Zum 85. Geburtstag von Linda McCartney (*24.09.1941; †17.04.1998)
Linda Eastman war Fotografin und musikalisch unbedarft, bis sie Paul McCartney kennen und lieben lernte, ihn heiratete und sich von ihm überreden ließ, als Keyboard-Spielerin und Background-Sängerin Mitglied seiner neu gegründeten Band Wings zu werden. Ohne jegliche Ausbildung und spieltechnische Fähigkeiten waren ihre musikalischen Beiträge für die Wings-Songs naturgemäß eher bescheiden. Die Kritiker urteilten teilweise gnadenlos über die offensichtlichen Unzulänglichkeiten in Lindas Performance auf der Bühne.
Dass Paul seine Frau Linda in den Anfangsjahren bei vielen Songs als Co-Komponistin eintrug, sorgte für Spott bei Kritikern und für Klagen der Rechteinhaber. McCartneys Musikverlag, dessen Tantiemen-Anteil durch Lindas angebliche Mitautorenschaft geschmälert wurde, verklagte Paul, es würde ihm nur darum gehen, durch das Ausweisen zweier Songautoren seine Einnahmen zu verbessern, schließlich sei Linda McCartney keine anerkannte Songschreiberin.
Doch im Laufe der Jahre bewies Linda ihre Fähigkeit, eigene Songs zu schreiben.
Ein halbes Jahr nach ihrem Tod wurde ihr Soloalbum „Wide Prairie“ veröffentlicht. Paul hatte 16 Songs, die zwischen 1972 und Frühjahr1998 aufgenommen wurden, ausgewählt und fertig produziert. In den dreizehn von ihr selbst geschriebenen Songs und den drei zusätzlichen Coverversionen des Albums singt sie mit leicht wackliger Intonation, aber unbekümmert positiver Ausstrahlung nicht nur die Hauptstimme, sondern auch etliche Chorstimmen und spielt auch bei einigen Titeln verschiedene Keyboards.

Linda hatte zwar für Paul ihren Beruf als Fotografin aufgegeben und die ihr zugedachte Rolle als Muse und Musikerin in Pauls Band in seinem Sinne erfüllt, doch nach dem Ende der Wings zog sie sich nicht als Mutter und Hausfrau ins Familienleben zurück, sondern entwickelte Eigeninitiative: als von Paul völlig unabhängige erfolgreiche Unternehmerin. Linda hatte Paul zum vegetarischen Leben bekehrt, schrieb auflagenstarke vegetarische Kochbücher und gründete ein Unternehmen für vegetarische Tiefkühlkost. Ihre Firma Linda McCartney Foods erlöste in vier Jahren einen Gewinn von 34 Millionen Pfund Sterling. Als engagierte Aktivistin für den Tierschutz prägte sie den oft zitierten Kernsatz: „Wenn Schlachthöfe Fenster hätten, wären alle Menschen Vegetarier.“
Die Ehe zwischen Paul und Linda galt für Popverhältnisse als mustergültig, wenn nicht gar als Ausnahmeerscheinung. Nach Lindas Tod sagte Paul in einem Interview: „Jede Nacht, bis auf eine, haben wir von 1969 bis 1998 miteinander verbracht. Ich denke, nicht viele Ehepaare, die dreißig Jahre miteinander verheiratet sind, können das von sich behaupten.“ Allerdings muss man Ehemann Paul ein klein wenig korrigieren: es war nicht eine Nacht, die er nicht an Lindas Seite verbrachte, es waren derer neun - mindestens. Aber für diese spezielle Vergesslichkeit muss man Verständnis aufbringen. Wer erinnert sich schon gern an neun Tage und Nächte Knast, die Paul in Japan eingebuchtet war – wegen illegaler Einfuhr von 219 Gramm Marihuana.
Linda McCartneys Soloalbum „Wide Prairie“ wird heute völlig anders bewertet als damals, unter anderem auch im Zusammenhang mit dem Einzug der feministischen Perspektive in den Pop.
Ein zentraler Punkt der modernen Rezeption ist die Erkenntnis, dass der damalige Spott der Musikpresse stark von Misogynie, also Frauenfeindlichkeit, geprägt war. Frauen von Rockstars, die sich kreativ einbrachten wie Linda McCartney oder Yoko Ono, wurden vom damaligen Pop-Establishment systematisch als „Anhängsel“ oder „Band-Zerstörerinnen“ degradiert.
Die heutige Musikgeschichtsschreibung korrigiert dies: Man erkennt Linda als eine Frau an, die mutig genug war, sich ohne klassische Ausbildung vor ein Millionenpublikum zu stellen und genau die Musik zu machen, die sie fühlte. Wo die Generation der Babyboomer-Kritiker nur „mangelndes Handwerk“ sah, hört die heutige Indie-Generation Authentizität, Mut, pop-kulturellen Eigensinn und eine erstaunliche stilistische Offenheit. Lindas Musik ist vom Gespött der Gralshüter der reinen Pop-Lehre zu einer Inspirationsquelle für die heutige Indie-Pop-Nische gereift.
Die Playlist zur Sendung „The Ballad of Paul and Linda“
Artist / Track / Album / Label
1. L. Shankar / Darlene (Kramladen-Themamusik) / Touch Me There / Zappa Records
2. Linda McCartney, feat. Carla Lane / The White Coated Man / Wide Prairie / MPL, Parlophone, EMI
3. Linda McCartney / Mister Sandman / Wide Prairie / MPL, Parlophone, EMI
3. Paul and Linda McCartney / Live And Let Die / Live And Let Die / Apple
4. Suzy and the Red Stripes / Seaside Woman / Wide Prairie / MPL, Parlophone, EMI
5. Paul McCartney feat Linda McCartney / Great Day / Flaming Pie / Parlophone, EMI, Capitol
6. Paul McCartney / Warm and Beautiful / Wings At The Speed Of Sound / Capitol
7. Linda McCartney / The Light Comes From Within / Wide Prairie / MPL, Parlophone, EMI
8. Linda McCartney / Cow / Wide Prairie / MPL, Parlophone, EMI
9. Linda McCartney / Oriental Nightfish / Wide Prairie / MPL, Parlophone, EMI
10. Linda McCartney / Wide Prairie / Wide Prairie / MPL, Parlophone, EMI
11. Paul McCartney & Wings / Maybe I’m Amazed / Wings Over America / Capitol, EMI

Die Sendung „The Ballad of Paul and Linda“ ist zu hören in:
- ByteFM am Do 24.09.26 um 23 Uhr und am Sa 26.09.26 um 14 Uhr
- Antenne Mainz, via DAB+, UKW und Online Streaming am Do 24.09.26 um 23 Uhr und am So 27.09.26 um 22 Uhr
- in Radio-Rebell, von Fr 25. bis So 27.09.26 jeweils um 22 Uhr

Der Zusammenschnitt der Sendung „The Ballad of Paul and Linda“ ist als Podcast hier hören:




