nicht nur den Musiker, den Maler, den Panikpräsidenten, sondern eine Figur, die sich über Jahrzehnte hinweg selbst modelliert hat – aus Brüchen, Krisen, Exzessen, aus Trotz, Humor und einer eigentümlichen Zärtlichkeit, die sich hinter Sonnenbrille und Schnodder-Sound verbirgt.
Geboren am 17. Mai 1946 in Gronau, wächst Udo Lindenberg in einer Nachkriegswelt auf, die wenig Glamour kennt. Doch früh zeigt sich sein Drang, auszubrechen: erst als Schlagzeuger in diversen Bands und kleinen Clubs, später als Trommler in Klaus Doldingers Band Passport. Die Musik ist sein Ticket in ein anderes Leben, aber die Sprache – die deutsche Sprache – wird erst spät zu seinem Werkzeug. Anfang der 1970er Jahre hält er sie noch für unbrauchbar im Rock. Dann kommt „Alles klar auf der Andrea Doria“ (1973), und plötzlich ist da eine Stimme, die nicht singt, sondern spricht, nuschelt, malt, grummelt – und gerade dadurch etwas Neues schafft.

 

Udo Lindenberg ©_Tine_Acke_

 

Die Kunst der Unvollkommenheit
Udo Lindenbergs Stimme ist ein Anti-Instrument. Sie verweigert Virtuosität, verweigert Glätte, verweigert alles, was man gemeinhin unter „schön“ versteht. Und doch ist sie unverwechselbar. Sie ist ein Werkzeug der Haltung: ein trotziges „Ich mach’s so, wie ich’s fühle. Ich mach mein Ding.“
Sein Tonumfang mag begrenzt sein, aber seine Ausdruckskraft ist es nicht. Er hat die deutsche Hochsprache aus dem Korsett der Korrektheit befreit und in einen lässigen, urbanen Jargon verwandelt, der bis heute nachwirkt. Ohne Lindenbergs Schnodder-Sound wäre der deutschsprachige Pop ein anderer – vielleicht sogar ärmer.

Der Maler, der mit Likör malt
Weniger bekannt, aber ebenso prägend ist Lindenbergs bildende Kunst. Seine Likörelle – mit Likör gemalte, oft humorvolle, manchmal melancholische Miniaturen – sind längst mehr als ein Gimmick. Sie sind die bildhafte Verlängerung seiner Sprache: spontan, schief, charmant, mit einem Hang zur Karikatur des eigenen Mythos.
In der Hamburger Ausstellung „Udoversum“, die kurz vor seinem 80. Geburtstag eröffnet wurde, zeigt sich diese Vielseitigkeit in voller Breite: Bühnenoutfits, Instrumente, Skizzenbücher, großformatige Bilder, handgeschriebene Texte. Ein Leben, das sich nicht in einer Kunstform erschöpft, sondern in vielen Ausdruckswegen gleichzeitig pulsiert.

Der Mann, der nie aufgab, sondern immer wieder neu anfing
Lindenbergs Biografie ist keine lineare Erfolgsgeschichte – fast im Gegenteil. Die 1990er Jahre waren ein Absturz im Zeitlupentempo: Alkohol, gesundheitliche Krisen, kreative Erschöpfung. Er nannte sich selbst „Rock’n’Roll-Mops“, und die Selbstironie war oft das Einzige, was ihn noch trug.

Doch dann, 2008, die überraschende Wiedergeburt: „Stark wie Zwei“ wird zum Triumph, das Folgealbum „Stärker als die Zeit“ (2016) zum Manifest eines Mannes, der sich weigert, in die Rolle des Altstars zu schlüpfen. Lindenberg hat sich nicht nur zurückgekämpft – er hat sich neu erfunden.

 

Udo Lindenberg, Künstler und Kunstfigur ©_Tine_Acke_

 

Der Künstler als stilisierte Kunst-Figur
Vielleicht ist das sein größtes Werk: die Figur Udo Lindenberg.
Der Hut, die Sonnenbrille, die Zigarre – das ist nicht bloß Stil, das ist ein Art bewehrte Rüstung. Dahinter steckt ein Mensch, der Verletzlichkeit in Coolness verwandelt, Zweifel in Humor, Lebenskrisen in Kunst.
Sein Lebenswerk ist nicht nur die Musik, nicht nur die Malerei, nicht nur die Sprache. Es ist die Beharrlichkeit, mit der er sich selbst immer wieder neu zusammensetzt.
Mit 80 wirkt er nicht wie jemand, der die Zeit besiegt hat, sondern wie jemand, der mit ihr einen Pakt geschlossen hat: Du lässt mich weitermachen, und ich mache weiter mein Ding. Mit Humor. Mit Haltung. Mit kreativer Panik im Herzen und Eierlikör im Pinsel.
Die Songauswahl in dieser Würdigung zum 80. Von Udo L. meidet die allseits bekannten Songklassiker und konzentriert sich auf einige der weniger bekannten Song-Raritäten aus dem riesigen Werkkatalog des Udoversums.

