„I Will Survive“ – David Bowie zum 75. Geburtstag

"Einsame Popikone, Verwandlungskünstler und ewiges Rätsel"

Eine Hommage in ausgewählten Songs

David Bowie (Foto: Wikimedia commons)

Ehrungen, Features und Neuveröffentlichungen zuhauf. David Bowies 75. Geburtstag wird allenthalben gefeiert. Die Deutsche Post veröffentlicht eine Sonderbriefmarke zu Ehren von David Bowie. Seine ehemalige Begleitband veranstaltet mit zahlreichen namhaften Gastsolisten ein Jubiläums-Livestream-Konzert. Die neue Graphic Novel "Starman" zeichnet Bowies Karriere nach und natürlich dürfen auch neue Tonträger nicht fehlen. Soeben erschien das verschollen geglaubte Bowie-Album „Toy“ mit Songs, die er zwischen 1964 und 1971 geschrieben, aber erst im Jahre 2000 in einer gültigen Fassung neu aufgenommen hatte. Die für 2001 geplante „Toy“-Veröffentlichung kam wegen Auseinandersetzungen mit seiner damaligen Plattenfirma nicht zustande. Das Album verschwand in der Ablage und kam erst im November 2021 auf den Markt innerhalb der Bowie-Werkschau „Brilliant Adventure (1992-2001)“.
Aus Anlass des 75. Geburtstages erschien nun eine Einzelausgabe des Albums in umfangreicherer Form als Deluxe-Edition mit 3 CDs, genannt „Toy:Box“. Nach überwiegender Kritikermeinung fügt das Album „Toy“ dem beeindruckenden musikalischen Werk von David Bowie nichts essentiell Neues hinzu. Und doch enthält das Album hörenswerte Songs, neben dem Titelstück vor allem die vom Klavier getragene Ballade „Shadow Man“. Im Songtext heißt es: „Der Schattenmann ist ganz nah, dreh dich um und sie sein Lächeln, das Einsamkeit ausdrückt. Der Schattenmann bist du selbst, Schau ihm in die Augen und sieh dein Spiegelbild.“ Die Stimmung des Songs und einzelne Melodiebögen erinnern an seine große Comeback-Ballade „Where Are We Now“, die am 8. Januar 2013, seinem 66. Geburtstag erschien.

Viele Bowie-Bewunderer hielten es zunächst für einen geschmacklosen Scherz, als die Meldung am 10. Januar 2016, zwei Tage nach Bowies 69. Geburtstag verbreitet wurde, David Bowie sei überraschend gestorben. So mancher wollte es einfach nicht glauben, nicht wahrhaben, dass David Bowie nicht mehr am Leben sein soll, schließlich war er doch einer der wenigen Unsterblichen des Pop – und das wird er auch bleiben. Tatsächlich war, ist und bleibt David Bowie eine der herausragenden Persönlichkeiten der Popgeschichte, einer der ganz großen Sänger, Songschreiber, Musiker und innovativen Pop-Künstler.
„Bowies vielfältige Projekte sind nicht an gängigen Popstandards zu messen. Seine Arbeiten weisen ein hohes intellektuelles Niveau und zwangsläufig ein überdurchschnittliches Einfühlungsvermögen auf. Bowie ist nicht allein durch die Qualität seiner Musik oder sein mimisches Talent zum Idol geworden, sondern aus der Summe seiner Persönlichkeit“, dies schrieb der Bowie-Biograf Uwe Wohlmacher schon im Jahre 1984. Unmittelbar nach Bekannt werden von David Bowies Tod setzte eine Medienresonanz in kaum zuvor bekanntem Ausmaß ein. Auf allen Nachrichtenkanälen war sein Tod ein groß herausgestelltes Thema. Radio- und TV-Sender änderten ihr Programm, auf den Titelseiten der Zeitungen sah man große Fotos von ihm, in allen Printmedien erschienen Nachrufe, Würdigungen, Kommentare, oftmals gar mehrseitig. Der Schock war groß, kaum jemand wusste oder ahnte etwas von Bowies schwerer Krebserkrankung. Entsprechend war auch die Betroffenheit und Anteilnahme sehr groß. Viele der wirklich glaubhaften Reaktionen, in denen sich Erschütterung und Trauer ausdrückten, kamen nicht nur aus Musiker- und Künstlerkreisen und von seinen Anhängern, sondern auch von Politikern, Wirtschaftsleuten, Wissenschaftlern usw. Sichtbar wurde, dass David Bowie und seine Kunst in fast allen Gesellschaftsschichten Widerhall gefunden und Spuren hinterlassen hat. Weltweit zollten Tausende von Bowie-Fans dem verstorbenen Idol ihren Tribut. An seinem Geburtstort London und an seinem Wohnort New York, wo er starb, versammelten sich zahlreiche Fans, legten Blumen nieder und brachten zum Ausdruck, was Bowie und seine Musik für sie bedeutet.
In Berlin, wo Bowie in den späten siebziger Jahren zwei Jahre lang lebte, gründete sich eine Initiative, die sich für eine David Bowie-Straße in Berlin einsetzte. In New York wurde ein Konzert zu Ehren von David Bowie in der dortigen Carnegie Hall angekündigt. Dieses In-Memoriam-Konzert, zu dem sich viel Pop-Prominenz angekündigt hatte und das im März 2016 stattfand, war sofort nach der Konzertankündigung ausverkauft.
Zwei Tage vor seinem Tod erschien das letzte Bowie-Album „Blackstar“, das allgemein hoch gelobt wurde. „Im dying too, I’m trying to It's all gone wrong but on and on / The bitter nerve is never enough, I'm falling down“ so heißt es im dramatisch aufbereiteten, opulent mit Streichern und großen Backgroundvocals arrangierten Song „Dollar Days“ aus dem Abschieds-Album. Ganz leise hört man zu Beginn das Geräusch einer Hand, die in einem Buch blättert. Welches weitere Kapitel in der Popgeschichte hätte Bowie noch aufschlagen können?

Nach dem großen emotional-dramatischen Crescendo dieses Songs „Dollar Days“ schließen sich irritierenderweise noch ein paar Takte seelenloses Disco-Rhythmus-Geratter aus der elektronischen Drum-Machine an – und man ist schon wieder versucht, zu interpretieren, zu deuten, was der Meister damit sagen wollte. Denn durch seinen Tod wurde klar, dass Bowie sein letztes Album „Blackstar“ bewusst als Abschied konzipiert hatte. Es sei als „sein letztes Geschenk an die Welt zu verstehen“, wie es der Bowie-Produzent und langjährige Vertraute Tony Visconti ausdrückte. Mit ganz anderen Augen sah man nun Bowies letzte Videos, mit ganz anderen Ohren hörte man nun seine letzten Songs, die so „verstörend und schwer fassbar“ sind, wie ein Rezensent schrieb, „schon wieder so anders, schon wieder genial. Was für ein Abgang. Aufgenommen, wie wir jetzt wissen, in Erwartung des nahenden Todes“.
„Schaue nach oben, ich bin im Himmel“, so heißt es im Text des Bowie-Songs „Lazarus“, der zu den beeindruckendsten des Albums zählt und dessen Video am Tag seines 69. Geburtstages veröffentlicht wurde. So hatte es Bowie selbst geplant. Sein wie immer kunstvoll inszeniertes Video zum Song war inhaltlich schon erschreckend, als man noch nichts von Bowies schwerer Krankheit und seinem Tod wusste. Jetzt, wo man seinen Krebstod unwiderruflich zur Kenntnis nehmen musste, wirkte die gespenstische Videoinszenierung wie ein Menetekel und eine schwer verkraftbare Leidensgeschichte. Im Video sieht man Bowie in einem weißen Leinenhemd als Schwerkranken in einem Spitalbett liegend, wie er sich mühsam aufrichtet, den Kopf bandagiert und mit schrauben-ähnlichen Knöpfen an Stelle der Augen. Bowie ist Lazarus. Am Ende verschwindet er in einem dunklen Schrank. Tröstend mag sein, dass der Titel ‚Lazarus’ – wie man weiß – sich auf die gleichnamige biblische Figur bezieht, die an einer Krankheit stirbt und vier Tage nach dem Tod durch Jesus wiederauferweckt wurde. Man kann das verstehen als ein hoffnungsvolles Statement, dass Bowie in seiner Musik natürlich weiterleben wird.

Mit harten Akzenten schlägt die E-Gitarre immer wieder in die geheimnisvolle, aber ruhige, fast kontemplative Stimmung der Schlussphase hinein. „Just like that bluebird / Oh I’ll be free / Ain’t that just like me / This way or no way", singt Bowie. Einer wie er, „der lässt sich kein Requiem schreiben, der schreibt es sich selbst.“ – so heißt es in einem Nachruf der Süddeutschen über diesen Song „Lazarus“, von David Bowie, eingespielt mit einer damals wenig bekannten New Yorker Jazzband. Aber typischer Jazz ist das natürlich nicht, was David Bowie in seinem letzten Großwerk musikalisch zusammenbrachte – auch nicht mal Jazzrock lässt sich diese Musik titulieren, vielleicht eher schon „Fusion“, weil hier wirklich fusioniert wird: Jazz mit Pop, Prog-Rock mit Elektronik und Hiphop-Beats. Doch alles verbunden, verschmolzen, verknüpft von Bowies eigenem musikalischem Charakter. Wobei die Prämisse lautete: alles, nur keinen altbackenen Rock’n’Roll. Der Song „Lazarus“ ist übrigens auch das Titelstück des gleichnamigen Off-Broadway-Musicals, das am 7. Dezember 2015 im New York City Theater seine Premiere feiern konnte. Das Musical wurde um verschiedene Songs von David Bowie herum inszeniert, bereits vorhandene aber auch von Bowie eigens für das Musical neu geschriebene Songs. Die Musical-Handlung knüpft an die Geschichte des berühmten Bowie-Films aus dem Jahre 1976 an: „The Man who fell to earth“. Bowie habe noch auf dem Sterbebett wie ein Löwe gekämpft und an der Fertigstellung des Musicals mitgearbeitet, sagte der belgische Regisseur des Musicals Ivo van Hove.
Schon bei der Premiere sei es Bowie sehr schlecht gegangen, dennoch habe er sie nicht absagen wollen. „Danach schrieben die Zeitungen, er habe so gut und gesund ausgesehen", sagte der Regisseur in einem Interview mit n-tv. „Aber hinter der Bühne brach er zusammen. Da wusste ich, dass ich ihn wahrscheinlich zum letzten Mal gesehen habe." Laut van Hove lebte Bowie nur noch für seine beiden letzten Projekte - das Musical und sein Abschiedsalbum „Blackstar“ - sowie natürlich für seine Familie, seine Frau und seine beiden Kinder.
Wo wird er jetzt sein?. „Where Are We Now“ war, nach fast 10 Jahren Sendepause, die erste Single aus Bowies Comeback-Album „The Next Day“. Der Text des melodiösen und elegischen Songs handelt von Bowies Berliner Zeit, ist aber, wie ein Kritiker schrieb, „mehr als eine melancholische Rückschau“. Es ginge darum, „die Fesseln der Zeit zu sprengen und den Augenblick Ewigkeit werden zu lassen. Also ganz großer Pop.“

Bowie singt vom Potsdamer Platz , vom „Dschungel“, einem Szeneclub in der Nürnberger Straße, in dem er saß, „a man lost in time“, er singt von KaDeWe und der Bösebrücke am Prenzlauer Berg.
David Bowie lebte, wie man weiß, von 1976 bis 78 in Berlin. Gemeinsam mit Iggy Pop bewohnte er eine Sieben-Zimmer-Altbauwohnung. Teilweise wohnten sie auch in zwei nebeneinander liegenden Wohnungen mit schwarz gestrichenen Wänden in der Hauptstraße Nummer 155 im damaligen West-Berliner Stadtteil Schöneberg. In dieser Zeit entstand Bowies berühmte Berlin-Trilogie mit den Alben „Low“ und „Heroes“ von 1977 und „Lodger“ von 1979. Über diese Zeit erzählte David Bowie am 23. August 1999 während seines Konzerts innerhalb der Reihe „VH1 Storytellers“. Erst im Juni 2009 erschien der Konzertmitschnitt.
In seiner launigen Ansage erzählte David Bowie: „Iggy Pop und ich, wir waren zwei böse Jungs. Wir gingen nach Berlin um zu lernen, wie man anständig wird. Oh, habe ich das im Reiseprospekt gelesen?“, fragt Bowie ironisch, worauf das Publikum lacht und David Bowie sagt: „Das ist ja so sehr noch zwanzigstes Jahrhundert, wenn ein Werbe-Commercial beklatscht wird. Ich erinnere mich an einen Morgen nach einer speziellen langen Nacht, als wir uns in einem Cafe trafen, das wir häufiger besuchten. Und wir unterhielten uns über das, was wir am Abend zuvor erlebt hatten. Und Iggy“ – Bowie sprach hier von Jim, denn der bürgerliche Rufname von Iggy Pop war ‚Jim’ – Iggy erzählte von einem außergewöhnlichen Event, er sagte, er sei in einem Punk-Club gewesen, wo man eine Party aus Anlass des Jahrestags der Errichtung der Berliner Mauer gegeben habe und in diesem Club sei eine Nachbildung der Berliner Mauer errichtet worden. Und genau um Mitternacht seien 50 wilde Punks auf die Mauer losgegangen und hätten die Mauer mit ihren Zähnen in Stücke gerissen und mit Fäusten demoliert. Doch erst, was danach passierte, habe ihn am meisten mitgenommen. Nach der wütenden Zertrümmerung der Mauerattrappe hätten vereinzelt kleinere Gruppen in den Ecken gestanden und einzelne Punks hätten bitterlich geweint. Und das sei ein sehr bewegendes Ereignis gewesen. Und daran würde er sich erinnern, wenn er an seine Zeit in Berlin denken würde. Und um diese Zeit herum habe er gemeinsam mit Jim alias Iggy Pop einen Song geschrieben. Und dieser Song handele von Invasion und Ausbeutung, sagte David Bowie. Und dann ist die Überraschung groß, welcher Song danach folgt.

Wenig bekannt ist, dass der Superhit, „China Girl“, von Bowie und Iggy Pop gemeinsam während ihrer Berliner Zeit geschrieben wurde. Iggy Pop war es, der den Song als erster auf seinem Album „The Idiot“ von 1977 veröffentlichte. Erst 1983 erschien dann David Bowies Version auf seinem Hit-Album „Let’s Dance“, mit dem er im Mainstream-Pop angekommen war und unglaublich erfolgreich wurde. Später sprach er über diese Zeit als seinen Ausverkauf und seine schlimmste Phase des kreativen Stillstands. Die Mixtur aus Pop, Rhythm’n’Blues und Disco funktionierte auch live hervorragend, wie es sich auf der „Serious Moonlight“-Tour beweisen sollte, die innerhalb von sieben Monaten durch 15 Länder und 59 Städte führte und etwa 30 Millionen Dollar einbrachte. Bowie war auf dem Zenit seiner kommerziellen Karriere. Ich erinnere mich noch gut, dass ich Bowie und Band während dieser Tour am 24. Juni 1983 live in einem Fußball-Stadion erlebt hatte und damals sehr skeptisch die Mainstream- und Disco-Richtung des „Let’s Dance“-Albums beurteilte. Aber die ungemein positive Stimmung im Stadion an diesem schönen Sommerabend, die glücklichen Gesichter im Meer des ausgelassen tanzenden Publikums um mich herum wirkten auf den miesepetrigen Kritiker in mir absolut ansteckend, so dass auch ich diesen Abend letztlich genießen konnte. Bowie und Band lieferten den 15.000 Stadionbesuchern ein perfektes Pop-Entertainment.

Zwanzig Jahre später präsentierte sich der Disco-Vortänzer und Stadion-Entertainer Bowie als Realist. Das Rollenspiel schien zu Ende. Er war als grell geschminktes androgynes Zwitterwesen mit Boa und hochhackigen Plateauschuhen durch den Glamrock der frühen 70er Jahre gestapft, er hatte sich als extraterrestrischer Alien inszeniert, als Edelpunk, als nobler Snob im Maßanzug, als Existenzialist und Nihilist, als Crooner und als Avantgardist usw. Wandlungsfähigkeit war sein künstlerisches Prinzip. Er war der „Major Tom“ des Popuniversums, war „Ziggy Stardust“ und „The Thin White Duke“, doch 2003 war er in der Realität angekommen. Jedenfalls war dies der Titel seines damaligen Albums und das Leitmotiv der damaligen Tournee: „Reality“. Und er stellte sich auch der Wirklichkeit – auf seine Weise.
Im kryptischen Text des Songs „Fall Dog Bombs The Moon“ aus dem Album „Reality“ finden sich die folgenden Zeilen, die heute schon wieder aktuell klingen: „Es gibt immer eine Moral und irgendjemanden zu hassen. Diese schwärzesten Jahre, sie haben keinen Klang, keine Kontur, keine Tiefe, keinen Untergrund. Der Teufel auf dem Marktplatz. Der Teufel in deinem blutenden Gesicht.“

Selten gab es bei David Bowie so viele politische Anspielungen und Bezüge wie in diesem Song „Fall Dog Boms The Moon“ aus dem Album „Reality“ von 2003, ein Song, der damals als offene Kritik an der Bush-Regierung und am Irak-Krieg verstanden wurde. Bowie selbst sagte dazu in einem Zeitungs-Interview, er würde in diesem Song seine Bedenken anmelden in Bezug auf den militärisch-industriellen Komplex in den USA mit seinen undurchsichtigen Verbindungen und den weit reichenden Konsequenzen, die sich für uns alle daraus ergeben würden.
Die meisten Songs des Bowie-Albums „Reality“ von 2003 reflektierten das verwundete Lebensgefühl in New York City nach den Anschlägen vom 11. September 2001, ohne allerdings konkrete politische Statements abzugeben, es ging nur um atmosphärische Eindrücke, wie Bowie selbst in einem Interview von 2003 sagte: „Ich bin ein impressionistischer Autor. Ich schreibe nicht im Sinne einer geradlinigen Geschichte, sondern lieber über Eindrücke, die eine Situation oder Person hinterlassen. Das Album erzählt keine durchgehende Geschichte. Aber wenn man es als Ganzes hört, gibt es einen guten Eindruck vom Leben in New York während der letzten 6 Monate, obwohl das gar nicht mein Anspruch ist. Das Album erwähnt kein besonderes Ereignis. Es geht mehr um die Atmosphäre“.
Noch deutlich atmosphärischer als das rock-betonte Album „Reality“ war das Vorläufer-Album „Heathen“ angelegt. Zu den origineller arrangierten Songs dieses Albums zählt „Five Fifteen- The Angels Have Gone“. Jeder zweite Satz des Textes beginnt mit der Uhrzeitangabe 5 Uhr 15 und schildert danach, was um diese Zeit geschah, von ganz Konkretem und Banalem, dass der Zug Verspätung hatte, bis zu Metaphysischem, dass Engel immer gegangen seien, schon sein ganzes Leben lang. Der Schlagzeug-Rhythmus ist ebenso variabel wie kraftvoll konstruiert und gibt der Grundmelancholie des Songs und dem fast opernhaften Gestus des Refrains einen kontrastvollen Drive. Wie so häufig bei Bowie baut sich auch dieser Song erst allmählich klangatmosphärisch auf.

Five Fifteen, The Angels Have Gone ist ein gespürvoll gestalteter, fein arrangierter, in der Grundstimmung melancholischer Song über Verlust und Sehnsucht. Die Studiofassung ist enthalten im 23. Bowie-Album „Heathen“ von 2002. Bei diesem Album hatte David Bowie musikalisch auch als Instrumentalist sehr viel selbst beigetragen: er spielte Keyboards, Gitarre, Saxophon und Stylophon, ein Mini-keyboard für besondere Effekte. Sein Hauptpartner im Studio war der Produzent und Musiker Tony Visconti, der schon zuvor einige der klassischen Bowie-Alben produziert hatte, zuletzt das Album „Scary Monsters“ von 1980. Tony Visconti war zuvor schon ein enger Freund und Vertrauter von David Bowie gewesen, fiel aber bei dem mitunter hypersensiblen Bowie in Ungnade, weil Visconti in einem Interview Privates, wenn auch Harmloses, über Bowie gesagt hatte. Doch in den Folgejahren nach dem Album „Heathen“ sollte die Verbindung und musikalische Zusammenarbeit wieder sehr eng werden. In den folgenden Jahren, als Bowie selbst keine Interviews mehr gab, war Tony Visconti sein Sprachrohr nach außen. Alles, was man über Bowie in den Wochen und Tagen nach Bowies Tod hören konnte, stammte von Tony Visconti – so etwa auch sein viel zitierter Satz: „David Bowies Tod war nichts anderes als sein Leben - ein Kunstwerk“.
Das Album „Darkstar“ musste die letzte Zusammenarbeit zwischen ihm und Tony Visconti bleiben. Bowies brüchige, von der Krankheit gezeichnete Stimme hatte Visconti bei der Albumproduktion in einen künstlichen, mysteriösen Hallraum gestellt, was auch im Song „Girl Loves Me“ zu hören ist. Der seltsame Text dieses von einem machtvollen Schlagzeugbeat dominierten Songs, verwendet Ausdrücke eines inzwischen ausgestorbenen Slangs, den die Schwulenbewegung im London der 60er Jahre kultivierte, genannt Polari |– wie man dem Magazin Rolling Stone damals entnehmen konnte. Der Text würde auch ein paar Passagen aus „A Clockwork Orange“ zitieren, ergänzte Tony Visconti. Der Text handelt offenbar von einem in die Jahre gekommenen Zeitgenossen, der „Mühe hat, sich an Details und an die Kleinigkeiten zu erinnern, die einer Liebe erst Gewicht verleihen“. Stattdessen Bilderfetzen eines ruhelosen Geistes: „Where the fuck did Monday go?“ Das ist die einzige Zeile, die man inhaltlich leicht verstehen kann, neben „Girl don’t speak“ und der Titelzeile „Girl Loves Me“

Dass David Bowie auch sehr humorvoll sein konnte, das bewies er in seinem Konzertprogramm für die Reihe „VH1-Storytellers“ aus dem Jahre 1999.
, woraus zuvor schon ein Ausschnitt zu hören war. Im gleich folgenden Ausschnitt erzählt Bowie aus den frühen sechziger Jahren, als er Marc Bolan zum ersten Mal traf, der ein sehr guter Freund von ihm geworden sei. Wir erinnern uns an den späteren Glamrock-Star Marc Bolan, der mit seiner Band T-Rex von 1970 bis 73 sehr erfolgreich war und kurz vor seinem 30. Geburtstag bei einem Autounfall ums Leben kam. Von Marc Bolan also erzählt David Bowie und von seinem ersten Treffen, als beide noch völlig unbekannt waren aber große Ambitionen gehabt hätten und erstmal den gleichen Manager. Und zum ersten Mal seien sie einander begegnet, als sie die Bürowände ihres damaligen Managers bemalt hätten. Man habe sich begrüßt, Hallo wie gehts, was machst du so? Marc Bolan habe geantwortet, er sei ein Sänger, darauf Bowie, das ist doch auch schon was. Und bist du ein Mod? Darauf Bolan, „ich bin der Mod-König. Deine Schuhe sind Scheiße“. Aber sie seien sehr enge Freunde geworden. Marc habe ihn zum Mülltonnen-Shoppen gebracht. Zu dieser Zeit sei die Carnaby-Street, der damals angesagte Modedistrikt Londons, unglaublich reich und verschwenderich gewesen und statt alte Buttons auf den Klamotten durch neue zu ersetzen, oder statt nicht passende Hosen umzuarbeiten, habe man das alles am Ende des Tages in die Mülltonnen geschmissen. Und so seien sie immer die Carnaby Street, die vor der Kings Road liegt, entlang geschlendert und hätten so um 9, 10 Uhr am Abend die Mülltonnen gefilzt und sich ihre Garderobe zusammengesucht. So sei das Leben damals gewesen. Und nach diesem Spruch beginnt die Akustikgitarre mit den ersten Akkorden aus einem seiner berühmten frühen Songs, und über diese Akkorde erzählt Bowie eine weitere Anekdote: mit seiner Band habe er in Arbeiterclubs im Norden Londons gespielt, einer sehr rauen Gegend. Sie hätten seine Ziggy Stardust-Songs gespielt, und er wäre in der Garderobe des Clubs gewesen und habe den Club-Besitzer gefragt, ob er ihm die Toiletten zeigen könne. Und der habe geantwortet, hier diesen Korridor hinunter da sei am Ende eine Wand mit einem Spülbecken. Da solle er hingehen. Bowie habe sich daraufhin auf seinen Highheel-Schuhen in Positur gestellt und gesagt, mein lieber Mann, ich pisse nicht in ein Spülbecken. worauf der Clubbesitzer geantwortet habe: Mein Lieber, wenn das gut genug für Shirley Bassey war, dann ist es auch gut genug für dich.

