Ein Genesis-Interview von 1976

Nach Peter Gabriels Ausscheiden und zum ersten Genesis-Album ohne Gabriel, „A Trick Of The Tail“, gaben mir die restlichen Genesis-Mitglieder ein ausführliches Interview

Der Podcast zum Genesis-Interview vom Frühjahr 1976 aus meinem Archiv

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Peter Gabriel verließ Genesis offiziell im August 1975, nachdem die Welttournee zum Album „The Lamb Lies Down on Broadway“ beendet war.
Das erste Genesis-Album nach seinem Ausscheiden war „A Trick of the Tail“, das im Februar 1976 erschien. Eingespielt wurde das Album von den übrig gebliebenen Genesis-Mitgliedern Mike Rutherford (b), Tony Banks (keys), Steve Hackett (g) und Phil Collins (dr), der erstmals komplett den Hauptgesang übernahm.

Peter Gabriel verließ die Band aus einer Kombination von privaten und künstlerischen Gründen:
Seine Frau Jill hatte eine schwere erste Schwangerschaft. Die gemeinsame Tochter wurde kurz vor der Tournee 1974 geboren und schwebte zeitweise in Lebensgefahr. Gabriel wollte bei seiner Familie sein, was zu Spannungen mit der Band führte, die mitten in den Albumaufnahmen steckte.
Ein weiterer Grund war die allmählich künstlerische Entfremdung: Das Konzeptalbum „The Lamb Lies Down on Broadway“ wurde fast ausschließlich von Gabriel geschrieben. Die restlichen Bandmitglieder fühlten sich musikalisch an den Rand gedrängt. Die Presse konzentrierte sich fast nur noch auf Gabriel und seine exzentrischen Kostüme. Das führte zu Eifersucht und dem Gefühl innerhalb der Rest-Band, nur noch seine Begleitgruppe zu sein.
Und nicht zuletzt fühlte sich Peter Gabriel vom starren Musikbusiness und den langen Tour-Verpflichtungen eingeengt. Er wollte ohne den Druck einer großen Band experimentieren und sich als Solist weiterentwickeln.

Entgegen den Befürchtungen vieler Kritiker führte Peter Gabriels Abgang nicht zum Ende von Genesis, sondern leitete ihre kommerziell erfolgreichste Ära ein:

Auf längere Sicht führte die Genesis-Entwicklung in den Folgejahren vom Prog-Rock zum Pop. Unter der Führung von Phil Collins entwickelte sich der Sound weg von episch-komplexen, theatralischen Stücken hin zu kürzeren, eingängigeren Melodien.
Das erste Album ohne Peter Gabriel „A Trick of the Tail“ klang heller, melodischer und weniger düster als die Werke mit Gabriel. Collins' Stimme ähnelte der von Gabriel, war jedoch klarer und weniger rau.

 

A Trick Of The Tail (Albumcover)

 

Zur Veröffentlichung des Albums „A Trick Of The Tail“ gingen drei der restlichen Genesis-Mitglieder Mike Rutherford, Tony Banks und Phil Collins im Frühjahr 1976 auf eine Senderreise durch deutsche Radio-Redaktionen, um Interviews zu geben, das neue Album zu promoten und zu erklären, wie es ohne Gabriel weitergeht. Das deutsche Radio-Publikum war für Genesis damals sehr wichtig.

Für die verbliebenen Bandmitglieder stand damals viel auf dem Spiel, da die Musikpresse die Band nach Peter Gabriels Ausstieg im August 1975 bereits für „tot“ erklärt hatte. Deutschland war zu diesem Zeitpunkt neben Großbritannien ihr wichtigster und treuester Absatzmarkt.
Die damaligen Interview-Aktivitäten im deutschen Hörfunk zeichneten sich durch folgende Kernpunkte aus (Quelle: www.genesis-fanclub.de):
Die Mission war, den „neuen“ Sänger und den Sound erklären.
Zu den Hauptthemen der Interviews: Die Journalisten fragten unentwegt, wie Genesis den Verlust des exzentrischen „Maskenmanns“ Gabriel verkraften wolle.
Die Botschaft der Band: Collins, Banks und Rutherford betonten in den deutschen Radio-Studios immer wieder, dass Genesis schon immer ein demokratisches Kollektiv und keine One-Man-Show gewesen sei. Sie erklärten geduldig, wie Phil Collins eher durch Zufall und nach unzähligen erfolglosen Auditions anderer Sänger das Mikrofon im Studio übernommen hatte.

In Fankreisen wie dem Deutschen Genesis Fanclub (https://www.genesis-fanclub.de/)) werden Mitschnitte und Erinnerungen an diese Phase bis heute gepflegt. Fans beschreiben die Radio-Interviews aus dem Jahr 1976 als auffallend sachlich, höflich und bodenständig. Im Gegensatz zu den späteren stressigen Mega-Promotions der 80er-Jahre nahmen sich Collins, Rutherford und Banks damals bei einer Tasse Tee sehr viel Zeit, um den deutschen Moderatoren komplexe Songs wie „Dance on a Volcano“ oder „Squonk Note“ für Note zu erklären. (Quelle: genesis-fanclub)
Diese Charme-Offensive im deutschen Radio zeigte enorme Wirkung: „A Trick of the Tail“ stieg in den deutschen Album-Charts bis auf Platz 43 (für damalige Art/Progressive-Rock-Verhältnisse ein Erfolg) und legte das Fundament für die ausverkauften Deutschland-Konzerte im Sommer 1976.

Da es in den 1970er-Jahren noch keine privaten Radiosender in Deutschland gab, steuerten Genesis gezielt die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten an, die spezielle Sendungen für anspruchsvolle Rockmusik (Art Rock/Progressive Rock) im Abendprogramm hatten:
WDR: Eine der wichtigsten Stationen in Köln war Moderatoren-Legende Winfrid Trenkler. Er hatte damals eine enorme Reichweite in der deutschen Rock-Szene und stellte das Album intensiv vor. (www.wdr.de)

NDR: Auch im Norden machten Genesis Halt. Interviewer war der junge Musikredakteur Peter Urban, der heute noch in NDR-Podcasts wie Urban Pop über diese Ära berichtet (www.ndr.de)

SWF / SDR (heute SWR): Im Südwesten besuchten Genesis die dortigen Pop- und Rock-Redaktionen. Die enge Bindung zu dieser Region gipfelte im selben Jahr am 3. Juli 1976 in dem legendären Auftritt beim ersten Open-Air-Festival auf der Loreley, das vom dortigen Rundfunk massiv begleitet wurde und heute als Meilenstein gilt (www.swr.de).

Auch der hr wurde bei dieser Promotiontour von Genesis besucht. Ich hatte die Gelegenheit ein ausführliches Interview mit Tony Banks, Mike Rutherford und Phil Collins zu führen. Das Originalband des Interviews konnte ich bislang leider nicht finden, dafür aber das fertig produzierte Interview mit Overtalks, also mit meinen drüber gesprochenen Übersetzungen. Aus unerfindlichen Gründen fehlen in der 11:20 langen Produktion die Beiträge von Phil Collins. Erhalten blieben also nur die Antworten von Mike Rutherford und Tony Banks. In meiner damaligen Genesis-Sendung wurden nur Ausschnitte aus dem Interview gesendet.

Hier ist das Interview von 1976 in der komplett erhaltenen Länge als Podcast zu hören:

 

 

Im Netz finden sich Informationen zu den „wichtigsten Inhalten des hr-Gesprächs“, ohne konkrete Quellenangaben. (Es ist nicht auszuschließen, dass es noch ein weiteres Interview im hr gab, geführt von einem hr1-Kollegen. Doch davon habe ich keine Kenntnis) Zitat:
„In dem sehr ausführlichen, fast schon analytischen Interview ging es weit über die üblichen Standardfragen hinaus:
Tony Banks und Phil Collins gaben offen zu, unter extremem Druck gestanden zu haben. Sie erklärten dem hr-Publikum, dass die Aufnahmen zu „A Trick of the Tail“ paradoxerweise viel schneller und harmonischer verliefen als das letzte Werk mit Peter Gabriel. Phil Collins war zu diesem Zeitpunkt im Studio bereits als Sänger bestätigt, hatte aber massiven Respekt vor den anstehenden Live-Auftritten. Er erklärte im hr-Hörfunk detailliert, dass er sich niemals eine Maske aufsetzen würde. Die Musiker verrieten in dem Interview auch das damals noch geheime Vorhaben, für die Tournee mit Bill Bruford (Schlagzeuger von Yes und King Crimson) einen zweiten Drummer zu verpflichten, damit Phil Collins live an den Bühnenrand treten konnte.
Typisch für den damaligen hr-Rundfunk wurden einzelne Songs wie „Ripples“ oder „Robbery, Assault and Battery“ intensiv besprochen. Die Musiker erklärten die komplexen Taktwechsel und wie sie versuchten, trotz des proggigen Anspruchs eingängigere Melodien zu schreiben.“

 

A Trick Of The Tail (Cover)

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