Wie angloamerikanische Rockmusik junge Leute in der DDR veränderte

Soziale Prägungen und die Auswirkungen auf Lebensentwürfe und gelebtes Leben durch „Westmusik“ in der DDR

Zeitzeugen aus Thüringen berichten von ihren Erfahrungen mit befreiender Rockmusik aus ihrer Perspektive „hinter der Mauer“

Der Interviewer (Foto: gs)

Rockmusik-Enthusiasten unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher beruflicher Lebenswege aus Neustadt an der Orla und Umgebung teilen seit den 1970er und 1980er Jahren ihre Begeisterung für ambitionierte Rockmusik und verwandte Stilarten. Man unterstützte sich gegenseitig, um trotz der enormen Hindernisse, fast Unmöglichkeiten, an die begehrten Platten der westlichen Rock-Idole heranzukommen. Die auf teils abenteuerlichen, nicht selten illegalen Wegen (Schwarzmarkt) erworbenen Plattenschätze wurden untereinander ausgetauscht und bei privaten Treffen diskutiert.
Das gemeinsame Interesse an außergewöhnlicher Rockmusik jenseits des Mainstream hat sich bis heute genauso gehalten wie der  Austausch im Freundeskreis.

 

Der Projektleiter Werner Greiling (Foto: gs)

Als Teil des Projekts „Ost-West-Geschichte(n)“ über die gesellschaftliche, politische und kulturelle Sozialisation in der DDR im Zusammenhang mit der jahrelang verfemten westlichen Beat- und Rockmusik in der DDR gaben neun Zeitzeugen in ausführlichen Interviews Auskunft über die Bedeutung der Musik für ihr Leben bis heute – wie sehr sie geprägt wurden, sowohl von westlichen Rockstars als auch von Rockgruppen der DDR und der „sozialistischen Bruderländer“.
In den Interview-Gesprächen geht es um persönliche wie gesellschaftliche Fragen wie zum Beispiel:
- führte das willkürliche Ausgeschlossen sein von westlicher Rockmusik zu einer Distanzierung von der autoritären DDR-Staatsführung?

 

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Roland Born mit einer LP der DDR-Gruppe "Pension Folkmann" (Foto: gs)

- haben Rock und Blues, ob aus dem Westen oder aus der DDR, die jugendliche Oppositionshaltung verstärkt?
- war Musik mehr als nur „Jugendfreizeitgestaltung“ und führte die Beschäftigung mit aufmüpfiger Rockmusik und kritischen Texten zu einer wachsenden Entfremdung von Staat und Gesellschaft?
- hat die massive Behinderung des Zugangs zu westlicher Rockmusik den Freiheitsdrang der eingeschlossenen DDR-Jugend geschürt oder eher den Rückzug in die „innere Emigration“ befördert?
- wie wichtig waren für DDR-Jugendliche die Rockbands und Liedermacher aus der DDR?
usw.

 

Die neun Interviewten und die neun Interviews (als Podcast)

 

Ronald Born (Foto: gs)

Ronald Born
Geburtsjahr, Geburtsort: 1965, Burgstädt
Beruflicher Werdegang: Facharbeiter, Abitur, Fachschulstudium, Agraringenieur, Projektkoordinator
Aktiver Musiker: Gitarre, Gesang
Musikvorlieben: Folk, Folk-Rock,
Lieblingskünstler (international): Bob Dylan
DDR-Musikfavoriten: Karussell, Pension Volkmann
Besonderheit: Sammler von Dylan-Platten
Kernsatz im Interview:
„Bei der Einfuhr (von West-Platten) konnte der Zoll dazwischenfunken. Ich weiß von Platten, die per Paket von der Verwandtschaft (im Westen) geschickt wurden, die dann der Zoll rausgenommen hat. Ich gehe davon aus, dass der Zöllner die nach Hause mitgenommen hat.“

Hier ist das Interview mit Ronald Born als Podcast zu hören:

 

 

Petra Hinreiner (Foto: gs)

