Woodstock begann heute vor 50 Jahren

Das legendäre Woodstock-Festival und andere Ereignisse des Sommer 1969 ...

... veränderten die Welt

(Jimi Hendrix live in Woodstock - Star Spangled Banner)

Der Sommer vor 50 Jahren ...
... veränderte die Welt

Auch wenn es die „Woodstock-Nation“ real vielleicht gar nicht gab – oder doch nur für dreieinhalb Tage – man hätte sie erfinden müssen. Denn der kollektive Traum von einer Gegenwelt, in der Love & Peace regieren, statt Krieg & Kommerz, dieser utopische Traum spukte durch alle Köpfe der Hippie-Generation. Tatsächlich war das Festival chaotisch organisiert, drohte in Schlamm und Dauerregen unterzugehen und präsentierte auch noch etliche technisch miserable, uninspirierte Auftritte von offenbar indisponierten bis zugekifften Stars. Dennoch wurde Woodstock im nachhinein grandios verklärt – vor allem durch den kommerziell überaus erfolgreichen 3-stündigen Dokumentarfilm, der das Schlammfestival zum planetarischen Mega-Event hochstilisierte. Flimmernd über die Kinoleinwände in aller Welt wurde der Traum von Woodstock sichtbar. Die Realität indes sah anders aus.

Doch wahr ist auch dies: Die Popgeschichte bedarf des Woodstock-Mythos, denn auch die Popmusik braucht Träume und Mythen zum Leben – und zum Vermarkten.

„...those were the best days of my life“ - so heißt es im Text des nostalgischen Songs „Summer of ’69“ von Bryan Adams. Der Text handelt von der ersten Gitarre, der Gründung einer Schülerband und von einer Liebesgeschichte im Sommer 1969.

Individuelle Erinnerungen, oft mit verklärender Patina überzogen, trägt wohl jeder im Hinterkopf mit sich herum, der den Sommer 1969 bewusst erlebt hat.

(Bryan Adams - Summer of '69)

Welche immense Bedeutung bestimmte gesellschaftliche, politische, kulturelle Ereignisse jener Zeit für die Zukunft hatten, das wurde erst im Nachhinein klar.

Vor allem die Popkultur war nach dem Summer of ’69 eine andere.

1967 war das erste Jahr des pomusikalischen Umbruchs. Die Hippies feierten den „Summer Of Love“. Die psychedelische Musik mit ihren klangfarbigen, wagemutigen Experimenten erreichte ihren Zenit. Und das Monterey International Pop Festival im Juni 1967 galt als erste große Musik- und Friedens-Demonstration der Hippie-Kultur.

Das Jahr 1968 brachte den Umsturz und die Erschütterung aller traditioneller Übereinkünfte mit der Zerschlagung von Konventionen und der Aufbruchshoffnung für einen Neuanfang. In den USA und der restlichen westlichen Welt protestierten die Studenten gegen den Vietnamkrieg und kämpften gegen das Establishment, in Deutschland zusätzlich gegen die Nazi-Elterngeneration. Die Pop/Rockmusik lieferte den Soundtrack zur Revolte („Street Fighting Man“ von The Rolling Stones, „Revolution“ von The Beatles, „Born To Be Wild“ von Steppenwolf, „Respect“ von Aretha Franklin, etc.)

(Rolling Stones - Street Fighting Man)

1969 markierte eine Zeitenwende im gesellschaftlichen Klima und erst recht in der Pop/Rock-Entwicklung. Die rauschhafte Hippiebewegung erlebte ihren letzten Höhepunkt beim Woodstock-Festival, ihren dramatischen Absturz im Desaster von Altamont und verlor zuvor schon ihre Unschuld in den brutalen Mordexzessen der diabolischen Hippiesekte des Charles Manson.

