Rockmusik hinter der Mauer

Wie angloamerikanische Rockmusik junge Leute in der DDR veränderte

Der Podcast zur Sendung

Interview in Neustadt an der Orla mit Prof. Werner Greiling (Foto: gs)

 

Der einführende Text zur Sendung
Ein Großteil der Menschen im Osten Deutschlands denkt und tickt anders als viele Menschen im Westen. Gilt das auch für Rock-Fans?
An Ostern 2026 war ich an einem Projekt im thüringischen Neustadt an der Orla beteiligt, Thema: „Rock hinter der Mauer. Wie angloamerikanische Rockmusik junge Leute in der DDR veränderte.“ Mit neun Zeitzeugen und Musik-Enthusiasten konnte ich ausführliche Interview-Gespräche über ihre Erfahrungen mit ihrer Lieblingsmusik aus dem Westen zu DDR-Zeiten führen – und wie sich die Bedeutung ihrer Musikvorlieben von damals bis heute für sie verändert hat.
Für mich Wessi, der seit frühester Jugend selbstverständlichen Zugang hatte zu allem, was mich an Popkultur interessierte, war das, was ich hörte, kaum zu glauben. - dass junge Leute in der DDR nicht nur faktisch eingesperrt waren, sondern auch ausgesperrt blieben von westlicher Rockmusik, für die sie sich begeisterten,
- dass sie versuchen mussten, unter abenteuerlichen Bedingungen und mit teils illegalen Aktionen an Platten ihrer westlichen Rock-Idole heranzukommen,
- dass ein junger Rockfan aus Neustadt an der Orla auf dem Schwarzmarkt für seine Lieblingsplatte von Neil Young 350 Mark, seinen kompletten Lehrlings-Monatslohn, zahlen musste,
- dass West-Platten, die beim Onkel in Köln bestellt und sehnsüchtigst erwartet wurden, nie ankamen, weil der DDR-Zoll die Platten konfiszierte,
- dass gefährliche, nächtliche Aktionen auf dem Dach nötig waren, um unentdeckt die Antenne in Richtung West-Radio zu justieren,
- dass Konzerte mit lokalen DDR-Bands aufgelöst wurden, weil z.B. eine Band unter anderem „Satisfaction“ von den Stones spielte und das jugendliche Publikum begeistert mitsang,
- dass noch im Jahre 1969 junge Langhaarige im ländlichen Kreis Pößneck (also nicht nur in den Großstädten, wo das häufig geschah) zusammengetrieben wurden und unter massivem Zwang sich öffentlich die Haare schneiden lassen mussten.

Natürlich gab es, selbst in den rigiden 60er Jahren, vor allem in der Provinz fast überall Nischen, in denen man Freiräume finden konnte. Ein Kernsatz im Interview mit Dirk Braack aus Neustadt an der Orla lautet: „In der Woche hat man funktioniert, irgendwie, war nicht schön, aber man hat halt seinen Job gemacht. Am Wochenende hat man seine Freiräume gesucht. Da war die Musik ein Ventil.“

Das haben westdeutsche Lehrlinge und Schüler in den bleiernen 1950er und 1960er Jahren ganz ähnlich erlebt. (Ich Wessi spreche hier aus eigener leidvoller Erfahrung.)

 

Interview in Neustadt an der Orla mit Andreas Blasche (Foto: gs)

 

