Das neue Album – Pro und Kontra
Neil Youngs neues Album mit The Chrome Hearts „Second Song“, sein fünfzigstes Studioalbum insgesamt, wird von der deutschen Ausgabe des „Rolling Stone“ als „das große Alterswerk“ gelobt. Das Magazin „eclipsed“ spricht vom „besten Album“ seit 2012. Auch das Magazin „Mojo“ urteilt: „‘Second Song‘ ist mit Abstand sein bestes Werk seit dem gewaltigen ‚Psychedelic Pill‘“.
Das Album wird auf Plattformen wie Metacritic mit positiven Kritiken zwischen 74 und 90 von 100 möglichen Punkten geradezu euphorisch aufgenommen.
Tatsächlich enthält das Album nur fünf neue Kompositionen, von denen sich drei bis zu 11 Minuten lange Tracks zum Teil wie Jamsessions anhören, denen allmählich die Inspiration auszugehen scheint. Um das Album zu füllen, hat Neil Young zwei 60 Jahre alte Songaufnahmen aus seinem Archiv ausgegraben und neu aufgenommen. All das spricht nicht unbedingt für eine kreative Hochphase, die viele Kritiker Neil Youngs neuem Album „Second Song“ attestieren. Nach dem ersten Durchhören hatte ich persönlich den Eindruck, dies ist kein überragendes Album, eher eine Sammlung durchschnittlicher Songs, von denen manche zur Langatmigkeit, zu Wiederholungen und Selbstzitaten neigen, ohne neue Ideen zu entwickeln. Was hatte ich also überhört? Was falsch, oder nicht gehört, wo doch die meisten Kritiker dieses, meiner Meinung nach eher durchschnittliche Album als sein Bestes seit langem bewertet haben?
„Langatmigkeit“ ist nicht von der Hand zu weisen, wenn drei zentrale Songs des Album 7, bzw über 9 und über 11 Minuten lang sind. Nur, was heißt „Langatmigkeit“? Haben diese Songs mit deutlichen Überlängen – gemessen an heutigen Verhältnisse der kurzen Aufmerksamkeitsspanne – haben die Songs einen langen Atem oder geht ihnen allmählich die Luft aus? Und dann stellt sich natürlich die Frage, interpretiert man dieses Merkmal der Langatmigkeit als Mangel oder als ästhetisches Prinzip?
Wie verhält es sich beim 7-minütigen Song „Day After Day“. Speziell dieser Song klingt von der Harmonik her fast wie ein Aufguss von Bob Dylans "Knockin' On Heaven's Door" und wirkt auf Dauer durch ständige Wiederholungen ermüdend und letztlich uninspiriert.
„Second Song“ ?
Warum heißt sein neues Album „zweiter Song“, wo er doch schon über 1000 Songs im Laufe seiner 60-jährigen Karriere veröffentlicht hat?
Der Titel bezieht sich in erster Linie wohl darauf, dass es das zweite Studioalbum ist, das Neil Young gemeinsam mit seiner neuen Begleitband The Chrome Hearts aufgenommen hat. Es ist also das zweite Kapitel mit den Chrome Hearts: Das Album ist der direkte Studio-Nachfolger zu ihrem gemeinsamen Debüt „Talkin' to the Trees“ von 2025. Neil Young setzt damit die Zusammenarbeit mit dieser Formation fort, der mit Micah Nelson der jüngste Sohn von Country-Ikone Willie Nelson angehört, aber auch Spooner Oldham, Jahrgang 1943, legendärer Begleitmusiker von Aretha Franklin, Percy Sledge, Bob Dylan, Joe Cocker, JJ Cale usw..
Der Titel „Second Song“ spiegelt auch die Struktur des Albums wider. Neben fünf neuen Songs hat Neil Young tief in seinen Archiven gegraben und zwei Songs aus seinen Teenager-Tagen Mitte der 1960er-Jahre, „Casting Me Away From You“ und „I'll Love You Forever“ für das Album neu eingespielt. Es ist also im übertragenen Sinne der „zweite Versuch“ oder das „zweite Leben“ für diese 60 Jahre alten Lieder.
Aber vor allem steht der Albumtitel für eine Art Selbstreflexion im Titelstück: Im elfminütigen Titel-Track „Second Song“ singt Neil Young die Zeilen: „I knew the song was over / but I couldn't find the time / the words just tumble forward / in this second song of mine“. Das könnte auf den Zustand des Älterwerdens verweisen. Es beschreibt das Gefühl, dass ein Lebensabschnitt oder ein kreativer Fluss eigentlich vorbei sein müsste, man aber dennoch weitermacht, weil die Worte und Melodien im Kopf einfach weiter fließen.