Doch popmusikalisch steht 1969 für ein Wunder an explodierender Diversität. Stilistisch fächerte sich die Szene immer weiter auf – wie niemals zuvor. Neue Bands und Solisten präsentierten neue Rock-Stile und Genres, z.B.: Progressive Rock von King Crimson und The Flock, Art Rock von Yes, Brass-Rock von Blood Sweat & Tears und Chicago Transit Authority, Jazz Rock von Miles Davis, Larry Coryell und Frank Zappa's Hot Rats, Crossover-Soul-Jazz von Herbie Mann, Proto-Punkrock von The Stooges, Hard & Heavy Bluesrock von Led Zeppelin, SingerSongwriter-Stil von Leonard Cohen, Joni Mitchell und Nick Drake, Country-Rock von Johnny Cash und The Flying Burrito Brothers, Underground-Rock von The Fugs und Velvet Underground, Experimental Rock von Captain Beefheart, Latin Rock von Santana, "Kraut"-Rock von Amon Düül II und Can, deutschsprachige Rockmusik von Ihre Kinder, Minimal Music von Terry Riley, englischer Folkrock von Pentangle und Fairport Convention, usw..

(King Crimson - In The Court Of The Crimson King, 1969)

Noch niemals zuvor sind binnen eines Jahres so viele wichtige, zum Teil zukunftsweisende Alben veröffentlicht worden wie 1969. Beim Woodstock-Festival wurde erstmals ein breites Spektrum an verschiedensten Rock-Spielarten vor einem Massenpublikum präsentiert. Manches davon war zum ersten Mal live vor einem solch großen Auditorium zu erleben: die erste Rock-Oper „Tommy" von The Who, die perfekten Harmoniegesänge im kunstvollen Folkrock von Crosby, Stills, Nash & Young, die perkussiven Latinsounds von Santana, der Soul- und Blues-orientierte Funkrock von Sly & The Family Stone, die klassische indische Ragamusik des Sitar-Virtuosen Ravi Shankar und der jazzige Bläser-Rock von Blood, Sweat & Tears. Woodstock gilt alleine wegen der Dimension der schieren Größe und der globalen Außenwirkung als ‚Mutter aller Festivals’.

Doch Woodstock war kein singuläres Festival-Ereignis im Sommer ’69. Sechs Wochen zuvor fand das zweitägige Atlanta International Pop Festival vor ca. 150.000 Besuchern auf dem Areal der Rennstrecke Atlanta Motor Speedway statt. Auch hier traten schon einige der führenden Rock/Pop-Acts jener Zeit auf, u.a. Blood, Sweat & Tears, Booker T. & The M.G.s, The Dave Brubeck Trio feat. Gerry Mulligan, Canned Heat, Chicago Transit Authority, Joe Cocker, Grand Funk Railroad, Janis Joplin, Led Zeppelin, Pacific Gas & Electric, Procol Harum, Spirit und Johnny Winter.

(Isle of Wight Festival 1969)

Und nur zwei Wochen nach Woodstock ging das damals größte europäische Rockfestival in Wootton auf der englischen Insel Isle of Wight über die Bühne. Etwa 200.000 Rockfans besuchten das dreitägige Isle Of Wight Festival, das nach 1968 schon zum zweiten Mal veranstaltet wurde. Was den Woodstock-Initiatoren trotz langer Verhandlungen nicht gelungen war, nämlich Bob Dylan zu engagieren, der sich nach einem Motorradunfall zurückgezogen hatte und nach langer Bühnenabstinenz nun vor seinem Comeback stand, das hatten die Verantwortlichen des Isle of Wight-Festivals erreichen können. Neben Bob Dylan und The Band stand eine beeindruckende Zahl von wichtigen Protagonisten jener Tage auf der Bühne, darunter Joe Cocker, Family, Free, Richie Havens, Marsha Hunt, The Moody Blues, The Nice, Tom Paxton, Pentangle, The Pretty Things, Third Ear Band und The Who.

Im Gegensatz zum Chaos von Woodstock war das Isle of Wight Festival gut organisiert und lief reibungslos und störungsfrei ab. Alleine wegen des Auftritts von Bob Dylan waren etliche Promis angereist wie Jane Fonda, Roger Vadim, George Harrison, John Lennon mit Yoko Ono, Ringo Starr und die Rolling Stones (allerdings ohne Mick Jagger). Alle genannten Musiker unter den Gästen plus Jack Bruce und Blind Faith waren bereit, zu einer Supersession mit Bob Dylan und The Band am Ende des Dylan-Auftritts auf die Bühne zu kommen. Dylan hatte allerdings keine Lust dazu. das Isle Of Wight Festival 1969 ging als „Europas Woodstock“ in die Popgeschichte ein.

(Grand Funk Railroad live Texas International Pop Festival 1969)

Und das war längst noch nicht alles an Festivals im Sommer 1969. Vom 30. August bis 1. September kamen ca. 150.000 Besucher nach Lewisville, Texas, wo das dreitägige Texas International Pop Festival stattfand. Auf dem Gelände des Dallas Motor Speedway wurde ein  musikalisch hochkarätiges Programm geboten, mit B.B. King, Canned Heat, Chicago Transit Authority, Grand Funk Railroad, The Incredible String Band, Janis Joplin, Led Zeppelin, Herbie Mann, Sam & Dave, Santana, Spirit, Sly and The Family Stone, Ten Years After, Tony Joe White, Johnny Winter usw.

(Easy Rider - Intro, 1969)

Vier Wochen vor Woodstock war das Kult-Roadmovie „Easy Rider“ in die Kinos gekommen. Die brutale Schluss-Szene, in der die beiden langhaarigen Protagonisten des Films von „Rednecks“ abgeknallt wurden, stand in düsterem Kontrast zu den realen Morden der Hippiesekte um Charles Manson, auf brutalste Weise begangen an der Schauspielerin Sharon Tate, ihrem ungeborenen Kind und vier weiteren Menschen. Nur sechs Tage vor dem Woodstock-Festival waren die bestialischen Morde verübt worden. Quentin Tarantino hat die Manson-Morde in seinem aktuellen Film „Once Upon A Time In Hollywood“, der am 15. August in die Kinos kommt, verarbeitet. Der Wahnsinn des Psychopathen und Möchtegern-Musikers Charles Manson, der sich von den Beatles-Songs „Piggies“ und „Helter Skelter“ persönlich angesprochen und zu seinen Mordexzessen angestiftet fühlte, hatte nicht mal atmosphärische Auswirkungen auf das Woodstock-Festival. Trotz schwierigster Bedingungen und chaotischer Zustände war das auf eine harte Probe gestellte Publikum absolut friedlich geblieben. Diese Verwirklichung des Hippietraums von gegenseitiger Hilfe, Solidarität, Frieden, Liebe und Musik, zumindest für die 3.1/2 Tage des Woodstock-Festivals ging als Statement der jugendlichen Gegenkultur um die Welt und brannte sich unauslöschlich ins Bewusstsein der alternativ denkenden Generationen nach Woodstock ein.

Das wird einer der Gründe sein, warum Woodstock heute als ein größerer Schritt für die Gegenkultur und die liberal eingestellte Menschheit angesehen wird, als der kleine Schritt mit angeblich großer Auswirkung für die Menschheit, den Neil Armstrong, der erste Mensch auf dem Mond am 21. Juli 1969 tat – knapp vier Wochen vor Beginn des „bedeutendsten planetarischen Ereignisses“, wie der Poet der Beat Generation Allen Ginsberg das Woodstock-Festival überschwänglich feierte.

 (50 Jahre Mondlandung)

„Während das Festival in vielerlei Hinsicht einen Beginn darstellte, war die große Zeit der Raumfahrt mit (der Mondlandung von) Apollo 11 schon wieder beendet“, schrieb der Spiegel-Autor Philipp Oehmke. Wichtiger für die Gesellschaft als die Mondlandung am 16. Juli dürfte auch ein Ereignis knapp drei Wochen zuvor im New Yorker Greenwich Village gewesen sein. Am 28. Juni 1969, einer heißen Sommernacht in der Christopher Street, wehrten sich die Besucher der Schwulen-, Transsexuellen- und Lesbenbar Stonewall Inn zum ersten Mal gegen diskriminierende Polizeikontrollen. Dieses Datum des Widerstands gegen Polizeirazzien, Verhaftungen und Anklagen wegen „anstößigen Verhaltens“ gilt als Beginn der selbstbewussten internationalen Schwulen- und Lesben-Bewegung. Alljährlich erinnern die Christopher Street-Paraden an diesen Tag vor 50 Jahren.

(Stonewall Inn, Christopher Street, NYC, 1969)

Lange war unklar, ob das groß angekündigte Festival zum 50-jährigen Woodstock-Jubiläum überhaupt würde stattfinden können. Als Austragungsort war Watkins Glen genannt worden. Dann aber kam die Meldung der Veranstalter, zu denen auch Michael Lang gehört, der schon das Originalfestival mitorganisiert hatte, das Jubiläumsfestival werde in Vernon Downs stattfinden, auf dem Gelände einer Pferderennbahn in der Nähe von Syracuse und New York. Man erwarte rund 100.000 Festivalbesucher, 40 Acts seien fest gebucht. Doch auch diese Meldung war bald Makulatur. Schließlich hieß es, das Geburtstagsfestival werde nach Columbia in Maryland, nordöstlich von Washington D.C. verlegt. Doch vor zwei Wochen musste Michael Lang geknickt bekanntgeben, dass die Neuauflage des Festivals geplatzt sei. Als Gründe für die Absage nannte Lang unter anderem nicht erteilte Genehmigungen von Bürgermeistern und Anwohnern, die fast mit gleicher Wortwahl wie vor 50 Jahren ihre Ablehnung begründeten. Bei so vielen erwarteten Festivalbesuchern sei zu befürchten, dass es zu „Chaos, unbefugtem Betreten, Hausbesetzungen , Sachbeschädigungen und zu Verletzungen von Menschen“ kommen müsse. Michael Lang: „Da waren Menschen im Ort, die mochten uns einfach nicht“ (Quelle: Der Spiegel)

Doch tatsächlich wird es ein sehr viel kleineres Jubiläumsfestival in Bethel geben. Am historischen Ort des Originalfestivals von 1969 rund um die berühmte Woodstock-Wiese („at Max Yasgur’s farm“) entstand das Bethel Woods Art Center und das Bethel Woods Museum mit einem Open Air Campus und einem Konzertpavillon. Am Freitag dem 16. August treten dort Ringo Starr and his All Starr Band neben der Edgar Winter Band und Blood Sweat & Tears auf – die beiden letzteren gehörten zum Line-up von Woodstock 1969 (Edgar Winter war damals Mitglied der Begleitgruppe seines Bruders Johnny Winter). Am 17. August folgen Santana und die Doobie Brothers (bereits ausverkauft). Das Anniversary-Festival am Originalschauplatz wird am 18. August beendet mit dem Auftritt von John Fogerty, der mit seiner Band CCR schon am Originalfestival beteiligt war, und der Tedeschi Trucks Band & Grace Potter.

(Woodstock 50 Bethel)

Was ist der Woodstock-Mythos heute noch wert? Keine 800 Dollar. Im Vorfeld des 50-jährigen Woodstock-Jubiläums erschien eine Giganto-Box „Woodstock 50 - Back To The Garden“ mit 38 CDs und allen 432 Songs, die während des Woodstock-Festivals gespielt wurden. Davon blieben 267 Aufnahmen bislang unveröffentlicht. Komplettiert mit einer Blu-ray-Disc des Director’s Cut des historischen Woodstock-Kinofilms, mit Fotobänden und einem Buch von Michael Lang, einem der Woodstock-Veranstalter, und limitiert auf 1969 nummerierte Exemplare wurde die Archiv-Box für 799,98 US-Dollar angeboten und war binnen kurzem ausverkauft.

Das Woodstock Festival begann heute vor 50 Jahren

Woodstock und andere Ereignisse des Sommer 1969 veränderten die Welt