Zu den bevorzugten Musikrichtungen der neun Interviewten, die überwiegend in den 60er und 70er Jahren groß wurden und sich in dieser Zeit für Bands aus dem Westen begeisterten, zählen Art/Prog-Rock (z.B. Pink Floyd, Yes), Hard-/Blues Rock (z.B. Deep Purple, Stones), Folk-Rock & Artverwandtes (z.B. Dylan, Neil Young). Und fast alle standen und stehen auf Zappa und gehören zum Teil zu den Stammgästen der Zappanale in Bad Doberan seit 1990. Alle waren schon zu DDR-Zeiten – und sind es heute noch immer – häufige Konzertbesucher. Damals besuchten sie, wann immer es ging, Auftritte der lokalen Bands aus der Cover- und Bluesszene der DDR, speziell aus Thüringen. Heute nehmen sie auch weitere Strecken in Kauf, um internationale Acts zu sehen. Rockkonzerte waren und sind eine bleibende Gemeinsamkeit der interviewten Gruppe. Was sie weiterhin eint, ist die Sammlerleidenschaft von Platten und CDs. Wobei die Lieblings-Platten, an die sie unter schwierigsten Bedingungen zu DDR-Zeiten herankommen konnten, von allen bis heute wie ein Schatz gehütet werden. Nach der Wende haben sich einige von ihnen umfangreiche Sammlungen von Tonträgern ihrer Lieblings-Acts zugelegt.
Zur Sprache kam natürlich auch neben all den Restriktionen durch die DDR-Behörden ihr Verhältnis zu den DDR-Rockgruppen. Interessante Erkenntnis: mit den Puhdys konnte keiner der Interviewten etwas anfangen: Dagegen fanden alle die Renft-Combo gut. Wegen kritischer Texte erhielt die Band Renft erst Auftrittsverbote und wurde schließlich durch behördlichen Beschluss aufgelöst.
Interessanterweise stehen alle Interviewten (Jahrgang 1954 bis 1965) den jungen Ostbands/Acts wie Kraftclub, Betterov, Clueso, Feine Sahne Fischfilet eher distanziert gegenüber. Zu diesen neuen Musikern aus den Ostländern haben die Interviewten so keinen rechten Bezug. Grund: „Das ist eine andere Generation, das ist nicht unsere Musik“.
Was bleibt mir Wessi nach all den Gesprächen und Interviews in besonderer Erinnerung? Dass diese Musik-Enthusiasten aus Thüringen die gleiche Begeisterung für Rockmusik und Popkultur teilen wie Gleichgesinnte in Westdeutschland. Dass sie in ihren jungen Jahren in der eingemauerten DDR ganz ähnlich von westlicher Rockmusik beeinflusst und in ihrem Bewusstsein kritisch beflügelt wurden wie wir Jugendliche in Hessen.
Und doch ist und bleibt etwas anders: das Gefühl, dass den jungen Leuten in der DDR gerade in der Zeit des persönlichen Aufbruchs in der Pubertät und Adoleszenz etwas Entscheidendes vorenthalten wurde: das Freiheitsversprechen, das westliche Rockmusik postulierte, einlösen und leben zu können. Bei manchen Gesprächspartnern war, wenn auch unausgesprochen, eine Enttäuschung herauszuhören, war ein bleibendes Defizit zu spüren für entgangene Chancen und, weil ihnen eine freie Lebensentfaltung in jungen Jahren vorenthalten blieb.

Die Enttäuschung hat sich nach der Wende offenbar noch verstärkt: „Was wurde aus dem Aufbruch von 1989? Was wurde aus dem Volkseigentum? Was wurde aus den Träumen vieler Menschen von einer gerechten Gesellschaft, in der nicht das Geld alles entscheiden sollte“ (Frank Witte, Radiomacher aus Weimar).
Diese kollektive Erfahrung von Enttäuschung scheint bei vielen Ostdeutschen zu einer generellen Unzufriedenheit zu führen, die sich aktuell auf spezifische Weise auch politisch äußert.

 

Interview in Neustadt an der Orla mit Harald du Bellier (Foto: gs)

 

Die Interviews
Alle neun Interview-Gespräche sind in voller Länge auch als einzelne Podcasts zu hören, siehe Link.

 

Aus dem Themenkatalog der Gespräche/Interviews:

Soziale Prägungen und die Auswirkungen auf Lebensentwürfe und gelebtes Leben durch „Westmusik“ in der DDR.