Das Titelstück ist ein langsam fließendes, Folk-Rock-Stück, das bewusst nicht wie ein klassisch gebauter Popsong, sondern wie eine meditative, in Echtzeit entwickelte Jam-Session wirkt. Musikalisch basiert der live eingespielte Track auf einem ruhigen, wiederkehrenden akustischen Gitarrenmuster. Statt eines markanten Refrains trägt ein relativ einfaches, sich wiederholendes harmonisches und melodisches Motiv den gesamten Ablauf. Neil Young singt Verse über Erinnerung, Altern, Veränderung und die Möglichkeit, Vergangenes zurückzuholen.
Zwischen den Gesangspassagen setzen die Gitarren und die Mundharmonika ein, ziehen sich wieder zurück und kehren später erneut zurück.
Das Tempo bleibt weitgehend konstant; die Spannung entsteht nicht durch Steigerung, sondern durch kleine Verschiebungen in Text, Gesang und Instrumentierung. Der Eindruck einer ausufernden Jam-Session entsteht, weil das Arrangement kaum klassische Songstrukturen nutzt.
Genau darin liegt der Streitpunkt: Für Befürworter ist das eine hypnotische, geduldige Langform, die dem Thema Erinnerung und Vergehen entspricht. Doch Musikinteressierte, die Hörerwartungen an Weiterentwicklung, Innovation und neue kreative Ideen haben, sie hören eine harmonisch statische, sich wiederholende Struktur, der über elf Minuten die kompositorische Entwicklung fehlt: Das Online-Magazin PopMatters beschreibt den Titeltrack in diesem Sinne als schwankend zwischen verträumt „dreamy“ und „enervating“ nervtötend.
Das Far Out Magazine dagegen nennt den Titeltrack das „spirituelle Zentrum“ des Albums: ein meditatives, elfminütiges musikalisches Schlendern, in dem Neil Young Lebensphasen, Generationenwechsel und den kreativen Prozess verarbeite und eine Art Lebensbilanz ziehe. Im Text heißt es:
„Dort am Rande der Dunkelheit warteten die Kinder auf den Sonnenaufgang –
auf etwas, an das sie glauben konnten, etwas, das sie mit eigenen Augen sehen konnten. Ihre Mütter und Väter erinnerten sich, denn sie hatten eine andere Zeit erlebt – eine Zeit sonniger Morgen,
So ist es jetzt nicht mehr. Zu viel hat sich um uns herum verändert
Aber wir können es irgendwie zurückbringen. Ich muss mit jemandem reden,
Jemandem, der lächelt und antwortet. Jemandem, der so alt ist wie ich. Der sich noch an einiges davon erinnert. Ich träume von einer Art zu leben. Eine Art, das zu teilen, was wir finden. Eine Art, langsam zu gehen. Durch die rauchigen Blätter der Zeit. Als ich heute Morgen aufwachte hörte ich eine Melodie und einen Reim
Ich wusste, das Lied war vorbei. Aber ich fand keine Zeit. Die Worte purzelten einfach so hervor. In diesem zweiten Lied von mir.
Die Welt braucht all ihre Singvögel. Sie braucht ihre Musik am Himmel, die Seelen hinein- und hinausführt.
Etwas, das dich zum Lächeln bringt, Etwas, das dich zum Fliegen bringt.“
Der Tagesspiegel schrieb in seiner Album-Rezension: „Mehr Folk als Rock, mehr Herz als Politik, mehr Atmosphäre als Songwriting. Und wenn er mit seiner zunehmend brüchigen, dünner werdenden Stimme „Soon I Might Be Going“ anstimmt, möchte man in die Lautsprecher flehen: Bleib doch noch ein bisschen." Dem kann man sich nur anschließen.

Die Playlist zur Sendung Neil Young & The Chrom Hearts „Second Song“
Artist / Track / Album / Label
1. L.Shankar / Darlene (Kramladen-Themamusik) / Touch Me There / Zappa Records
2. Neil Young & The Chrome Hearts / The Foggy Edge of Time / Second Song / Reprise
3. Neil Young & The Chrome Hearts / I’ll Love You Forever / Second Song / Reprise
4. Neil Young & The Chrome Hearts / Second Song / Second Song / Reprise
5. Neil Young & The Chrome Hearts / Day After Day / Second Song / Reprise
6. Neil Young & The Chrome Hearts / Soon I Might Be Going / Second Song / Reprise
7. Neil Young & The Chrome Hearts / Earth Girl / Second Song / Reprise
Die Sendung Neil Young & The Chrom Hearts „Second Song“ ist zu hören in
- Antenne Mainz via DAB+, UKW und online streaming am Do 29.10.26 um 23 Uhr und am So 01.11.26 um 22 Uhr
- Radio-Rebell von Fr 30.10. bis Mo 02.11.26, täglich, jeweils um 22 Uhr
Der Zusammenschnitt der Sendung Neil Young & The Chrom Hearts „Second Song“ ist als Podcast hier zu hören: