Janis Joplin – zum 50. Todestag der Bluesrock-Ikone

"Get It While You Can" oder "Buried Alive In The Blues" oder "Cry Baby"

Vor 50 Jahren starb Janis Joplin im Alter von 27 Jahren

Janis Joplin (Wikipedia)

„Schuld war nur – der Sex. Auf die Standardfrage aller Journalisten, wie es denn nun angefangen habe mit ihrer phänomenalen Karriere, hatte Janis Joplin eine Antwort mit Schlagkraft parat: ‚Travis war so verdammt gut im Bett. Wie konnte ich da nein sagen?’ Travis Rivers, ein junger Musiker, war im Jahre 1966 ins texanische Austin gekommen, wo Janis wohnte und bislang mit wechselnden Begleitmusikern in drittklassigen Clubs gespielt hatte, um sie davon zu überzeugen, dass ihr in Kalifornien eine große Karriere gelingen würde.“ (Wolfgang Höbel)

Janis Joplin 1970 (Wikipedia)

Ihr Durchbruch kam im Juni 1967 beim Monterey-Festival. Den Zenit ihrer Karriere erreichte sie in Woodstock im August 1969. Doch ihr ruheloses, exzessives Leben zwischen Bühne, Bett und Bourbon forderte gnadenlos Tribut
Janis Joplin, die am 19. Januar 1943 geboren wurde, starb im Alter von 27 Jahren am 4. Oktober 1970. Sie war der erste weibliche Superstar in der Männerwelt Rockmusik und die erste große weiße Blues-Rock-Sängerin der Popgeschichte. Wie kaum eine andere Sängerin schien sie das Rockstar-Leben von Sex and Drugs and Rock’n’Roll bis zur bitteren Neige auszuleben, blieb aber dennoch eine einsame junge Frau, die sich oft missverstanden und ungeliebt fühlte und nur auf der Bühne und in ihrer Musik Erfüllung fand – aber auch nur dann, wenn sie dafür Applaus und Anerkennung fand. Lief es mal nicht so gut, oder wurde sie gar kritisiert, dann brachen in ihr große Selbstzweifel auf und die Fassade der Hippie-Königin bröckelte.
In dem von ihr als Koautorin geschriebenen „Kozmic Blues“ heißt es im Text: „Die Zeit schreitet fort, Freunde wenden sich ab, ich mache weiter, aber ich weiß nicht warum. Ich streng mich so sehr an, Baby, ich versuch’s, um den nächsten einsamen Tag zu überstehen.“

Janis Joplin & The Kozmic Blues Band - "Kozmic Blues"

„Da brennt ein Feuer in jedem von uns, und ich brauche es jetzt, und ich will es behalten und spüren bis zu dem Tag, an dem ich sterbe“, das sang Janis Joplin in dem von ihr selbst verfassten Text des „Kozmic Blues“, aus ihrem Album „I Got Dem Ol’ Kozmic Blues Again Mama“, das im Oktober 1969 erschien, ein Jahr bevor sie starb. Aufgenommen hatte sie dieses ihr erstes Solo-Album zusammen mit ihrer neu gegründeten Begleitband Kozmic Blues Band, nachdem sie zuvor zwei Alben mit der Band Big Brother and the Holding Company eingespielt hatte – wobei ihr zweites Big Brother-Album „Cheap Thrills“ vom September 1968 Platz 1 der Billboard Charts erreicht hatte.
Weil Janis Joplin den Eindruck hatte, dass sie sich mit Big Brother and the Holding Company musikalisch nicht weiterentwickeln konnte und weil sie bei Big Brother nur die Sängerin, also nur ein Band-Mitglied war und nicht der Star, zu dem sie beim Publikum und bei den Kritikern sehr schnell aufgestiegen war, begann sie Ende 1968 ihre Solokarriere mit der neu zusammengestellten Begleitband Kozmic Blues Band. In Europa wurde Janis Joplin mit ihrer neuen Kozmic Blues Band gefeiert – so auch in der Frankfurter Festhalle am 12. April 1969 bei ihrem einzigen Konzert in Deutschland.
Tourneeleiter Fritz Rau sei damals fast ausgeflippt als Janis Joplin – allen Sicherheitsvorschriften zum Trotz – reihenweise Leute aus dem Publikum auf die Bühne geholt habe, um mit ihnen zu tanzen.

"Piece Of My Heart"

Die psychedelische Bluesrock-Hippie-Queen Janis Joplin sang und tanzte umringt von ihren Fans im April 1969 auf der Bühne der Jahrhunderthalle in Frankfurt
Wurde Janis Joplin in Europa umjubelt, waren die Reaktionen zuhause in den USA eher zurückhaltend. Die Kozmic Blues Band mit den von Janis gewünschten Soul-Bläsern und der musikalischen Orientierung am schwarzen R&B bekam schlechte Kritiken, was in diesem Ausmaß nicht gerechtfertigt war. Einer der einflussreichsten kalifornischen Kritiker bezeichnete die Kozmic Blues Band gar als Mist und riet Janis öffentlich, sie solle die Band auflösen und schleunigst wieder zu ihrer ersten Band Big Brother and the Holding Company zurückkehren. Auch das Publikum in den USA reagierte auf Janis Joplins neue Soul- und Rhythm’n’Blues-Begleit-Band reserviert. Janis musste plötzlich vor halbleeren Rängen auftreten, was für sie nach dem Riesenerfolg des Albums „Cheap Thrills“ mit Big Brother eine neue und zudem frustrierende Erfahrung war.
Der Grund für das relativ schlechte Abschneiden der Kozmic Bluesband könnte einerseits das anfänglich handwerkliche Defizit der schlecht eingespielten Band gewesen sein, andererseits aber die stilistische Ausrichtung der Band. Beim weißen Rock-Publikum waren damals 1969 die psychedelischen Rock-Sounds total angesagt, während Soul und R&B den Bands und Solisten der schwarzen Szene vorbehalten waren, die diese Musik tatsächlich auch besser und authentischer zu spielen vermochten als die weiße Kozmic Blues Band. Ein weiterer Grund für die Vorbehalte gegenüber der Konstellation Janis und Kozmic Blues Band war die Tatsache, dass Janis, die ohnehin oft mehr zum Schreien als zum Singen neigte, nun bei Liveauftritten mit der Kozmic Blues Band die lauten Soulbläser noch zu übertrumpfen trachtete und deshalb noch mehr schrie als zuvor. „Try just a little bit harder“! Und sie versuchte es mit vokaler Macht und stimmlichem Durchsetzungsvermögen, ein Versuch, der in der Studiofassung hörenswert gelang und auch beim Auftritt in Frankfurt gelingen sollte.

Janis Joplin & The Kozmic Blues Band - "Try (Just A Little Bit Harder)"

Ein Paradesong, der die stimmliche Urgewalt von Janis Joplin eindrucksvoll hörbar machte: „Try Just A Lttle Bit Harder“ aus dem Album „I Got Dem Ol’ Kozmic Blues Again Mama“, das Janis mit ihrer Kozmic Blues Band aufgenommen hatte. Mit dieser Begleitband beteiligte sich Janis Joplin auch am legendären Woodstock-Festival, dessen Dimension sie aber falsch eingeschätzt hatte. Warum auch immer war sie von einem normalen Open Air-Festival-Auftritt ausgegangen, wie sie davor schon einige in kleinerem Rahmen absolviert hatte. Aber als sie mit einem Hubschrauber das Woodstock-Festival-Gelände überflog und die riesige Menschenmenge sah, war sie geschockt, wurde extrem nervös und brauchte ihre Beruhigungsspritze. Zitat aus dem Buch: „Janis Joplin Piece Of My Heart“ von Alice Echols:
„Als sie dann im Backstage-Zelt hinter der Bühne auf ihren Auftritt wartete, jammerte sie, man könne in diesem Zelt nicht ungestört fixen, hier würden viel zu viele Leute ständig kommen und gehen. Also forderte sie ihre damals engste Freundin Peggy auf: ‚Komm wir suchen uns ein ruhiges Platzchen zum Fixen’. Also zogen sie los und wateten durch den Schlamm und ein Meer von Menschen zum einzigen Ort, wo sie sicher sein konnten, nicht gestört zu werden, zu den Toiletten – was keine gute Idee war, denn es gab viel zu wenige davon. Und vor den wenigen Toiletten standen riesige Schlangen von Menschen mit mehr oder minder dringenden Bedürfnissen.“ Worauf Janis einen Promi-Anfall bekam und irgendwas rief im Sinne von: „Hilfe! Ich bin ein Star, lasst mich hier rein, sofort“, was die erschrockenen Fans auch sofort ermöglichten. „Doch statt einem ruhigen Örtchen fanden Janis und ihre Freundin Peggy einen Ort des Grauens vor. Originalton Peggy: ‚Wir kamen da rein und die Scheiße war so hoch aufgetürmt, dass du dich nicht hinsetzen konntest. Und vor lauter Gestank kam es mir sofort hoch’.“
Aber Janis kam dann doch noch zu ihrer Spritze. Doch dabei blieb es offenbar nicht. Sie sei sternhagelvoll und zugedröhnt gewesen, als sie raus auf die Bühne ging. Einige Wochen später sagte sie in einem Interview über ihre Woodstock-Erfahrung: „Ich habe alles genommen, geschnupft, gespritzt, geraucht, geschluckt, was da war. Und ich hab ’ne Menge fremde Leute gefickt.“