- führte das willkürliche Ausgeschlossen sein von westlicher Rockmusik zu einer Distanzierung von der autoritären DDR-Staatsführung?
- haben Rock und Blues, ob aus dem Westen oder aus der DDR die jugendliche Oppositionshaltung verstärkt?
- war Musik mehr als nur „Jugendfreizeitgestaltung“ und führte die Beschäftigung mit aufmüpfiger Rockmusik und kritischen Texten zu einer wachsenden Entfremdung von Staat und Gesellschaft?
Zeitzeugen aus Thüringen berichten von ihren Erfahrungen mit befreiender Rockmusik aus ihrer Perspektive „hinter der Mauer“

 

Interview in Neustadt an der Orla mit Ronald Born (Foto: gs)

 

Die Playlist zur Sendung „Rockmusik hinter der Mauer“

Artist / Track / Album / Label
1. L. Shankar / Darlene (Kramladen-Themamusik) / Touch Me There / Zappa Records
2. Peter Gabriel / Red Rain / So / Charisma, Virgin
3. Renft / Rockballade vom kleinen Otto / Zwischen Liebe und Zorn / Amiga, Sony
4. Eulenspiegel / Der Landsknecht / Eulentanz / gruppe-eulenspiegel.de, Bandcamp
5. Renft / Glaubensfragen / Renft 40 Jahre / Amiga, Sony
6. Von Zamla Lars Hollmer / Harujänta / Zamlaranamma / Cuneiform Records
7. Feedback / Steig aus / Feedback Live / Feedback (Eigenverlag)
8. The Rolling Stones / Gimme Shelter / Licked Live in NYC / Mercury
9. Andreas Vollenweider and Friends / Behind The Gardens, Behind The Wall, Under The Tree / Behind The Gardens, Behind The Wall, Under The Tree / MIG
10. Pension Volkmann / Satt zu essen / Nass wie Fische / BMG, Amiga
11. Bob Dylan / Like A Rolling Stone / Highway 61 Revisited / Columbia

 

Interview in Neustadt an der Orla mit Petra Hinreiner (Foto: gs)

 

Ausgehend von den Einzelgesprächen mit den neun interviewten Zeitzeugen/Musikenthusiasten aus Neustadt an der Orla, geführt vor Ort am Ostersamstag 2026, habe ich eine einstündige Radiosendung produziert mit kurzen Ausschnitten aus den Interviews und mit den Musikwünschen und Musiktipps meiner Gesprächspartner.
Die Sendung „Rockmusik hinter der Mauer“ ist zu hören in
- ByteFM am Do 04.06.26 um 23 Uhr und am Sa 06.06.26 um 14 Uhr
- Antenne Mainz über DAB+, UKW und online am Do 04.06.26 um 23 Uhr und am So 07.06.26 um 22 Uhr
- Radio-Rebell vom Do 04.06. bis So 07.06.26, jeweils um 22 Uhr

Der Zusammenschnitt der Sendung „Rockmusik hinter der Mauer“ ist als Podcast hier zu hören:

 

Interview in Neustadt an der Orla mit Ralf "Arno" Bauer (Foto: gs)

1 reply added

  1. Mail-Korrespondenz mit Frank Witte, einem befreundeten Radiomacher aus Weimar (Kramkiste), der mir erlaubt hat, unseren Austausch per Mail hier zu dokumentieren.
    Seine wichtigen, für mich aufschlussreichen Gedanken und Informationen möchte ich hier gerne weitergeben:

    Mail von Frank Witte 04.06.2026. 10:13 h
    Lieber Volker,
    mit großem Interesse habe ich deine Sendung „Rockmusik hinter der Mauer“ gehört und war am Ende erleichtert, dass die Sendung selber wesentlich differenzierter ausfiel, als es dein einführender Text befürchten ließ. Ein Grundtenor deiner Gesprächspartner ( von denen ich übrigens einige persönlich kenne) war ja, dass es trotz der staatlichen Kontrolle über nahezu alle Lebensbereiche möglich war, „sein Ding zu machen“ und, dass die starken Restriktionen, die es in den 60ern gab, nach und nach aufgeweicht wurden.
    Michael Rauhut, 1963 in der DDR geborener Professor für populäre Musik an der University of Agder in Kristiansand/Norwegen, beschreibt es in seinem „Kundenbuch“ so:
    „Die Druckwelle der 11. ZK-Tagung von 1965, auf der Walter Ulbricht und Genossen gegen den „Dreck, der vom Westen kommt“ und die „Monotonie des Jay, Jeh, yeh [sic!]“19 zu Felde zogen, drängte die Langhaarigenszene in den Schutzraum der Kleinstädte und Dörfer. In der Provinz tickten die Uhren anders, wies das Netz der Kontrolle und Disziplinierung größere Maschen auf.
    Während staatliche Veranstalter zur Vollzugsgewalt der Antibeatkampagne erklärt wurden und kalte Füße bekamen, kümmerten sich die privaten Dorfsaal- und Kneipenbesitzer kaum um die härteren Bandagen. Auftrittsverbote perlten am Geschäftsinteresse ab. In ihrem Reich galt das Faustrecht des rollenden Rubels. Auflagen wurden, solange es irgendwie ging, ignoriert bzw. durch Korruption ausgehebelt. Auch als sich Anfang der Siebziger mit dem Wechsel von Ulbricht zu Honecker das Blatt wendete und die seit Jahren verketzerte Musik den Segen des Staates empfing, blieb der Dorfsaal- Underground das bevorzugte Rückzugsgebiet der langhaarigen Jeans- und Parkaträger. Das Thüringer Land barg solche Refugien etwa in Schlettwein, Vieselbach, Miesitz, Themar, Veilsdorf, Greußen, Stockhausen, Kerspleben, Gräfenroda, Teichwolframsdorf, Niedergrunstedt, Possendorf, Viernau, Altengottern, Schönau an der Hörsel, Buttelstedt, Dingelstädt, Heuthen, Uder, Beuren, Birkungen, Stadtilm, Saalfeld, Großfahner, Ingersleben, Brotterode, Urnshausen, Schloßvippach, Kleinmölsen und Wandersleben. Dort herrschte ein anarchisches Regime, das die kleinkariertsozialistischen Vorstellungen von Anstand und Sitte komplett aus den Angeln hob. Ambiente und Interieur der Läden waren rustikal, nicht selten rangierten Hygiene, Brandschutz und Ausschank unterhalb der zulässigen Standards. Doch genau dieser Hauch von Verfall und Meuterei war ein unverzichtbares Ingrediens der Parallelwelt. Wer den Einlass passiert hatte, betrat quasi rechtsfreien Raum. Hier war es eng, laut und verqualmt. Flaschen wurden herumgereicht, Bier, Wein und Schnaps in rauen Mengen ausgeschenkt. Manchmal pumpte der Alkohol das Adrenalin in die Höhe. Trotzdem ging es friedlicher zu als bei jeder Dorfdisko. Über dem Chaos schwebte der Geist von „Love & Peace“. Und die Musik hielt das eigenwillige Happening wie eine Klammer zusammen.“