 

Udo Lindenberg ©_Tine_Acke

 

Die Playlist zur Sendung „Keine Panik – Udo wird 80“
Artist / Track / Album / Label

1. L.Shankar / Darlene (Kramladen-Themamusik) / Touch Me There / Zappa Records /

2. Udo Lindenberg / Interview mit Gott / Stark wie Zwei / Warner Music

3. Udo Lindenberg / Gott, wenn es dich gibt / Der Exzessor / Sony

 

Albumcover

 

4. Udo Lindenberg / Weltreise / Gustav / Polydor

5. Udo Lindenberg / Hermine / Hermine / Polydor

6. Udo Lindenberg / Mackie Messer / Der Exzessor / Sony

7. Udo Lindenberg / Der Panther / Der Exzessor / Sony

8. Free Orbit / Flying Windmill / Jazz Goes Underground / MPS

9. Udo Lindenberg / Good Life City / Lindenberg / Telefunken, Teldec

10. Udo Lindenberg / Good Life City / Daumen im Wind / Telefunken, Teldec

 

"Daumen im Wind" Albumcover

 

11. Helge Schneider / Fink und Zeisig - Duett mit Udo Lindenberg / TV Total

12. Udo Lindenberg feat. Otto Waalkes / Der Greis ist heiß / Live in Leipzig / Polydor, Universal

 

Udo Lindenberg ©_Tine_Acke_

 

Die Sendung „Keine Panik – Udo wird 80“ ist zu hören:
- in Antenne Mainz, via DAB+, UKW und Online-Stream am Do 14.05.26 um 23 Uhr und am So 17.05.26 (Udos Geburtstag) um 22 Uhr
- in Radio-Rebell vom Fr 15. bis So 17.05.26, jeweils um 22 Uhr

Der Zusammenschnitt der Sendung „Keine Panik – Udo wird 80“ ist als Podcast hier zu hören:

 

 

Udo Lindenberg (Foto: ©_Tine_Acke)

 

Aus dem Radio-Rebell-Archiv;
Der Zusammenschnitt der Sendung zum 70. Geburtstag von Udo Lindenberg, als Podcast hier zu hören:

 

 

Der Ankündigungstext zur Sendung zum 70. Geburtstag von Udo Lindenberg,
Der Sendungstermin: 05.05.2016, 23-24 Uhr (Wiederholung 07.05.2016, 14-15 Uhr),

„Der Greis ist heiß" - zum 70. Geburtstag von Udo Lindenberg

Er habe gerade den Club der Hundertjährigen gegründet und einen Fahrschein für weitere 30 Jahre gebucht, ließ der am 17. Mai 1946 im westfälischen Gronau geborene Altrocker deutscher Zunge in einem aktuellen Interview verlauten. Ob der Mann mit Hut und Zigarre anders als Prince, Bowie etc. tatsächlich das Greisenalter erreicht? In den 1990er Jahren war er „hauptberuflicher Trinker", sah aus wie ein „Rock'n'Roll-Mops" (Selbstbeschreibung), wog 93 Kilo und erlitt einen Herzinfarkt. 2007 wurde er wegen Herzbeschwerden kurzzeitig in einer Hamburger Klinik behandelt. Doch aktuell fühlt er sich „Stärker als die Zeit" (Album-Titel) und bereitet sich auf seine Festwochen zum 70. Geburtstag vor, seine Deutschland-Tour durch die Arenen der Republik vom 20. Mai bis 26. Juni 2016.

„Der Greis ist heiß", diese Rentner-Ode aus seinem Erfolgsalbum „Stark wie zwei" von 2008, singt Udo auch auf dem neuen Album „Doldinger" von Edel-Jazzer Klaus Doldinger, ein bemerkenswertes Album mit vielen Gastmusikern, das zu dessen 80. Geburtstag am 29.04. veröffentlicht wurde. In Doldingers Jazzrock-Band Passport begann 1970 Udo Lindenbergs Karriere, zunächst als Trommler. Zum damaligen Zeitpunkt hielt Udo L. Rockmusik und deutsche Sprache für unvereinbar, was er dann 1973 mit seinem ersten deutschsprachigen Album „Alles klar auf der Andrea Doria" eindrucksvoll widerlegte.

Ob man das „Singen" nennen will, wie er seine Texte akustisch mit dem Munde malt, das dürfte Ansichtssache sein. Tatsächlich liegt der Tonumfang seiner Nicht-Stimme unter dem Durchschnitt des gemeinen Badewannen-Tenors. Aber dennoch ist er einer der populärsten deutschsprachigen Sänger. Was andere mit Können und Vokalakrobatik machen, das macht er mit Charakter. Statt zu intonieren nölt er, statt zu singen nuschelt er, statt zu phrasieren stümpert er amateurig „Dedudendudendu". Aber das macht er so unverkennbar, unverwechselbar und souverän, dass es schon wieder gut ist. Und mehr als gut: ein „Glücksfall" war und ist seine Schnodder-Sprache und Schnodder-Stimme für die deutschsprachige Rockmusik. Er hat die im Rock-Idiom als unsingbar geltende deutsche Hochsprache in einen Szene- und Straßen-Jargon übersetzt, der so etwas wie eine deutsche Rock-Identität überhaupt erst ermöglicht hat.

Zwar gab es vor ihm schon die Bands Ihre Kinder und Ton Steine Scherben, die angloamerikanische Rockmusik eingedeutscht haben, doch Udo war es, der den Deutschrock gesellschaftsfähig und populär gemacht hat. Insofern war er der Pionier, der sich um den deutschsprachigen Pop verdient gemacht hat, dafür 1989 auch das Bundesverdienstkreuz am Bande erhielt, damit seine Schuldigkeit auch getan hatte, aber dennoch nicht abgehen wollte, obwohl die neuen, jungen Szenehelden, die deutschsprachigen Hiphopper, die seine Söhne hätten sein können (und im übertragenen Sinne auch waren), ihm den Rang abliefen.

Doch 2008 entstieg der „Deutschmeister des politischen Kinderreims" der Gruft der scheintoten, fast vergessenen Rocker-Mumien wie deus ex machina und veröffentlichte das erfolgreichste Album seiner Karriere „Stark wie zwei", gefolgt von einer Stadiontournee, die alle bisherigen Panikorchester-Konzertreisen in den Schatten stellte. Nun, mit dem neuen Album „Stärker als die Zeit", das zum 70.Geburtstag und zur neuen Tournee erscheint, will der „Panik-Macher" den eigenen Alterserfolg und den seiner „Rentnerband" erneuern.

Motto: „Ich werde mich nicht ändern, werd' kein anderer mehr sein. Ich habe tausend Pläne, doch‘n Plan B brauch ich kein‘".

Und seine Fans hoffen, dass er noch „so alt wird, wie er jetzt schon aussieht. Aber sonst ist alles klahahar, auf der Andrea Doria. Dedendedededada".

Nachtrag: Jens Balzer schreibt in seiner Rezension des Albums „Stärker als die Zeit" in der FR vom 29.04.16: Das Album biete „bloß Malen-nach Zahlen-Balladen, in denen die ... Größe von Udo Lindenberg in tragischer Art zur öden Pose eines von sich selbst gerührten Rockrentners schrumpft." Und über die Qualität der Songs und der Produktion urteilt er: „... ein professioneller, fürs Radio tauglicher, konturloser und klebriger Konfektionsklang".

Hat uns Udo das verdient? Auf jeden Fall ist er längst in die Geschichte eingegangen - alleine schon dadurch, dass er bei der Einspielung der Tatort-Themamusik (Komposition Klaus Doldinger) weiland 1970 die Trommelstöcke schwang.

Die Playlist zur Sendung zum 70. Geburtstag von Udo Lindenberg:
Artist / Track / Album / Label
1. L. Shankar / Darlene (Kramladen-Themamusik) / Touch Me There / Zappa Records
2. Udo Lindenberg feat. Jan Delay / Ganz anders / Stark wie zwei / BMG
3. Udo Lindenberg feat. Martin Tingvall / Das Leben / MTV-Unplugged - Live aus dem Hotel Atlantic / Starwatch Entertainment
4. Udo Lindenberg / Blaues Auge / Stärker als die Zeit / Warner
5. Klaus Doldinger / Der Greis ist heiß / Doldinger / Warner Music
6. Udo Lindenberg & Panikorchester / Alles klar auf der Andrea Doria / Alles Klar Auf Der Andrea Doria / Telefunken
7. Udo Lindenberg & Nina Hagen / Romeo und Julia / Damenwahl / Warner Music
8. Udo Lindenberg & Inga Humpe / Ein Herz kann man nicht reparieren / MTV-Unplugged - Live aus dem Hotel Atlantic / Starwatch Entertainment
9. Udo Lindenberg / Rudi Ratlos / Ball Pompös / Telefunken
10. Udo Lindenberg / Ich bin von Kopf bis Fuß / Ball Pompös / Telefunken
11. Udo Lindenberg / Sonderzug nach Pankow / Sonderzug nach Pankow / Polydor
12. Udo Lindenberg / Pimmelkopp / Pimmelkopp / edel
13. Udo Lindenberg / Stärker als die Zeit / Stärker als die Zeit / Warner

 

Udo Lindenberg

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