Janis Joplin & The Kozmic Blues Band – "Work Me, Lord"

Der Song „Work Me Lord”, der in Woodstock zu den besseren Live-Titeln des ansonsten unterdurchschnittlichen Auftritts von Janis Joplin zählte, war hier in der hörenswerten Studioversion mit der Kozmic Blues Band zu hören. Janis war nach Woodstock frustriert, denn sie wusste, dass sie keine gute Performance abgeliefert hatte, dass ihre Band und ihre Stimme weit unter ihren Möglichkeiten geblieben waren.
Konzerte von Janis Joplin waren nicht immer, aber im besten Fall ein phänomenales Ereignis, ein Ausbruch musikalischer Urenergie. Die Hingabe, die Leidenschaft, mit der sie ihre Songs auf der Bühne in Szene setzte, ihre Schonungslosigkeit und Unverstelltheit im Ausdruck von Schmerz, Sehnsucht und Lustverlangen war Ende der 60er Jahre für eine weiße Sängerin geradezu revolutionär und schockierte und faszinierte ihr Publikum gleichermaßen.
Wie kam es, dass eine weiße Mittelschichtstochter aus der texanischen Provinz den schwarzen Blues so authentisch singen konnte wie keine weiße Sängerin vor ihr? Warum und woran litte diese junge Frau ihr kurzes Leben lang so intensiv? Warum kam sie aus dieser zwanghaften Spirale der Selbstzerstörung nicht heraus? Warum fand sie letztlich weder Freude noch Befriedigung trotz ihres exzessiven Lebenswandels? Was war das für eine unstillbare Sehnsucht, die sie letztendlich umgebracht hat? Und warum hat diese junge Frau in ihrem Gesang so verzweifelt geschrieen?

"Cry Baby"

„Cry Baby“ ist eines der der populärsten Stücke aus dem Album „Pearl“, an dem Janis Joplin in den letzten Wochen vor ihrem Tod arbeitete und dessen Veröffentlichung sie nicht mehr erleben sollte. Anfang 1971 kletterte das Album auf Platz 1 der US-LP-Charts.
Zwei Wochen vor ihr war Jimi Hendrix ebenfalls im Alter von 27 Jahren gestorben. Und auch Jim Morrison von den Doors, der 8 Monate später, am 3. Juli 1971 starb, war nur 27 Jahre alt geworden. Und bei allen drei Todesfällen spielten Drogen eine mehr oder minder große Rolle. Janis ging womöglich am unbekümmertsten mit den Rauschmitteln um. Sie trank exzessiv, rauchte Marihuana, schluckte LSD-Pillen und ließ auch vom Heroin nicht die Finger – vor allem nicht in den letzten Monaten ihres Lebens. Die fatale Mischung aus überstarkem Alkoholgenuss und einer Heroin-Dosis mit ungewohntem, überdurchschnittlichem Reinheitsgehalt ließ ihren Kreislauf in jener Nacht vor 50 Jahren kollabieren.
Doch Janis als Junkie zu brandmarken, sie als Verliererin abzustempeln und in ihr die Verkörperung alles Falschen in der zügellosen Hippiekultur der späten 60er Jahre zu sehen, wird ihr überhaupt nicht gerecht. Sie war eine intelligente, auch humorvolle und ebenso lebenslustige wie am Leben leidende junge Frau. Ihr Lebensmotto hieß naiv: Berausch dich, sei fröhlich und fühl dich wohl! Ersteres, das Berauschen, hat sie ständig ausgelebt, das Letztere, fröhlich zu sein und sich wohl zu fühlen, das erlebte sie nicht so oft – es war jedenfalls nie von Dauer. Die andere Devise aus einem ihrer berühmten Songs „Get It While You Can“ - „Hol’s dir, solange du es kriegen kannst“ bezog sich freilich nicht nur auf Sex, Drogen, Geld und Hedonismus. „Get It While You Can“ hatte auch mit totaler Konzentration zu tun, einer Botschaft, alles, was man hat, in das zu investieren, was man liebt, nichts zurückzuhalten, nicht auf irgendwann zu warten, nichts zu verschieben, sondern ganz im Augenblick zu leben, so intensiv wie möglich.

"Get It While You Can"

Janis Joplin holte sich alles, was sie kriegen konnte. Wenn sie sang, konnte sie alles was sie hatte, alles was sie ausmachte, mit ihrer Stimme ausdrücken. Janis Joplins Schwester Laura schrieb in ihrer sehr privaten Biografie „Love Janis“ über die zwei Gesichter ihrer Schwester:
„Janis versuchte, einen neuen Lebensstil zu finden. Passenderweise trug sie den Namen des römischen Gottes Janus, der über jedes Ende und jeden Anfang herrschte. Janus wird immer im Profil dargestellt, mit zwei identischen Gesichtern, die in entgegengesetzte Richtungen schauen. Auch der Januar, der Geburtsmonat meiner Schwester, ist nach Janus benannt. Ihr ganzes Leben stand unter dem Zeichen des Veränderns und Werdens. Janis versuchte heldenhaft, sich selbst zu verändern, und damit half sie vielen, die ähnliches anstrebten. Sie war kein Mensch, der das Alte einen stillen, ungestörten Tod sterben ließ. Sie stieß es von der Klippe herab und schleuderte ihm eine Lawine der Wut hinterher. Bevor sie starb, blitzte ein neues, ruhigeres Ich zaghaft im Dickicht ihrer massiven, zynischen Ausfälle auf. Ihre Wiedergeburt war noch in den Wehen, als der Tod ihr ein so plötzliches Ende setzte. Die Wahrheit, die sie entdeckt hatte, lag in ihrer Musik. Sie gab alles dafür auf, weil sie nichts fand, was dem gleichkam. Wenn sie sang, entdeckte sie für sich eine neue Realität, und wenn sie mit dieser Kraft verschmolz, schenkte sie ihrem Publikum reine Liebe. Durch ihre Beziehung zum Publikum lernte sie, dass es bei Liebe nicht darum geht, etwas von anderen zu bekommen. Das gute Gefühl erwächst aus dem Geben – dem Geben von Liebe. Verzweifelt versuchte sie, diese Lektion auch auf den Rest ihres Lebens anzuwenden.“ (Laura Joplin, aus „Love Janis“)

"To Love Somebody"

Diese sehr eigene Coverversion des BeeGees-Hits „To Love Somebody“ stammt aus Janis Joplins erstem Soloalbum, das im Oktober 1969 erschien und in den USA Platz 5 der LP-Charts erreichte. Janis, damals 1969 schon auf der Höhe ihres Ruhmes, war als Musikerin vor allem Interpretin. Sie schrieb zwar auch etliche eigene Texte und war auch bei einigen wenigen Kompositionen als Koautorin beteiligt, aber die allermeisten der Songs ihres Repertoires waren entweder für sie zum Teil von Bandmitgliedern geschrieben oder waren Coverversionen. Und dies war auch ihre große Stärke: die Umsetzung, die Realisierung. Einem Song Leben einzuhauchen: ihr eigenes Leben nicht nur einzuhauchen, sondern eher einzupflanzen, um nicht zu sagen „einzuschreien“.
In der schwarzen Blues-Diktion, die sie von ihren Vorbildern Big Mama Thornton, Billy Holiday und Bessie Smith nachahmend gelernt hatte, ging sie jedem ihrer Songs emotional auf den Grund. Und in wirklich jedem Song, den sie interpretierte, forderte sie elementare Gefühle von Leid bis Leidenschaft zu Tage. Alles was ihr eigenes Leben ausmachte, all die Gefühle von Traurigkeit, Wut und Depression, aber auch ihren unbändigen Lebenswillen packte sie in ihren gesanglichen Ausdruck hinein.
Blues-Puristen waren oft nicht zufrieden mit der Art und Weise, wie Janis das Blues-Idiom für sich nutzte. Aber das war auch nicht ihr Ziel, sie wollte und konnte als junge weiße Sängerin keine authentische Blues-Musikerin sein. Sie zitierte oder reproduzierte weder den Blues noch eine textlich-musikalische Botschaft eines anderen, wenn sie sang. Sie nahm die Songs in sich auf und machte sie zu ihren eigenen.
Kritiker relativierten zwar später das Hohe Lied, das auf Janis als Sängerin und Interpretin postum angestimmt wurde. Man konnte lesen, sie sei als Sängerin überschätzt worden, sie habe kaum improvisiert, sondern jeden Schrei, jedes Stöhnen, jede vermeintlich spontane Äußerung geplant und gezielt eingesetzt. Zum Beleg hatte man dazu mehrere verschiedene Gesangsversionen des gleichen Titels von ihr miteinander verglichen, wobei herauskam, dass sich die unterschiedlichen Aufnahmen tatsächlich bis in kleinste Details entsprachen. Wobei man freilich auch sagen könnte, dass Janis eine klare Konzeption, eine Dramaturgie von jedem ihrer Songs für sich erarbeitet und dann immer abrufbar im Kopf hatte.
Doch derlei Kritik relativiert sich sehr schnell, wenn man sich die Radikalität und Einzigartigkeit des Gesangs von Janis Joplin in ihrer Zeit, Mitte bis Ende der 60er Jahre bewusst macht. Damals gab es im Rock keine weiblichen Gesangsvorbilder – jedenfalls nicht in diesem Stil, den Janis kreiert hatte. Und wie sie sich z.B. den Gershwin-Songklassiker „Summertime“ aus dem Musical „Porgy and Bess“ aneignete und eigenwillig interpretierte, das war für die damaligen Verhältnisse im höchsten Maße außergewöhnlich.

"Summertime"

Janis Joplin live 1969 mit ihrer Kozmic Blues Band. Die Studioversion von „Summertime“ erschien im Juli 1968 innerhalb des Albums „Cheap Thrills“, das in den US-Billboard-Charts Platz 1 erreichte und insgesamt 66 Wochen lang in den Charts notiert war. Alle Kritiker waren damals voll des Lobes über die emotionale Power, diese unbändige Leidenschaft, die aus dem Gesang von Janis Joplin schier hervorzubrechen schien.
Ihre überstarken Gefühle hatten Janis in ihrer Kindheit und ihrem Teenagerleben in der texanischen Heimat Port Arthur oft Probleme gemacht. Ihre emotionale Ungezügeltheit hatte sie in der kleinbürgerlichen Spießigkeit ihrer Geburtsstadt Port Arthur zur Außenseiterin abgestempelt. Als Jugendliche eckte sie immer wieder an. Sie war äußerst intelligent, wissbegierig und halsstarrig und hatte eine gesunde Portion Widerspruchsgeist. In der Schule schockierte sie ihre Mitschüler und Lehrer z.B. durch ihre Forderung nach Gleichstellung zwischen Schwarz und Weiß. Sie begann früh zu rauchen, trank gerne Bier, nicht selten auch zu viel, hatte ein loses Mundwerk und tat alles, was dem texanischen Bild eines gesitteten, wohlanständigen weißen Mittelstandsmädels widersprach.
Dass sie – frühreif wie sie war – schon in jungen Jahren sexuelle Erfahrungen machte, beschädigte ihren Ruf nachhaltig. Wegen ihrer eigenwilligen Persönlichkeit und ihrem ausgefallenen Kleidungsstil wurde sie als Studentin in ihrer texanischen Heimat böse gemobbt und gedemütigt. Die männliche Studentenschaft der University of Texas hatte sie zum „hässlichsten Mann des Campus“ gewählt. Kein Wunder, dass sie Texas verließ und ihr Glück in Kalifornien suchte und fand, zumindest in ihrer Musik.
Für ihre Karriere als Rocksängerin war ihre überbordende Emotionalität nur zuträglich, geradezu notwendig und ein Garant ihres Erfolges.
So hat es auch die Buchautorin Alice Echols in ihrer Janis Joplin-Biografie „Piece Of My Heart“ dargestellt:
„Die Unfähigkeit, ihre Gefühle zu kontrollieren, ‚sie unten zu halten’, wie sie es selbst nannte, hatte sie in Port Arthur in große Schwierigkeiten gebracht. Jetzt machte sie Janis zum Liebling der Gegenkultur. Überall sprachen Menschen begeistert davon, wie sie all diese starken, unlenkbaren Gefühle von sich Besitz ergreifen ließ.“
Dass Janis Joplin schon als Teenie im rassistischen Texas vor allem auf schwarze Musik stand, das war damals mehr als ungewöhnlich und für ihre Umgebung schon fast provozierend.

"Ball and Chain"

„Ball and Chain“, der Rhythm’n’Blues-Song von Big Mama Thornton aus dem Jahre 1961 war 1967 beim Auftritt von Janis Joplin in Monterey vom Publikum gefeiert worden. Der Song war noch nicht auf dem Debütalbum ihrer ersten Band enthalten, das im Herbst 1967 erschien und als Titel den Namen der Band trug „Big Brother And The Holding Company“. Diesem kalifornischen Bluesrock-Quartett hatte sich Janis Joplin im Sommer 1966 als Sängerin angeschlossen.
„Ball and Chain“ wurde einer ihrer Schlüsselsongs, denn Janis Joplin hatte den Blues. Doch der Blues konnte sie nicht heilen von jenem inneren Schwelbrand ihrer unstillbaren Sehn-Süchte. Getreu ihrem Songmotto „Get It While You Can“ ließ sie kaum einen Exzess aus. Sie hatte sexuelle Affären ohne Ende und blieb doch, wenn’s darauf ankam, alleine. Sie trank über die Maßen und fand doch keinen Trost im Suff. Sie spritze schließlich Heroin und fand auch im Rausch keine Erlösung. Sie holte es sich so lange, bis ihr Körper nicht mehr mitmachte. Kurz nach Janis Joplins Überdosis warben die Dealer für ihren Stoff mit dem makabren Spruch: „so stark, dass er Janis umgenietet hat“.

Janis Joplin 1969 (Wikipedia)

Die starke, zerbrechliche Janis habe den Frauen gezeigt, sagte Melissa Etheridge, dass man Rockstar werden kann statt Sekretärin und dass man nicht hübsch sein muss, um Erfolg zu haben.
Chrissie Hynde von den Pretenders war noch ein Teenager in Ohio als sie einen Auftritt von Janis sah, der für sie elektrisierend aber auch beängstigend war. Ihre Eindrücke von diesem Konzert beschrieb sie in einem Interview so, man habe da sein nettes kleines Leben in den Vorstädten geführt „und plötzlich war da dieses Zugunglück – und das war Janis“.
Janis Joplin irritierte und erschreckte viele ihrer Zeitgenossen, weil sie sich schonungslos auslebte. Eine der Schlüsselzeilen für Janis Joplins Lebensphilosophie formulierte Kris Kristofferson für sie in dem Song, der Janis postum zum Weltstar machte. Und diese viel zitierte Zeile lautet: „Freedom’s just another word for nothin’ left to lose.“ – Freiheit heißt nur, dass man nichts mehr zu verlieren hat.

"Me And My Bobby McGee"

Das Album „Pearl“, aus dem die Nr. 1-Single „Me And My Bobby McGee“ ausgekoppelt wurde, hielt sich 42 Wochen lang in den US-Charts und belegte neun Wochen lang Platz 1 der Billboard-Charts. Diesen immensen Erfolg konnte Janis Joplin nicht mehr erleben. Sie starb kurz vor Vollendung ihres Albums „Pearl“.
Am Abend vor ihrem Tod hatte ihre Begleitband das Playback des Titels „Buried Alive In The Blues“ eingespielt. Tags drauf, am 4. Oktober sollte sie ihren Gesang noch aufnehmen, worauf sie sich am Vortag auch noch gefreut hatte. Aber Janis kam nicht ins Studio. Als man nach ihr suchte, fand man sie tot in ihrem Zimmer auf dem Boden zwischen Nachttisch und Bett. Der Titel „Buried Alive In The Blues“ erschien auf dem Album als Instrumentalstück.