    Grundtenor der gängigen klischeebehafteten Dokumentationen: wir waren alle eingesperrt und unterdrückt, ein freies Leben gab es nicht. Das mag, objektiv betrachtet sogar stimmen, verleugnet aber die Tatsache, dass es unzählige Nischen gab, in denen wir uns unsere Freiheiten einfach nahmen, auf hunderten Dorftanzsälen wurde jeden Samstag die Anarchie gelebt, Politik weitestgehend ausgeblendet, regierte der Rock’n Roll. Ob im Amorsaal in Mülsen, ob im Gasthof zum Löwen in Ebersbrunn oder der Gemeindeschänke in Altengottern. In der DDR-Rockmusik tobte sich das immense Bedürfnis nach Unabhängigkeit trotz staatlicher Kontrolle aus. Musiker und ihr gleichaltriges Publikum verbündeten sich in heruntergekommenen Kulturhäusern. Die da oben auf der Bühne und die da unten im Saal genossen bedingungsloses Vertrauen und grenzenlose Nähe zueinander – so, wie sie es sich von ihren Eltern erhofft hatten.
    Und genau so habe ich es persönlich erlebt, nicht nur passiv, sondern als aktiver Teil dieser Szene in meinem kleinen Heimatdorf Altengottern an der Unstrut, 30 km von der hessischen Grenze entfernt. Wir brauchten keine Dachantennen, um HR3 empfangen zu können, denn der Sendemast auf dem Hohen Meißner war so stark, dass ein einfacher Dipol für den Stereoempfang reichte. Und wir hatten einen Jugendclub, der unabhängig von der FDJ existieren konnte. Als 17jähriger organisierte ich die Bands, die jedes Wochenende auf unserem Saal spielten. Unsere Bürgermeisterin duldete das und hielt ihre schützende Hand über uns, solange am Ende des Jahres ein Gewinn in der Kasse verblieb, den sie in die Renovierung des Kindergartens oder die Reparatur der Straßenbeleuchtung im Dorf stecken konnte.
    Klaus Renft hat mal gesagt: „In der einen DDR haben wir gelebt, die andere haben wir in der Zeitung gelesen, und von der dritten haben wir geträumt.“
    Und ich befürchte, daran hat sich nicht viel geändert. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr, befürchte ich, geht der differenzierte Blick verloren auf das, was wirklich passiert ist. Was wird in den Geschichtsbüchern stehen, irgendwann? Dass es ein Land war voller Spitzel und Verbrecher und voller unterdrückter Menschen oder gab es da doch noch mehr? Was wurde aus dem Aufbruch von 1989? Was wurde aus dem Volkseigentum? Was wurde aus den Träumen vieler Menschen von einer gerechten Gesellschaft, in der nicht das Geld alles entscheiden sollte.
    Was wird in den Geschichtsbüchern stehen, irgendwann? Werden auch die unzähligen Geschichten drinstehen, die unser Leben ausmachten. In Mülsen, In Ebersdorf oder in Altengottern.
    Lieber Volker, vielen Dank, dass du dich des Themas angenommen hast. Wenn du Interesse hast, könnte ich dir gern mehr über meine persönlichen Erfahrungen erzählen.
    Ich würde mich freuen, wenn wir ins Gespräch kämen.
    Liebe Grüße aus Thüringen
    Frank

    Meine Mail-Antwort vom 04.06.2026 17:43 h

    Lieber Frank,
    vielen Dank für Deine sehr gute „Erwiderung“ und Richtigstellung aus Deiner Sicht.
    Was ich in meinem Blog-Text aufgelistet habe, ist mir so erzählt worden, dürfte also genauso geschehen sein. Diese Berichte haben mich ehrlich berührt und zum Teil schockiert. Aber natürlich weiß ich, dass alle eine Nische gefunden haben, in denen sie Freiräume leben konnten. siehe mein Blog mit den Einzelinterviews, z.B:
    Kernsatz im Interview mit Dirk Braack: „In der Woche hat man funktioniert, irgendwie, war nicht schön, aber man hat halt seinen Job gemacht. Am Wochenende hat man seine Freiräume gesucht. Da war die Musik ein Ventil.“
    Aber: Arno sagte, dass er sich seine Karriere verbaut hatte und nie hätte studieren können, weil er den Dienst an der Waffe verweigerte und „Bausoldat“ wurde. Petra sprach davon, dass sie erst nach der Wende „Karriere“ machen konnte und das werden könnte, was sie jetzt ist.
    Natürlich ist mein Introtext zugespitzt, nicht, weil es mir um reißerische Schlagzeilen ging, sondern weil ich diese Geschichten so ungeheuerlich finde.
    Die Differenzierung folgt im Verlauf der Sendung.
    In all den vielen Gesprächen – es gab noch viele mehr – wurde das Thema aktuelle Politik, sprich AfD-Vorherrschaft ausgeklammert. Darüber wollte niemand gerne reden, außer, dass zu hören war, da gibt es kein schwarz/weiß, das muss man differenziert sehen. Als ich von humanistischen Werten, Menschenrechten, Völkerrecht redete und dass es für mich kein Schwarz/Weiß gibt bei Rassismus, Nationalismus, völkischer Ideologie – da wollte niemand mehr etwas sagen, was ich nicht so recht verstehen konnte.
    Also haben wir nur noch über Musik geredet – und da waren wir uns alle einig.
    Ich habe mir erlaubt, Deinen wichtigen, wahrscheinlich entscheidenden Gedanken „Was wurde aus dem Aufbruch von 1989? Was wurde aus dem Volkseigentum? Was wurde aus den Träumen vieler Menschen von einer gerechten Gesellschaft, in der nicht das Geld alles entscheiden sollte.“ in meinen Text als Zitat einzubauen.
    Und doch: können diese wichtigen Fragen erklären, warum so viele, sicher zu recht unzufriedene Menschen in Sachsen-Anhalt und anderswo (auch in West-Ländern) ausgerechnet AfD wählen. Ich kapier das nicht – und weiß aber, dass meine küchenpsychologische Deutung von „kollektiver Enttäuschung“ keine erschöpfende Erklärung ist.
    Falls Du es mir erlauben würdest, würde ich Deinen Mail-Text als Erwiderung, Richtigstellung und Ergänzung am Ende meines Textes als Zitat einfügen.
    Nochmals vielen Dank für Deine „Intervention“
    Viele Grüße
    Volker

    Antwortmail von Frank Witte 04.06.2026 19:38 h

    Lieber Volker,
    es steht außer Zweifel, dass diese ganzen Geschichten wahr sind. Diesen ganzen Wahnsinn hat es genauso gegeben: die Aktion mit dem Haareschneiden, das Absägen von Dachantennen, wenn sie nach Westen ausgerichtet waren, Studienverbote für „Bausoldaten“ und und und. Das Problem ist nur, dass es daneben mindestens genauso viele Geschichten gibt, die etwas anderes berichten. Ein guter Freund von mir, Pfarrerssohn aus Leipzig, verweigerte den Wehrdienst mit der Waffe und ging zu den Bausoldaten. Trotzdem durfte er studieren, zunächst „nur“ Theologie in Leipzig, doch dann ging plötzlich ein Tor auf und er durfte sich in Weimar an der Musikhochschule einschreiben, wurde studierter Musiker, der mit seiner Band sehr erfolgreich wurde, indem er vorwiegend Neil Young Songs spielte, nach denen die Menschen gierten, denn das Original kam nicht in die DDR.
    Ich habe zwischen 1974 und 1979 mit zwei Freunden auf unserem Dorfsaal Disko gemacht. Ich hatte nie eine staatliche Spielerlaubnis und wir haben nie das 60 zu 40-Prinzip eingehalten (es war gesetzlich vorgeschrieben, dass 60 % der Songs aus der DDR oder dem befreundeten sozialistischen Ausland zu stammen hatten und nur 40% aus dem Westen) – ein Unding, wenn man nicht von der Bühne gejagt werden wollte. Ich nahm meine Musik vorwiegend bei euch (HR3) auf und spielte sie vom Tonband. Den Plattenspieler hatten wir nur zur Tarnung aufgebaut, daneben lag ein Stapel Schlagerplatten von Amiga. Wenn der ABV (Dorfpolizist) kam, ging der Kneiper mit ihm ins Hinterzimmer, schenkte ihm Schnaps ein und drückte ihm 20 Mark in die Hand, damit er wieder ging. Dann kam der Wirt zu uns auf die Bühne und sagte: macht weiter Jungs, ich hab grad noch ein Fass angesteckt…Wir erlebten permanent, dass die „Staatsmacht“ zwar allgegenwärtig, jedoch nicht allmächtig war. Mir ist nie was passiert.
    Wir mögen „eingesperrt“ gewesen sein, aber wir waren nicht permanent unglücklich. Wobei auch das eingesperrt sein relativ ist. Ich z.B. habe es nie geschafft, die Sowjetunion zu bereisen oder Bulgarien oder Rumänien, ich hatte schlicht keine Zeit. Natürlich sehnte man sich nach Kalifornien oder nach den Kanadischen Wäldern. Als ich 1994 zum ersten Mal auf den Marin Headlands stand und unter mir die Golden Gate sah, habe ich geheult wie ein Schlosshund. Genauso hab ich geheult, als ich im Frühling 1990 zum ersten Reunion-Konzert bei Renft war. Diese Band hat mein Leben bestimmt und geprägt und ihr Verbot 1975 hab ich den Kulturfunktionären nie verziehen.
    Denn es waren die großen und kleinen „Partei-Fürsten“, die uns den Spaß am Sozialismus vermiesten. An diesen Sozialismus haben aber viele – einschließlich mir – geglaubt. Wir träumten von einer besseren Gesellschaft, besser auch als das, was wir so bei euch nebenbei mitbekamen. Die Polizeigewalt gegen „linke“ Demonstranten, die Attentate auf Dutschke und Ohnesorg, die Renaissance der alten Nazis im Staatsapparat. Es gab da sehr viel, was uns am „Westen“ nicht wirklich begeisterte.
    Klar, die Rechtsstaatlichkeit ist ein hohes Gut, aber was erleben wir momentan? Dass Politiker sich beleidigt fühlen, wenn sie jemand Lügner nennt und die Polizei früh um fünf zur Hausdurchsuchung schicken. Das kommt mir alles sehr bekannt vor. In der DDR gab es den Straftatbestand der „Herabwürdigung“. Im Grunde das Gleiche, was wir jetzt wieder erleben.
    Jedes Recht und jede Gerechtigkeit in der DDR konnte ein Ende haben, wenn einer der kleinen oder großen Mächtigen es so wollte, weil jedes Recht und jede Gerechtigkeit für diejenigen verloren waren, die sich nicht systemkonform verhielten. Klar ist, dass die DDR eine Diktatur (des Proletariats) war und der sogenannte „demokratische Zentralismus“ mehr Zentralismus als Demokratie war. Die Gewaltenteilung war durch die „führende Rolle der Partei“ (SED) quasi ausgehebelt und somit war der Bürger der Willkür des Staates mehr oder weniger ausgeliefert. Die pauschalisierende Anwendung des Begriffs „Unrechtsstaat“ auf die DDR lehne ich dennoch ab. Zwar war die DDR kein Rechtsstaat im heutigen Sinn, ihre einseitige Beschreibung als Unrechtsstaat stellt aber Arbeit und Leben sämtlicher ehemaliger DDR-Bürger unter einen moralischen Generalverdacht, den ich so nicht teilen kann.
    Und da sind wir bei deiner Frage, nach dem Aufstieg der AFD – eine sehr komplexe Frage, die auch ich nicht in zwei Sätzen beantworten kann. Es hat aber etwas mit der Enttäuschung zu tun, die ich schon beschrieben habe. Es ist eine Enttäuschung darüber, dass der „Westen“ sich als nicht so golden erwiesen hat, wie sich das viele naiv vorgestellt hatten. Es sollte eigentlich alles so bleiben wie es war, soziale Sicherheit, niedrige Mieten, fester Arbeitsplatz, an dem man sich nicht „tot machen“ musste und dazu aber Westgeld und einen Reisepass. Im Grunde so, wie Pension Volkmann es besungen haben. „Satt zu essen und ‘nen Ausweis in der Tasche, der was gilt, satt zu essen und ne Heimat, die dich nie für Fernweh schilt.“
    Diese Enttäuschung, dass man nach der „Wende“ sich zu rechtfertigen hatte für sein „falsches Leben“ das man angeblich geführt hatte, der Schock, dass Millionen Menschen ihre Jobs verloren und nie wieder einen gefunden haben (ich weiß das, weil ich 13 Jahre arbeitslose Frauen aus Apolda betreut habe und ihre Familiengeschichten kenne). Deshalb haben die Leute in Neustadt „zugemacht“, als es um die aktuelle Politik ging. Sie wollten sich vor dem „Westbesuch“ nicht dazu äußern, auch aus Angst, sich schon wieder rechtfertigen zu müssen…
    Die Menschen im Osten sind nicht einfach unzufrieden und sie sind auch nicht zu dumm für die Demokratie. Sie sind zutiefst enttäuscht darüber, mitanzusehen, dass die Demokratie zunehmend zur Farce gerät. „Wenn Wahlen etwas ändern würden, wären sie verboten“ – so lautet ein oft gesagter Satz. Wir erleben, dass man für die Politiker nur alle vier Jahre mal interessant ist, wenn es wieder an die Wahlurne geht. Dazwischen leben sie in ihrer Blase, wohlbehütet und kümmern sich nicht mehr ums „Stimmvieh“. Ich kann eine Petition nach der anderen schreiben, noch nie hat so etwas genutzt.
    Ich denke, das Erstarken der AFD (nicht nur im Osten) resultiert aus einer tiefgreifenden Unzufriedenheit mit der etablierten Politik, dem Parteiensystem, dem Fehlen direkter demokratischer Instrumente und ist eine Reaktion auf die vielen Krisen, die wir weltweit erleben. Dies gekoppelt mit Verlustängsten, Neiddebatten und einer tiefsitzenden Ausländerfeindlichkeit in Ost und West sowie dem Abbau von sozialen Sicherungen, treibt die Menschen diesen Rattenfängern in die Arme. Und die „etablierten Parteien“ bedienen das noch, indem sie nicht nach den Ursachen forschen und diese versuchen zu bekämpfen, sondern die Politik der AFD betreiben. Beispiel Abschiebungen durch die aktuelle Regierung, Sie hoffen, damit Wähler vom rechten Rand zurückzugewinnen, aber die Menschen wählen immer das Original.
    Diese Enttäuschung über die etablierte Politik, die zusehends nicht mehr in der Lage scheint, die multiplen Krisen zu lösen, bestimmt die aktuelle Politik weltweit. Sie ermöglicht den Vormarsch der „Rechten“ weltweit. Ich war oft in den USA, zuletzt 2023 und mir war klar, dass Trump wiedergewählt würde. Über einen langen Zeitraum habe ich den Niedergang der Gesellschaft in den USA sehen können. Die Verarmung, die Pulverisierung des „Mittelstandes“, das Anwachsen der Trailerparks und Zeltsiedlungen vor den Städten. Man sagt, dass Entwicklungen in den USA etwa 10 Jahre brauchen, bis sie zu uns überschwappen. Hoffen wir es mal lieber nicht…
    Lieber Volker, ich hau jetzt mal die Bremse rein, sonst schreib ich morgen früh noch… Wir müssten uns eigentlich mal persönlich treffen, aber das ist nicht so leicht, bei deinem Arbeitspensum (welches ich total bewundere)
    Frag mich gern, wenn du noch was über die DDR wissen möchtest und auch sonst freue ich mich immer über Nachricht von dir. Du darfst mich gern zitieren.
    Für heute liebe Grüße aus Weimar
    Frank

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