Petra Hinreiner
Geburtsjahr, Geburtsort: 1961, Pößneck
Beruflicher Werdegang: Bauhilfsarbeiterin, Studium, Dipl.-Bauingenieurin, Baureferentin der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten
Musikvorlieben: Blues, Rock, Jazz, Klassik,
Lieblingskünstler (international): Rolling Stones
DDR-Musikfavoriten: Monokel, Renft, Engerling
Kernsatz im Interview:
„In Weimar gab’s einen Plattenladen, wo dann Schlange gestanden wurde, wenn’s die Lizenz-Platten gab. Und da ist man immer hingegangen und stand stundenlang wegen einer Bob Dylan-Platte an.“ (…) Zu DDR-Bands: „Das ist so ein bißchen Opposition durchgekommen. Manche sind ja auch Mainstream gewesen oder haben sich angepasst ans System. Und dann höre ich lieber die englischen (Bands).“

Hier ist das Interview mit Petra Hinreiner als Podcast zu hören:

 

 

Harald du Bellier (Foto: gs)

Harald du Bellier
Geburtsjahr, Geburtsort: 1955, Kahla
Beruflicher Werdegang: Feinmechaniker, Elektronikfacharbeiter, Studium für kirchliche Kinder- und Jugendarbeit. Ab 1991 eigene Firma für Veranstaltungstechnik, Tontechniker (z.B. Festival Rudolstadt)
Aktiver Blues-Musiker: Bass
Musikvorlieben: Blues, Rock, Soul, Jazz,
Lieblingskünstler (international): diverse
DDR-Musikfavoriten: Panta Rhei, SOK (Musik), Renft (Texte)
Besonderheit: Sammler von Platten und CDs
Kernsatz im Interview:
„Das war nicht einfach nur Musik. Das war mehr. Das Schöne an Musik, man kann oft nicht erklären, warum. Es passiert mit einem. Es ist wie in der Liebe. Dann hat’s einen gepackt und dann ist es, wie’s ist. Und es ist schön, und bleibt schön bis ans Lebensende.“

Hier ist das Interview mit Harald du Bellier als Podcast zu hören:

 

 

Bernhard Stülpner (Foto: gs)

Bernhard Stülpner
Geburtsjahr, Geburtsort: 1959, Neustadt an der Orla
Beruflicher Werdegang: Heizungsmonteur
Musikvorlieben: Prog-Rock, Art-Rock, Blues, Jazz-Rock,
Lieblingskünstler (international): Pink Floyd
DDR-Musikfavoriten: Monokel, Silly, Omega (Ungarn)
Besonderheit: Sammler von Platten, DVDs und CDs
Kernsatz im Interview (über seine Musikfavoriten, damals wie heute):
Das waren interessante Sachen, nicht so Mainstream. Das war was Eigenes (…) Außenseiter war ich nicht, aber Individualist schon.“

Hier ist das Interview mit Bernhard Stülpner als Podcast zu hören:

 

 

Werner Greiling (Foto: gs)

Werner Greiling
Geburtsjahr, Geburtsort: 1954, Neustadt an der Orla
Beruflicher Werdegang: Diplomlehrer für Geschichte und Deutsch, Promotion, Habilitation, Professor für Geschichte der Neuzeit und Mediengeschichte an der Universität Jena
Musikvorlieben: Rock, Folk-Rock, Blues, ein wenig Jazz,
Lieblingskünstler (international): Bob Dylan
DDR-Musikfavoriten: Renft, Electra, aus Polen: Czeslaw Niemen, Marek Grechuta
Besonderheit: Sammler von Dylan-Platten und CDs
Kernsatz im Interview:
„Ich habe mich schon in jungen Jahren für Folk-Rock interessiert, auch für im weitesten Sinne Protestmusik, Joan Baez, Bob Dylan, und habe mich darüber auch ein bißchen definiert. Und habe dann auch die Anfänge der engagierten DDR-Musik miterlebt. (…) Das sind Bögen, die sich über das gesamte Leben hinwegziehen. (…) Und die Faszination hört nicht auf.“

Hier ist das Interview mit Werner Greiling als Podcast zu hören:

 

 

Ralf "Arno" Bauer (Foto: gs)

Ralf „Arno“ Bauer
Geburtsjahr, Geburtsort: 1960, Neustadt an der Orla
Beruflicher Werdegang: Facharbeiter, Hebezeugschlosser, nach 1990 Pipeline-Arbeiter, 1994-1998 Betreuer eines Jugendclubs, Fahrdienste
Musikvorlieben: Prog-Rock, Art-Rock, Jazz-Rock, Southern Rock, Blues, Weltmusik, Klassik
Lieblingskünstler (international): YES (Jon Anderson, Bill Bruford), Frank Zappa, Lars Hollmer (Von Zamla), Alan Holdsworth, Jan Hammer, etc.
DDR-Musikfavoriten: Silly, Renft, Baby Sommer, Electra, Stern-Combo Meißen
Besonderheit: Sammler von Musik (digital) aus aller Welt, Künstler-Autogramme und -Fotos
Kernsatz im Interview:
„Aus religiösen oder ähnlichen Gründen konnte man als Bausoldat den Wehrdienst an der Waffe verweigern. Das hat man nicht gerne gesehen. Dann gab’s tüchtig Ärger. Im Prinzip habe ich mir damit die Zukunft verbaut. Ich hätte nie studieren können.“

Hier ist das Interview mit Ralf „Arno“ Bauer als Podcast zu hören:

 

 

Andreas Blasche (Foto: gs)

Andreas Blasche
Geburtsjahr, Geburtsort: 1957, Neustadt an der Orla
Beruflicher Werdegang: Rundfunkmechaniker, Vertrieb im Bereich Unterhaltungselektronik, Musik & Film
Aktiver Musiker: Gitarre, Gesang (Folk-Gruppe Eulenspiegel)
Musikvorlieben: Rock, Folk, Klassik,
Lieblingskünstler (international): Deep Purple, Jethro Tull
DDR-Musikfavoriten: Renft
Kernsatz im Interview:
„Das Verbot der Band Renft, die Biermann-Ausbürgerung, das waren Schlüsselereignisse, die mich musikalisch auch beeinflusst haben.“

Hier ist das Interview mit Andreas Blasche als Podcast zu hören:

 

 

 

Dirk Braak (Foto: gs)

Dirk Braack
Geburtsjahr, Geburtsort: 1964, Neustadt an der Orla
Beruflicher Werdegang: Facharbeiter für Nachrichtentechnik, Elektronik. Servicetechniker bei der Deutschen Telekom, Instandhaltungsmechaniker, Mechatroniker
Musikvorlieben: Rock, Jazz, Elektronik, Klassik,
Lieblingskünstler (international): Pink Floyd, Peter Gabriel, Andreas Vollenweider, Kraftwerk
DDR-Musikfavoriten: Stern-Combo Meißen, Silly, Electra
Besonderheit: Weltreisen
Kernsatz im Interview:
„In der Woche hat man funktioniert, irgendwie, war nicht schön, aber man hat halt seinen Job gemacht. Am Wochenende hat man seine Freiräume gesucht. Da war die Musik ein Ventil.“

Hier ist das Interview mit Dirk Braak als Podcast zu hören:

 

 

Dirk Pasold (Foto: gs)

Dirk Pasold
Geburtsjahr, Geburtsort: 1971, Schleiz
Beruflicher Werdegang: Facharbeiter Eisenbahn Betrieb. Konzertveranstalter, Inhaber eines Veranstaltungsbüros
Musikvorlieben: diverse Genres
Lieblingskünstler (international): Neil Young
DDR-Musikfavoriten: Renft, Engerling usw.
Besonderheit: Sammler von Amiga-Platten
Kernsatz im Interview:
„Neil Young höre ich sehr gerne. Von ihm habe ich sehr viele Platten.“

Hier ist das Interview mit Dirk Pasold als Podcast zu hören:

 

 

Der mit Holz befeuerte Bollerofen im Interview-Raum, der sich ab und an mit Knack-Geräuschen an den Interviews beteiligte (Foto: gs)

 

ANHANG

Fundsachen aus dem Archiv von Werner Greiling

Volkswacht 30.Mai 1975 Ankündigung Renft-Konzert

 

 

Volkswacht, 12.Juni 1975 Konzertbericht von Werner Greiling

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