Bowie 1974 mit seinem berühmten Original-Song „Rebel Rebel“. In dieser Zeit hatte er ernsthafte Drogenprobleme. In der Bowie-Biographie von George Tremlett heißt es: „Bowie hat in seinem Leben alles ausprobiert, nicht nur auf sexuellem Gebiet. Das Kokain erwies sich für ihn als die größte Bedrohung. Es ist beinahe ein Wunder, dass Bowie überlebt hat“, schrieb sein Biograph 1995. Ob Bowies im Grunde früher Tod mit 69 Jahren in irgendeinem späten Zusammenhang mit seiner Drogensucht in den siebziger Jahren in einem Zusammenhang stehen könnte, bleibt Spekulation.
Bowie wird vornehmlich als Performer, Stilikone und Chamäleon verstanden und gewürdigt – wobei die Bowie-Kenner beim Begriff „Chamäleon“ sofort aufschreien, schließlich habe sich Bowie niemals wie ein Chamäleon seiner Umgebung angepasst, sondern ganz im Gegenteil selbst Maßstäbe gesetzt. Doch David Bowie war mehr als nur einer der größten Performer der Popgeschichte, mehr als nur Stilikone und Verwandlungskünstler. Er war ein risikofreudiger musikalischer Innovator, ein herausragender Gestalter von künstlerisch ambitionierten Videos. Er war ein großartiger Songschreiber, ein Sänger mit fast heldentenor-großer und wandlungsfähiger Stimme, daneben auch Schauspieler, Maler, Designer, außerdem ein Geschäftsmann, der im Popbusiness neue Wege ging. Er war Kunstsammler, Synästhetiker usw..
Er umgab sich selbst mit der Aura eines kühlen, distanzierten Stars, eines genialen, avantgardistischen Künstlers, der nicht so ganz von dieser Welt zu sein schien, der jedenfalls nicht mit herkömmlichen Popkategorien zu fassen ist.
Bowies außergewöhnliches Vermächtnis-Album „Blackstar“ kletterte 2016 in mehr als 20 Ländern an die Spitze der Charts. New York, die Stadt der letzten Lebensjahre von David Bowie hat ihm zu Ehren den 20. Januar als David Bowie-Gedenktag ausgerufen. Sein Andenken wird zweifellos präsent bleiben und das in unterschiedlichen Formen. Im Bewusstsein, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleiben sollte, hat David Bowie für sein Album „Blackstar“ einige teils verstörende und doch großartige Songs und Videos inszeniert: der Tod als Kunstwerk.
Über das Leben und Sterben hat Bowie aber im Grunde schon immer Songs geschrieben, vom „Rock’n’Roll Suicide“ aus dem Album von 1972 „The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars“, über „Dead Man Walking“ aus dem Album „Earthling“ von 1997 bis „You Feel So Lonely You Could Die“ aus dem Album „The Next Day“ von 2013. Im Song „Seven“ von 1999 singt Bowie „I got seven days to live my life, or seven ways to die“. Im gleichen Album „Hours“ findet sich der Song „Survive“, in dem sich so etwas wie Bowies Unsterblichkeit andeutet, wenn er singt: „I will survive“.

Bowie singt „I’ll survive“ und fliegt im Zeitlupentempo mit Stuhl und Tisch durch eine Designerküche im seltsamen und seltsam schönen Video zum Song „Survive“. Er hat auch seinen Tod überlebt – natürlich. Einem seiner beeindruckendsten Songs des letzten Albums „Blackstar“ gab er – wie schon erwähnt – nicht umsonst den Titel „Lazarus“. Die biblische Figur des Lazarus ist wieder von den Toten auferstanden. Auf dem Cover des Albums „Hours“, dem der Song „Survive“ entstammt, sieht man den weiß gekleideten Bowie auf dem Boden liegen, offensichtlich krank, oder gar im Sterben liegend. Sein Kopf ruht im Schoß eines knienden, ebenfalls weiß gekleideten zweiten Bowie, der das Haupt des liegenden Bowie in der Hand birgt und der auf den am Boden Liegenden mit ebenso sorgenvollem wie tröstendem Blick hinunterschaut, in einer Mischung aus Engel und Samariter. Auf der Rückseite des Albums ist Bowie gleich dreifach zu sehen, schwarz gekleidet, auf weißen Hockern sitzend, vor ihnen auf dem Boden schlängelt sich eine schwarze Schlange: Symbolik, wo man hinschaut.
Der Bowie-Biograph Uwe Wohlmacher schrieb schon 1984 über David Bowie: „Er ist die Schlange, faszinierend und monströs zugleich, glatt und kalt und dennoch Wärme suchend. Gebannt beobachten seine Bewunderer die zahllosen Häutungen, die ihn, den Genius, noch schillernder und größer hervortreten lassen. David Bowie gehört ohne Zweifel zu den wandlungsfähigsten Persönlichkeiten der internationalen Rock-, Show- und Firmszene. Auf Rock- und Theaterbühnen ist er ebenso präsent wie vor und hinter der Film- und Videokamera. Sein Interesse umfasst so gut wie alle Sparten der Kunst; Pantomime, Malerei, Graphik, Unterhaltungsmusik und Klassik – kein Bereich, in dem er sich nicht schon versucht hätte. Bowie, der wie ein Schwamm kreative Einflüsse aus seiner Umwelt aufsaugt, der den Schlaf hasst und ruhelos zwischen den Großstädten der Welt pendelt, um jede neue Entwicklung, jede neue Modeströmung sofort aufzunehmen und für sich umzusetzen: dieser Mann hat es seinen Fans und Kritikern nie leicht gemacht, ihm zu folgen, ihn zu beurteilen.“ Soweit diese Bowie-Charakterisierung aus dem Jahre 1984, deren inhaltliche Einschätzung des Phänomens David Bowie aber noch immer aktuell ist.
Ein wenig bekannter Song von ihm stammt aus dem Jahre 1986, ist textlich aber recht aktuell in der Beschreibung von Ängsten vor unheilvollen Ereignissen. Er beschreibt die Ängste vor dem Heraufziehen eines schrecklichen Sturmes. Es geht um die Furcht vor einem dritten Weltkrieg im Bowie-Song „When The Wind Blows“.

Geschrieben für den gleichnamigen Animationsfilm „When The Wind Blows“, ein starker aber kaum bekannter Song von David Bowie aus dem Jahre 1986. Wohin hat der Wind ihn getrieben?
Wo mag er jetzt sein? „I Took A Trip On A Gemini Spacecraft“, so lautet ein Song aus Bowies Album „Heathen“ von 2002. Sein Interesse an Science-Fiction-Themen, seine Faszination für die Weiten des Weltall, für Phänomene im Universum, durchziehen seine gesamten Schaffensperioden, von „Space Oddity“ aus dem Jahre 1969, über„Life On Mars“ aus „Hunky Dory“ von 1971, über die Erfolgs-Single „Starman“ von 1972, dann „Ziggy Stardust and the Spiders From Mars“ von 1972, „Loving The Alien“ aus „Tonight“ von 1985, „Hallo Spaceboy“ aus „Outside“ von 1995, „Looking For Satellites“ aus „Earthling“ von 1997, bis „Dancing Out In Space“ aus dem Album „The Next Day“ von 2013. Er galt vielen als der Star, der zu den Sternen strebt. Schließlich hat er sich als „Schwarzer Stern“ mit seinem letzten Album „Blackstar“ vom irdischen Leben verabschiedet. Und wie man weiß, wurde schon vor Jahren ein neu entdeckter Asteroid nach ihm benannt. In Spiegel Online stand kurz nach seinem Tod zu lesen:
„Dass David Bowie gestorben sein soll, ist wirklich ein geschmackloses Gerücht. Tatsächlich hat er sich auf den Weg zurück zu seinem Heimatplaneten gemacht. Er hat wohl einfach angefangen, sich hier unten zu langweilen.“
Für sein Album „Heathen“ bearbeitete er, wie schon erwähnt „I Took A Trip On A Gemini Spacecraft“, einen Song des skurrilen Psychobilly-Pioniers The Legendary Stardust Cowboy, der schon in den sechziger Jahren eine ähnliche Vorliebe für Weltraum-Themen hatte wie später David Bowie. Merkwürdigerweise wird das Raumschiff im Songtitel mal „Spaceship“ mal „Spacecraft“ geschrieben. Bowie singt vom „Spacecraft“, mit dem er die Schatten des Jupiter passierte und dabei „nur an dich“ dachte. „Du hast dein Raumschiff betreten, ich das meine Wir werden den Mond umkreisen und morgen Nacht werden wir Händchen halten unter dem Mondlicht“. so heißt es im Text. Und schon startet das Raumschiff

„I Took A Trip On A Gemini Spaceship“ – David Bowie und das Weltall, das Universum. Ein großes Thema, das weit über Sciencefiction, Kosmos-Comics, oder Weltraum-Sagas hinausgeht. Für David Bowies Geist was das Irdische zu klein, zu beengt. Für einen Universalisten wie ihn konnte es nichts anderes als das Universum, den grenzenlosen Raum geben. Mit Religion und dem herkömmlichen Gottesbegriff hatte er nichts zu tun. Doch in jungen Jahren hatte er sich mit dem Buddhismus beschäftigt und war immer an Spiritualität interessiert. Den göttlichen Funken in der Kreativität suchte er genauso, wie die kosmische Explosion im Rausch, in der Ekstase, in der Fantasie und in den nicht fassbaren Fernen der Galaxis. Die Weltall-Thematik in seinen Songs war ein Aufbruch in den freien, unbegrenzten Raum jenseits der Konvention und der tradierten Fesseln von Moral, Geschlechterrollen und kleinbürgerlichem Denken. In seiner Vorstellung von Genie, in seiner Idee von Universalität war der belesene Bowie beeinflusst von Shakespeare und anderen universal denkenden Geistesgrößen. Was der Schriftsteller Curt Hohoff über das Verhältnis von Goethe zu Shakespeare schrieb, das könnte recht ähnlich auch auf David Bowies Bewunderung für Shakespeare zutreffen: „Bei Shakespeare fand er die Sprache in allen Graden leidenschaftlicher Erregung, aber auch brutaler und kalter Überlegung. Er bemerkte die Allwissenheit des Dichters und eine tiefe Bescheidenheit gegenüber den Gesetzen des Seins, eine schicksalhafte Verfallenheit des Menschen und pathetischen Einsatz für heldische und familiäre Ideale und zugleich ihre Gegenteile, Treue und Verrat, Liebe und Abweisung, Wahrhaftigkeit und Lüge, Seelenstärke bei lächelnder Souveränität. Hier entdeckte er, was er selber suchte und erstrebte: Den Menschen darzustellen als eine Entsprechung zu den Gesetzen des Kosmos, erhaben über die Grenzen jeweiliger Bräuche und Sitten, aber in Übereinstimmung mit den Gesetzen des Alls, in Anerkennung der Geheimnisse der Schöpfung, und zugleich den Versuch, den Menschen sich als Menschen im Kosmos behaupten zu lassen, und zwar nicht titanisch, sondern im Einklang mit der sozialen und politischen Sphäre, in welcher man lebte und leben musste.“ Zitatende. Dies könnte sehr wohl den Vorstellungen von David Bowie entsprochen haben.
Zu den textlich komplexesten Alben von David Bowie zählt das Konzeptalbum „Outside“ von 1995, eine Art Soundtrack zu einem Tagebuch mit vielen Zeitebenen und Perspektiven. Bowie verkörpert darin 7 verschiedene Charaktere. „Outside“ will die Unsicherheit in den fragilen Beziehungen der handelnden Figuren untereinander in einer Form einfangen, die teils vielschichtige Erzählung ist, teils atmosphärische Analyse von Stimmungs- und Gefühlslagen. Das klingt aber alles viel komplizierter als die Musik dann letztlich ist.

Das Album „Outside“, dessen Titelstück hier zu hören war und dessen Untertitel übersetzt in etwa heißt: „Die Nathan Adler Tagebücher – Eine nicht lineare hyperzyklische Schauergeschichte“, ist die komplexe Story von Ritualmorden aus Liebe zur Kunst. Der Rock-Publizist Jon Savage schrieb über das hochgradig ambitionierte Album: „Der Titel ist Konzept: Auf ‚Outside’ geht es um die, die ‚außen stehen’ - nicht nur darum, wo und wie sie leben, sondern auch um die Gefühle, die das Außenseiterdasein mit sich bringt. Und da Außenseiterkunst und Außenseiter-Emotionen naturgemäß viele Gesichter haben, singt auch Bowie mit vielen verschiedenen Stimmen: im einen Augenblick der pathetische Melodramatiker, im nächsten der stilisierte Londoner, dann wieder der stille, introvertierte Grübler seiner Berliner Jahre. Gleichzeitig wechselt er immer wieder zwischen den sieben Charakteren seines Albums: in einem Song ist er ein 14-jähriges Mädchen, in einem anderen ein heruntergekommener fast achtzig Jahre alter Greis, in einem dritten ein 46-jähriger tyrannischer Futurist.“
Bowies Erzählweise wird so richtig kompliziert, weil er für seine Texte ein Computerprogramm verwendete, das seine eingegebenen Texte auf Zufallsbasis zeilen- und blockweise durcheinanderwirbelte und Sprachbilder und Beschreibungen neu kombinierte, bis das Ergebnis mit dem, was ursprünglich einprogrammiert wurde, fast nichts mehr zu tun hatte. Bowie selbst sprach von einer Art „cut-ups machine“ á la William S. Burroughs. Bei der Aufnahme stand ein Tisch vor Bowie mit richtigen und zufallsgenerierten Texten, mit denen er improvisierte. Kein Wunder, dass man dem Erzähler Bowie nicht so leicht folgen kann, nicht nur wegen der technischen Verfremdung seiner Stimme. Beim folgenden Ausschnitt klingt Bowies Stimme fast wie die von Frank Zappa

Ein weiterer Ausschnitt aus Bowies komplexem bis kompliziertem Konzeptalbum „Outside“ von 1995, das damals skeptisch beurteilt wurde, inzwischen aber, sechs Jahre nach seinem Tod von den Experten der Bowie-Geschichtsschreibung als eines seiner besten, wenn auch anstrengendsten Alben gewürdigt wird.
Die Fans seiner frühen Jahre hatte Bowie allerdings mit seinen Alben „Outside“ (1995) und „Earthling“ (1997) nachhaltig verschreckt. Seinen musikalischen Experimenten jener Zeit mit Elementen aus Industrial, Drum and Bass, Jungle und Techno wollten viele Bowie-Fans nicht mehr folgen. In seinen Liveshows der Folgejahre waren keine Songs aus seiner Electronic/Techno-Phase mehr zu hören. Stattdessen griff er wieder mehr auf seine Songklassiker der siebziger Jahre zurück. Sein alter Hit „Rebel Rebel“ gehörte zum Songprogramm aller Tourneen von der „Hours“-Tour 1999, über die „Mini“-Tour 2000, die „Heathen“-Tour 2002 bis „A Reality“-Tour von 2003

Bowies berühmter Originalsong „Rebel Rebel“ von 1974 erschien sowohl als Single als auch innerhalb des Albums „Diamond Dogs“. Ein Song, der an den Stil des rockenden Rhythm’n’Blues der Rolling Stones erinnert und den Bowie bei seinen Liveshows über all die Jahre sehr häufig spielte, so etwa während seiner Nordamerika-Tour 1974, dokumentiert im Album „David Live“. Außerdem war „Rebel Rebel“ live zu hören während der „Sound and Vision“-Tour 1990 und – wie erwähnt – auf allen Tourneen ab 1999.
Im Jahre 2003 nahm Bowie sogar eine Neufassung des Songs auf. Zur Zeit als der Originalsong erschien, 1974, hatte Bowie massive Drogenprobleme, vor allem mit Kokain. „Ich erzählte damals jedem – und ich glaubte selbst daran – ich wäre nicht abhängig, weil ich es schließlich nicht ständig nahm. Aber natürlich häuften sich die Gelegenheiten. Schließlich hörte ich mit den Drogen auf und griff zum Alkohol. Eine absurde Situation. Ich sagte mir: ‚Du hast die Drogen abgesetzt, und dafür bist du nun Alkoholiker.’ Trinken ist die deprimierendste Suchtform, die man sich vorstellen kann, weil man vom Himmel in die Gosse stürzt“, sagte David Bowie in einem Interview.
Als eine Art von Drogen-Song oder auch Anti-Drogen-Song kann man Bowies berühmten Song „Ashes To Ashes“ aus dem Album „Scary Monsters“ von 1980 ansehen. Im Text schrieb er die Heldensaga des fiktiven Astronauten Major Tom aus seinem ersten Hit „Space Oddity“ um, und nannte den Weltraum-Trip von Major Tom einen von Angstzuständen und Halluzinationen begleiteten Drogen-Trip eines Drogensüchtigen. Major Tom war also ein Junkie.

Elf Jahre nach seiner Weltraum-Odysse „Space Oddity“ kehrte der im All scheinbar verlorene Major Tom wieder ins irdische Leben zurück als verwahrloster Drogen-Junkie, aber durchaus glücklich. Zitat aus der SZ: „Bowie blickt mit seinem Song ‚Ashes To Ashes’ auf seine selbstzerstörerische Drogen-Phase zurück, mit einem surrealen Video, das wieder einmal Maßstäbe setzte.“
David Bowies Selbstdefinition als Künstler ging von Anfang an weit über die herkömmliche Performance von Pop- und Rockmusik hinaus. Er strebte schon immer verschiedenartigste Ausdrucksformen an. Bowies erster Manager Ken Pitt erkannte schon in den späten sechziger Jahren Bowies Potenzial als künftiger Multimedia-Popstar. Er vermittelte ihm Kontakte in die Kunstszene zu Malern, Schriftstellern, Schauspielern und Regisseuren. So entwickelte sich neben der zunächst nur zögerlich anlaufenden Karriere als Popmusiker auch eine Parallelkarriere als Schauspieler und Performer mit der Neigung zum Popart-Künstler im Stile eines Andy Warhol, der damals zu den großen Leitbildern von David Bowie zählte.
Obwohl er viele Ideen und jede Menge Ambitionen hatte, wollte es mit der Karriere eines Popart-Künstlers, Designers, Grafikers, Malers und Filmemachers vom Rang eines Warhol aber nichts werden. Und auch die Schauspielerei beschränkte sich zunächst auf kleinere Rollen in Kurzfilmen und Reklameclips. Erst mit seinem wachsenden Erfolg als Musiker ging es auch mit seinen anderen künstlerischen Ausdrucksformen voran. Doch später sollten seine künstlerisch und ästhetisch herausragenden Videoclips, die er zum Teil selbst inszenierte, für Furore sorgen. Seine Malerei blieb der breiten Öffentlichkeit lange verborgen. Doch Bowies Film-Aktivitäten sind weithin bekannt. So war er als Schauspieler zu bewundern im Kinofilm „Der Mann, der vom Himmel fiel“ von 1976 und wirkte in einer Reihe weiterer höchst unterschiedlicher Filme mit – nach Kritikermeinung mal mehr mal weniger überzeugend, so z.B. in den Filmen „Schöner Gigolo, Armer Gigolo“ von 1978, „Christian F - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ von 1981, wo er aber nur in einem Kurzauftritt zu sehen ist. Einen Achtungserfolg als Schauspieler erzielte er in „Merry Christmas Mr. Lawrence“ von 1983. 1986 folgten die Filme „Absolute Beginners“ und der Kinderfilm „Die Reise ins Labyrinth“.
Doch Bowie arbeitete auch als Schauspieler auf der Theaterbühne. So spielte er die Hauptrolle des Broadway-Stücks „The Elephant Man“ von 1980, wofür er von der Kritik gefeiert wurde. Zwei Jahre später spielte er für eine BBC-Produktion den Dichter und Außenseiter Baal aus Bert Brechts gleichnamigem Theaterstück. Bowie veröffentlicht 1982 sogar eine EP mit dem Titel „Baal“. Darauf enthalten sind fünf Songs nach Motiven von Bert Brecht und dessen Komponisten Kurt Weil, neu bearbeitet von Bowie, seinem Produzenten Tony Visconti und dem britischen Klassik-Komponisten Dominic Muldowney. Hier ist ein Ausschnitt zu hören aus „Baal’s Hymn“, Untertitel: Der Choral vom großen Baal. Die Verse des Chorals - Zitat: „umreißen Baals stoische fast animalische Philosophie“. Zitatende - Und die musikalische Inszenierung ist eine hoch interessante Kreuzung als Brecht/Weil-Ästhetik und David Bowies theatralischer Performance.

Nach Bowies Ausflug ins Theater unter anderem mit seiner Bearbeitung von Motiven aus Bertold Brechts Theaterstück „BAAL“ zog es ihn, was seine schauspielerischen Aktivitäten anging, wieder zum Kinofilm zurück. Neben Catherine Deneuve stand er 1983 vor der Kamera im Vampirfilm „Begierde“ von Tony Scott.
Seine Film-Erfahrungen mit den verschiedenen Regisseuren gingen natürlich auch in die Produktion seiner eigenen Video-Clips ein, die im Pop-Bereich künstlerisch Maßstäbe setzten. Neben weiteren Filmen – wie „Twin Peaks“ von David Lynch aus dem Jahre 1992 ist auch noch seine Mitwirkung im Film „The Last Temptation Of Christ“ erwähnenswert. Zu diesem kontrovers diskutierten Martin Scorcese-Film von 1988 hatte Peter Gabriel den großartigen Soundtrack produziert. Bowie spielte darin die Rolle des Pontius Pilatus.
Diese zweite Karriere als Leinwandstar, die Bowie selbst übrigens nicht sehr wichtig nahm, ist weithin bekannt. Weniger bekannt dagegen ist Bowies künstlerisches Interesse an einer ganz anderen Leinwand. Schon seit den frühen 70er Jahren malte er immer wieder mal expressionistisch farbig und in Öl, oder eher graphisch abstrakt als Kohlezeichnung. Bekannt wurden vor allem Bowies Mixed-Media-Gemälde „Minotaurus“, die im Herbst 1994 in der Londoner Berkeley Square Gallery ausgestellt wurden, gefolgt im April 1995 von einer Retrospektive, die Bowies Arbeiten als Maler gewidmet war und in der Londoner Cork Street Gallery zu sehen war. Und wie man weiß, wurde Bowie ja auch im Berliner Gropius-Baus 2014 mit einer großen Ausstellung und Multimedia-Show geehrt.
In seinen berühmt-berüchtigten „Berliner Jahren“, als er die Morbidität der Mauerstadt für seine künstlerische Inspiration nutzen wollte, griff er sehr häufig, nicht nur zu Drogen, sondern auch zum Pinsel. Sein Lieblingsmodel dieser Malerei-Phase war „Jot. O.“, wovon die Bildtitel „Portrait of Jay O“, oder „Berlin Landscape with Jay O“ gemaltes Zeugnis ablegen. Hinter „Jot. O.“ verbirgt sich sein langjähriger Weggefährte und Musikerkollege James, genannt „Jim“ Osterberg, alias Iggy Pop. Gemeinsam schrieben die beiden, als sie in Berlin zusammenwohnten, nicht nur den Hit „China Girl“ sondern auch den ironischen fast schon sarkastischen Song „Dancing With The Big Boys“, den Bowie in seinem Album „Tonight“ 1984 veröffentlichte. Im assoziativen Songtext heißt es nicht immer leicht verständlich: „Da passiert etwas in der Gesellschaft. Du kaust an deinen Fingernägeln und starrst auf den Boden: Ein falsches Wort und du bist asynchron. Tod den Bäumen, sie waren nicht übel. Nichts ist peinlich. Es gibt zu viele Menschen und zu viel Glauben. Und wo es Kummer gibt, da gibt es auch Poesie. Deine Familie ist eine Fußballmannschaft. Dieser Punkt zeigt ihren augenblicklichen Standort. Einsamkeit in einer freien Gesellschaft. Dies kann beschämend sein: Dancing with the Big Boys.“

Als „hektischen Stuss“ bezeichnete der Rolling Stone diesen Song „Dancing with the Big Boys“, bei dem David Bowie und Iggy Pop im Duett vereint sind. Dieser Duett-Song „Dancing with the Big Boys“ war nicht der einzige im Bowie-Album „Tonight“, das Titelstück sang David Bowie gemeinsam mit Tina Turner. Für das Album „Tonight“ von 1984 wurde Bowie arg gescholten, es klinge noch mehr nach Mainstream als das Vorläuferalbum, der Millionseller „Let’s Dance“. Man sprach schon vom kommerziellen Ausverkauf. Doch Bowie war eben auch ein Geschäftsmann.
1987 machte Bowie Reklame für Pepsi Cola in einem Werbespot, in dem er gemeinsam mit Tina Turner auftrat. 2001 war er in einem Werbespot für ein amerikanisches Satelliten-Radioprogramm zu sehen. In Anspielung auf den Sciencefiction- Film „The Man Who Fell To Earth“ von 1975, in dem Bowie die Hauptrolle spielte, stürzt Bowie im Werbefilm vom Himmel und kracht durch das Dach eines Hauses mitten hinein ins Wohnzimmer eines älteren Ehepaares.
Ein Telefonanbieter verwendete 2009 in einem Werbespot mit Bowies Genehmigung eine Coverversion seines Kultsongs „Heroes“.
2013 wurde ein neues Smartphone weltweit mit einem Werbeclip beworben, dessen musikalische Begleitung der Bowie Song „Sound and Vision“ liefert. Eine US-Automarke bewarb 2015 in einem Reklameclip einen neuen Spritfresser mit Bowies Erfolgs-Song „Fame“. Und schon 2003 hatte Bowie selbst einen Großauftritt in einem Clip für eine Mineralwassermarke. Im Clip sah man Bowie zur Musik seines Songs „Never Get Old“ in die verschiedenen Rollen seiner Karriere schlüpfen. Im Spot tauchen die Alter Egos aus alter Zeit auf: Major Tom, Ziggy Stardust, The Thin White Duke, Bowie als „Aladin Sane“, als Pirat, Harlekin und Diamond Dog. Alle diese verschiedenen Bowie-Identitäten, im Grunde sein halbes künstlerisches Leben für einen Tafelwasser-Werbespot? War das nötig und wessen Idee war das eigentlich?
(Interview 008 0’39)
David Bowie sagte: „Der Regisseur ist Brite. Wir haben uns die Idee gemeinsam ausgedacht. Wir wollten, dass es komisch wird, weil es einfach viel zu albern ist. Ich bestand auf einem bellenden Diamond Dog. Das ist ganz einfach absurd. Ich denke, der Regisseur hat das gut gemacht. Ein schlauer Bursche, er heißt Andrew Douglas. Ein sehr überzeugender Spot. Wie sie da alle um den Tisch herum sitzen und der Diamond Dog wie ein monströses Kuscheltier im Flur bellt. Das ist ein guter Werbespot“, meinte David Bowie.

Manche Musiker wie etwa Neil Young lehnten es kategorisch ab, ihre Musik für Werbung für Konsumprodukte zur Verfügung zu stellen, geschweige denn selbst in einem Werbespot aufzutreten. Bowie hatte damit keinerlei Probleme?
(O-Ton 10 0’55)
Nein, antwortet David Bowie auf die Frage, ob er keine Probleme damit habe, seine Kunst von der Werbung vermarkten zu lassen. „Ich sage es ganz ehrlich“, meinte er, „ich glaube, der Song bleibt immer besser in Erinnerung als das beworbene Produkt. Anfang bis Mitte der 70er Jahre hatte ich einen Mercedes. Ralf und Florian von Kraftwerk sahen ihn und meinten, was für ein wunderbares Auto, aus welchem Jahr ist er? Und ich sagte, dass er aus den 50er Jahren stamme und früher irgendeinem afrikanischen Präsidenten gehört habe, der aber ermordet worden wäre, und ich den Wagen bei einer Auktion ersteigert hätte. Darauf meinte Florian: ‚Siehst du, das Auto hält länger’, und sah mich dabei so an. Ich denke mit den Songs ist es dasselbe. Egal, um welches Produkt es geht, der Song hält länger“, sagte David Bowie.
Und, schöner Nebeneffekt, und darum ging es doch sicher vor allem, der Song hat noch ein ordentliches Zubrot eingebracht.
Wichtiger freilich ist der Inhalt des Songs „Never Get Old“, der im September 2003 innerhalb seines Albums „Reality“ erschien.
Denn die Realität seines Alters leugnete er nicht, auch wenn er im Songtext sozusagen den Jungbrunnen bemühte und damit seine ewig zelebrierte Alterslosigkeit ironisierte. Auch seine frühere Neigung zum Hedonismus und Drogenkonsum wird im Songtext mit mildem Spott kommentiert. Im Text heißt es: „Ich schreie, dass ich bis zum Ende aller Zeiten leben werde. Und es gibt niemals genug Geld. Und es gibt niemals genug Drogen. Und es gibt niemals genug Sex. Und es gibt niemals genug Kugeln. Und ich werde niemals alt werden.

Auch wenn dieser Song Werbung für ein Tafelwasser machte und dabei die ganzen Rollenspiele und Häutungen von David Bowie im Werbespot gleich mit verwurstet hat, dieser Hymnus „Never Get Old“ steht für den Mythos Bowie, der nicht altert, auch über den Tod hinaus.
Die Vielzahl der Rollen, Figuren und Identitäten, in die der Verwandlungskünstler Bowie in seiner Karriere hineingeschlüpft ist, wird noch weit übertroffen von der Vielzahl der Musikstile, in denen sich Bowie ausgedrückt hat. Um nur einige aufzuzählen: akustischer Folk, Rock’n’Roll, Rhythm’n’Blues, Glamrock, Punk, Disco, New Wave, Elektropop, Krautrock, Neo-Soul, Schnulzen, Funk, Ambient, Techno, Jungle, Jazz usw. Das ist mehr als man in einem normalen Musikerleben erwarten darf. Der dramatische Schluss-Song seines dunklen, großartigen Abschiedsalbums Blackstar trägt die Titelüberschrift: „I Can’t Give Everything Away“. Auch wenn er nicht alles preisgeben konnte (und wollte), er hat uns so viel gegeben.

„Kein Künstler hat den Pop über nahezu fünf Jahrzehnte so bereichert, niemand ging so radikal den Weg des kreativen Wandels wie David Bowie – meist allen anderen voraus. Während seine Weggefährten reihenweise der Versuchung erlagen, es sich im Geschaffenen bequem zu machen, blieb Bowie unkalkulierbar.“ (Frank Schätzing, der David Bowie 2009 in seinem Bestseller „Limit“ zu einer Romanfigur machte)

Unter seinem bürgerlichen Namen, der in der Geburtsurkunde steht, David Robert Heyward-Jones, kennen ihn die Wenigsten. Seinen Künstlernamen David Bowie kennt wohl jeder. Am Anfang seiner Karriere im Jahre 1964 nannte er sich noch David Jones. Doch das war zu brav und zu bieder und entsprach nicht dem Selbstbild, das der junge Sänger, Gitarrist und Songschreiber von sich hatte. 1966 legte er sich dann einen klangvolleren Künstlernamen zu und nannte sich nach dem amerikanischen Wildwesttrapper James Bowie, der ein legendäres Kampf- und Arbeits-Messer entwickelt hatte, das Bowie-Messer. Diese Assoziation gefiel dem jungen Musiker. Bowie klang ganz anders als Jones. Etliche Schnitte, Einschnitte und Kerben in der Popgeschichte hat David Bowie seit Veröffentlichung seines ersten Albums 1967 denn auch hinterlassen. 1972 erschien sein legendäres Album „The Rise And Fall Of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars“. Die Musik des Titelsongs „Ziggy Stardust“ klingt wie eine Mischung aus The Who, Status Quo und Led Zeppelin. Und Bowies Stimme suchte noch nach einem eigenen Ton. In einem Interview vom Frühjahr 2008 sagte David Bowie: „Damals war ich absolut Ziggy Stardust. Das war keine Rolle mehr. Ich war er.“

1972 war David Bowie der androgyne Ziggy Stardust, ein Rockstar, über dessen Körper sich außerirdische Sternenwesen Zugang zur Erde verschaffen, so lautete jedenfalls die unergründliche und leicht durchgeknallte Mär des Albums „The Rise And Fall Of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars“, das nicht nur den Ruhm von David Bowie begründete, sondern auch gleich noch eine neue Stilkategorie, den Glamrock. David Bowie zeigte sich als mystische Sphinx, flirtete mit den Voodoo-Ritualen des Okkultisten Aleister Crowley und mit Nietzsches Vorstellung vom Übermenschen. Bowie war der Sternenmann, der vom Himmel fiel, gab sich wie eine Diva a lá Greta Garbo, umgab sich mit dem sado-erotischen Flair eines Lederfetischisten und stöckelte als grell geschminktes Zwitterwesen mit Boa und hochhackigen Schuhen durch den Glamrock. Er war Major Tom, Ziggy Stardust, Alladin Sane und The Thin White Duke. Er gerierte sich als Edelpunk, als Soul-Dandy, als Disco-Vortänzer, als Crooner, als Avantgardist usw.. Wandlungsfähigkeit war bei ihm künstlerisches Prinzip. Doch die Alter Egos und Kunstfiguren der Vergangenheit verschwanden allmählich in der Asservatenkammer des Bowie-Museums.
Eine ernsthafte Herzerkrankung, die ihn im Sommer 2004 zwang, eine Tournee abzubrechen, führte dazu, dass er kürzer treten musste. Bis 2013 sollte es dauern, bis sein nächstes Album „The Next Day“ erschien. In der Zwischenzeit musste sich die Bowie-Gemeinde mit anderen Bowie-Produkten bescheiden, etwa mit dem Live-Doppelalbum „A Reality Tour“, dem Konzertmitschnitt der Tournee von 2003, die 2010 auf den Markt kam. Oder mit einer Kooperation von 2008, bei der Bowie an der Seite der Schauspielerin Scarlett Johansson zwei Songs von Tom Waits sang, als Beitrag zu Scarlet Johanssons Debütalbum „Anywhere I Lay My Head“. Oder mit diversen Remix-Produktionen, die im Netz herumschwirren.
Oder mit der iPad-App „David Bowie: The Ultimate Music Guide" in der man – laut Werbung – damals für 3 Euro 99 einen guten Überblick über Bowies Karriere mit Fotos, Videos und seltenen Interviews erhalten konnte. Oder mit dem Buch „Hinterland“, das 20 Erzählungen enthält, allesamt inspiriert von David Bowies Musik – Zitat zum Buch:
„Für Bowie ist das Unterbewusstsein eine Art dadaistisches HINTERLAND – dunkel, mysteriös, unheilvoll, also wert, es zu erkunden!
Die Forschungsreisenden dringen mit umfangreicher Ausrüstung (Musikanlage, Monsterboxen und an die dreißig Bowie-Alben) ins seltsame, oft fremdartige HINTERLAND von Bowies Schaffen vor. Dort stoßen sie auf Levitationsprobleme, Drachen, Paralleltrips, traurige Spaceguns, sprechende Telefonzellen, philosophierende Elitesoldaten, schwule Ninjas, leuchtende blaue Fische, rote Schuhe, weiße DNA-Suppe sowie interstellare Versicherungen, eine Glühbirnenmanufaktur, Emotionsbrillen, Leichenkunst, verpilzte Zombies, Flammenwerferkatharsis, übermäßig hungrige Kinder und die Lösung sowohl des Hunger- als auch des Müllproblems…“ – Zitatende.
Immer wieder kursierten Gerüchte, ein neues Studio-Album des Meisters sei in Arbeit oder stünde sogar kurz bevor, was aber jedes Mal von Bowies Management dementiert wurde. Also behalf man sich z. B.
mit Wiederveröffentlichungen von Album-Klassikern aus Bowies-Back-Katalog. Anfang Januar 1977 erschien sein allgemein hochgelobtes Album „Low“ mit der Single-Auskopplung „Sound and Vision“

Heute klingt die Überschrift “Sound and Vision” nach einem Elektronikfachhandel, damals, 1977, war dies ein Songtitel, der für die hochfahrende Attitüde eines David Bowie typisch war. Wo andere sich noch mit dem Klang beschäftigten, hatte er auch die Vision im Visier. Die Single „Sound and Vision“ belegte in England immerhin Platz 3 der Charts, das Album „Low“ kam sogar auf Platz 2 und wurde von der Kritik überwiegend gefeiert: „surrealistisches Meisterwerk“ war nur eines der vielen Prädikate. Mit dem Album „Low“ begann Bowies Berliner Phase. Die Insel- und Ghetto-Situation, die räumliche Beklemmung West-Berlins inspirierte ihn. Er überwand hier offenbar seine Drogenabhängigkeit und produzierte ein weiteres Meisterwerk, das Album „Heroes“, das im Oktober 1977 veröffentlicht wurde. Diese musikalisch produktive Phase, die sich bis zum Album „Scary Monsters“ von 1980 ausdehnte, gilt vielen Kritikern als eine seiner kreativsten Perioden, wenn nicht gar als die Blütezeit seiner schöpferischen Schaffenskraft. Sowohl das Album „Scary Monsters“ als auch die Single daraus „Ashes To Ashes“ belegten in England Platz 1. Noch berühmter wurde allerdings das Titelstück seines Albums „Heroes“, das er gemeinsam mit Brian Eno geschrieben hatte und das bis heute mit David Bowie in besonderer Weise identifiziert wird. Seine künstlerische Arbeit hatte ihn zu einem helden der Popkultur gemacht. Aber natürlich wusste er schon immer. Helden sind wir nur für einen Tag.

Zu seiner Berliner Zeit und in der Zeitspanne seiner damaligen Alben „Low“, „Heroes“ und „Lodger“ war David Bowie nicht gerade mit Reichtum gesegnet. Doch ab den achtziger Jahren brauchte sich der „Heroe“ Bowie um seine Finanzen keine Sorgen mehr zu machen. Nach der Jahrtausendwende galt er gleich nach Paul McCartney als zweitreichster Musiker der Welt. Sein Vermögen wurde im Jahre 2012 mit 800 Millionen Euro taxiert. Und die Zukunft hatte er schon immer im Visier. Eine bessere Zukunft forderte er ein in seinem Album „Heathen“ von 2002. „Zerreist diese Welt nicht in Stücke, nehmt uns die Angst, unter der wir leiden. Ich fordere eine bessere Zukunft. Stellt sicher, dass wir ein Morgen erleben werden. „I demand a better future“

Zwanzig Jahre alt und aktuell wie eh und je ist diese Forderung: „I demand a better future”, David Bowies leicht pathetischer Hymnus für eine bessere Zukunft aus dem Album „Heathen“ von 2002. Spektakulärer und irritierender als die Musik des Albums war das Booklet und dessen Artwork, das mystisch-düster anmutet.
Was uns dieses seltsame Artwork sagen will, mit all den Darstellungen von kunstfeindlicher Zerstörung, das wird klarer, wenn man im Dictionary nachschlägt, was „Heathen“ auf Deutsch heißt. Das Adjektiv „heathen“ heißt heidnisch, unkultiviert. Das Substantiv „Heathen“ bedeutet soviel wie Heide, unzivilisierter Mensch, Barbar. Von einer besonderen Furcht handelt sein Song „Afraid“. Dieser Titel beginnt wie ein simpler Up-Tempo-Gitarren-Rocker, doch die bald einsetzenden Streicher verleihen dem groben Rockmuster eine gewisse Form von Eleganz, die an sein Album „Honky Dory“ von 1971 erinnert. Im Text beschwört Bowie auch Erinnerungen herauf, an Zeiten, in denen er auf Wolken ging. Er erinnert sich an Menschen, die sein Leben wundervoll machten und auch an solche, die ihn schlecht fühlen ließen. Diese Reminiszenz an Menschen aus seiner Vergangenheit erinnerte ein wenig an John Lennons Zurückschauen auf Menschen und Orte seiner Vergangenheit im Song „In My Life“ aus dem Beatles-Album „Rubber Soul“ von 1965. Und wie zur Bestätigung dieser inhaltlichen Verwandtschaft singt Bowie plötzlich „I believe in Beatles“, was auch eine Hommage an Lennons Solo-Song „God“ von 1971 sein könnte, als Lennon vom zu Ende gegangenen Traum sang und dabei einen Schlussstrich unter die Fab Four zog mit den Worten „I Don’t believe in Beatles“. In der Musik des Bowie-Songs „Afraid“ kann man auch ein paar musikalische Anklänge an die Beatles heraushören. Im Text schaut er nach vorn und glaubt daran, dass seine kleine Seele im Laufe der Zeit größer geworden sei . Doch eines beunruhigt ihn noch immer. Er fürchtet sich immer noch am meisten vor sich selbst – so heißt es im Text.

Zum Songbeginn fürchtete er sich noch vor sich selbst. Im Schlussrefrain ist auch diese Furcht verschwunden. Auch in diesem Song „Afraid“ aus dem Album „Heathen“ fällt auf, dass Bowie keine Rollenspiele mehr betreibt, keine Masken mehr trägt. Er schlüpft nicht mehr in das Imago einer Kunstfigur, sondern singt über sich und seine reale Situation. Und tut dies auch durchaus selbstkritisch, wie man es im Song „Days“ aus dem Album „Reality“ heraushören kann. Dieses wohl poppigste Stück des Albums „Reality“ wiederholt immer wieder den eingängigen Refrain „All the days of my life“. Und in den Strophen hadert er mit sich selbst, sein Leben lang habe er immer nur an sich selbst gedacht, habe alles genommen und nichts zurückgegeben. Im Strophentext heißt es:
Halt mich fest! Und bring mich auf den Teppich zurück. Ich weiß nicht, was ich noch tun soll. Ich glaube, ich werde verrückt. Ob ich einen Freund brauche? Auf jeden Fall! Alles, was ich getan habe, war nur für mich. Alles, was du mir gegeben hast, gabst du ohne Vorbehalt.
Doch ich habe nichts zurückgegeben... und deswegen ist mir kaum noch etwas geblieben.

Mein verrücktes Gehirn ist in Verwirrung, fleht nach deiner beruhigenden Stimme. Die Stürme toben durch meinen Kopf und mein Herz. Ich bete darum, dass du meine verstörte Seele befriedest. Alle Tage meines Lebens verdanke ich dir“, so heißt es gegen Ende dieses Songs „Days“ aus dem Bowie-Album „Reality“. Der Wirklichkeit stellte er sich im Album „Reality“ wie kaum zuvor – natürlich wie immer auf seine eigene Weise.

Berühmt wurde David Bowie nicht nur als musikalischer Verwandlungskünstler und Kultfigur der Postmoderne, sondern auch als Pionier technologischer Innovation. Er entwarf z.B. ein innovatives Computerspiel, präsentierte sein beispielloses BowieNet mit eigenem Radio-Programm und schrieb einmal mehr Musik- und Technologie-Geschichte im Jahre 2003 mit einem Livekonzert zur Veröffentlichung seines Albums „Reality“, das zeitgleich via Satellit weltweit übertragen wurde. Man hätte sicherlich noch einiges von ihm erwarten dürfen.
Es ist erstaunlich wie viele Pop/Rockstars sich auf David Bowie beziehen, das reicht von Radiohead, Arcade Fire und Franz Ferdinand, über Morrissey und Paul Weller bis Lady Gaga.
Diese Hommage geht zu Ende mit einer der berühmtesten Kooperationen, die David Bowie eingegangen ist. Das war im Jahre 1981 die Zusammenarbeit mit Queen und Freddie Mercury im gemeinsam geschriebenen Song „Under Pressure“.

(Ein Großteil dieses Blog-Textes basiert auf meinen Manuskripten früherer Radiosendungen über David Bowie in hr1, hr3 und ByteFM. 7. Januar 2022 - Volker Rebell)