„An Ancient Muse“ – Loreena McKennitt zum 65. Geburtstag

Musik zwischen Mystik, Spiritualität und keltischen Klangwelten

Ein Porträt zum heutigen 65. Geburtstag der großen Sängerin, Harfenistin und Songschreiberin

An Ancient Muse (Albumcover)

„An Ancient Muse“ – Loreena McKennitt zum 65. Geburtstag

Die kanadische Sängerin, Songautorin, Harfenistin und Musikforscherin kann heute ihren 65. Geburtstag feiern. Sie gilt als ausgewiesene Expertin in den Bereichen keltischer, orientalischer und mittelalterlicher Musik. In ihren elegischen Songkompositionen, die sie in Eigenregie produziert und vertreibt, versucht sie, die spirituellen Gemeinsamkeiten der unterschiedlichen Kulturen und Epochen darzustellen. Ihre ästhetische Musik ist eine moderne Fortschreibung der uralten Barden- und Troubadour-Tradition auf künstlerisch höchstem Niveau. Nach Beendigung ihrer letzten Tournee „Lost Souls“ im November 2019 kündigte sie an, sich für unbestimmte Zeit vom Musikbusiness zurückzuziehen, um sich verstärkt ihrer Familie widmen zu können, aber auch, um den Kampf gegen den globalen Klimawandel unterstützen zu können. In der Erklärung auf ihrer Website übt sie „Kritik an den Auswirkungen moderner Technik auf Gesellschaften, Familien und Individuen. Besonders die Erosion von Demokratien, die Verbreitung von Fake News und der Verlust der Privatsphäre seien eine Folge des Missbrauchs persönlicher Daten und des ‚Überwachungskapitalismus’“ (Loreena McKennitt: „Putting the musicbusiness on hold“, Wikipedia)
https://loreenamckennitt.com/putting-the-music-business-on-hold/

Loreena McKennitt (Foto: wikimedia commons)

Aus Anlass des 65. Geburtstages habe ich eine Porträtsendung für das Webradio ByteFM produziert. (Do 17.02.2022, 23 Uhr, Wiederholung Sa 19.02.2022, 14 Uhr)
Eine Kurzfassung der Sendung mit der kompletten Moderation aber nur kurzen Musikausschnitten ist hier zu hören:

Die Playlist zur Sendung:
Artist / Track / Album / Label / Zeitplan
1. L. Shankar / Darlene (Kramladen-Themamusik) / Touch Me There / Zappa Records / 00:04
2. Loreena McKennitt / Hundred Wishes / Lost Souls / Quinlan Road / 02:52
3. Loreena McKennitt / Lost Souls / Lost Souls / Quinlan Road / 09:41
4. Loreena McKennitt / Caravanserai / An Ancient Muse / Quinlan Road / 18:25
5. Loreena McKennitt / As I Roved Out / The Wind That Shakes The Barley / Quinlan Road / 28:25
6. Loreena McKennitt / The Gates Of Instanbul / An Ancient Muse / Quinlan Road / 34:54
7. Loreena McKennitt / Marco Polo / The Book Of Secrets / Quinlan Road / 43:36
8. Loreena McKennitt / Penepole’s Song / From Istanbul to Athens / Quinlan Road / 49:19
9. Loreena McKennitt / The Bonny Swans / The Mask And The Mirror / Quinlan Road / 54:02

Loreena McKennitt (Foto: wikimedia commons)

Weitere Songs und Informationen:

The Mummer’s Dance

Der Odem des Mittelalters weht durch diesen modern arrangierten Song „The Mummer’s Dance“ aus Loreena McKennitts Album „The Book of Secrets“, das 1997 in Peter Gabriels Real World-Studios produziert wurde und eine weltweite Verkaufszahl von 4 Millionen Exemplaren erreichte. Das Mummenschanzlied „The Mummer’s Dance“ wurde als Single ausgekoppelt und erreichte die Top Twenty der US-Single-Charts – und ist damit als ihr erfolgreichster und bekanntester Song anzusehen. „Der Mummenschanz“, eine Maskerade mit Tanz und Spiel, so kann man im Booklet lesen und lernen, habe seine Wurzeln in Traditionen von Völkern, die die Bäume verehrten und vor längst vergangenen Zeiten große Regionen eines dicht bewaldeten Europas bewohnten.
Loreena McKennitt ist nicht einfach nur Sängerin und Musikerin, sondern auch Geschichts- und Kulturforscherin. Ihre Songs sind nicht einfach nur musikalische Geschichten, sondern gleichzeitig auch Zeitreisen durch Kontinente, Epochen und Kulturen. Die Songs ihres Albums „The Book of Secrets“ entstanden auf Studienreisen, bei denen sie in alten Quellen forschte und auf der Suche war nach Sinn, Mystik und Spiritualität.
Vor allem das sagenumwobene Volk der Kelten hat es ihr angetan. Sie spürte eine Seelenverwandschaft zu diesem Volk, das zwar auch sesshaft war, doch immer wieder auf Wanderschaft ging und von einer Unruhe getrieben wurde, die ihre Wurzeln in einer unstillbaren Neugierde hat, so analysiert es jedenfalls Loreena McKennitt, die sich mit dem kulturellen Erbe der Kelten stark verbunden fühlt. So spielt sie zum Beispiel das Instrument Harfe, das keltische Ursprünge hat und dessen einfache historische Vorläufer man als Beigabe in Gräbern keltischer Fürsten fand.
Aber Loreena McKennitt interessiert sich nicht nur für die Kultur der Kelten, sondern auch für die arabische Mystik des Sufismus, für die Musiktraditionen des Balkan, des Orients, des Mittelmeer-Raums etc. Dabei beschäftigt sie sich, wie sie selbst schrieb, mit der „Faszination des spirituellen und kreativen Aspekts von Natur und Ausdruck.“
Ihre elfengleiche Stimme und ihre sinnlich-zarte, klangfarbenreiche Musik mit historisch-ethnischen kammermusikalischen Arrangements ist hierzulande 1993 erstmalig bekannt geworden, als sie das Vorprogramm in den Konzerten von Mike Oldfield bestritt. Ein Jahr später dann erschien ihr Album „The Mask and Mirror“. Mit „Marrakesh Night Market“, einem der herausragenden Songs des Albums, entführt sie die Zuhörer ins mittelalterliche Marrakesh in Marokko, einen Ort – wo damals zumindest – Christen, Juden und Muslime friedlich zusammenleben konnten. Der nordafrikanische Rhythmus-Teppich dieses Songs „Marrakesh Night Market“ lässt Bilder vor dem geistigen Auge entstehen – von Märchenerzählern, Schlangenbeschwörern, verschleierten Schönheiten und Säbeltänzern.

Marrakesh Night Market

Marrakesh um das Jahr 1500 gab den geschichtlichen Hintergrund ab für diesen Song „Marrakesh Night Market“, aus Loreena McKennitts Album „The Mask and Mirror“ aus dem Jahr 1994, von dem alleine in Kanada und USA 1,5 Millionen Exemplare verkauft wurden.
Ihr erstes hoch gelobtes Live-Album „Live in Paris and Toronto“ erschien 1999. Die Erlöse dieses Albums hat Loreena Mc Kennitt für wohltätige und gemeinnützige Zwecke gespendet. Einerseits hat sie die Erdbebenhilfe des türkischen roten Halbmonds unterstützt, andererseits den von ihr gegründeten kanadischen Fonds zur Sicherheit auf Gewässern. Hintergrund war, dass Loreena McKennitt ihren Lebenspartner und zwei weitere Freunde bei einem tragischen Boots-Unglück verlor. Dieser Unfall hätte verhindert werden können, bzw. die Verunglückten hätten gerettet werden können, wenn rechtzeitig Hilfe eingetroffen wäre. Dieses Drama war der Auslöser für sie, diese Organisation zu gründen.
Das Live-Doppelalbum enthält 17 Titel, darunter auch den Song „All Souls Night“, in dessen Text es heißt: „Kerzen und Laternen tanzen einen Walzer in der Allerseelen-Nacht. Ich kann die Lichter in der Ferne sehen.“
Die Studiofassung des Songs erschien im vierten Studioalbum „The Visit“ (1991)

Am 17. Februar 1957 wurde sie im kanadischen Morden, Manitoba, geboren, einer Stadt mit irisch-, schottisch- und deutschstämmigen Einwohnern mitten in der kanadischen Prärie. Ihre eigene Familie ist schottisch-irischer Herkunft. Ihre Mutter war als Gemeindeschwester tätig, ihr Vater arbeitete als Viehhändler.
Obwohl sie ursprünglich Tierärztin werden wollte, begann Loreena McKennitt schon früh mit der Musik, lernte Klavier und Harfe zu spielen, machte Straßenmusik und spielte in kleinen Clubs. 1981 zog sie nach Stratford, Ontario, wo sie noch immer lebt.
1985 veröffentlichte sie ihre erste selbstfinanzierte Platte „Elemental“ auf ihrem eigenen Label Quinlan Road, benannt nach einer Landstraße in ihrem Wohnort Stratford. In den ersten Jahren führte Loreena McKennitt die Plattenfirma von ihrem Küchentisch aus und verkaufte ihre Alben im Versandhandel. Doch schon das Album Nummer 4 „The Visit“ von 1991 erreichte in Kanada eine Auflage von 500.000 Stück. Damit war sie kein Geheimtipp mehr in ihrer Heimat, sondern ein Star. Doch das Geheime, Geheimnisvolle blieb das inhaltliche Hauptthema ihrer Songs. Der Albumtitel „The Book of Secrets” ist für sie so etwas wie eine Kernbotschaft und gleichzeitig Teil ihrer Aura als Künstlerin.
Dass sie gerne im Buch der Geheimnisse liest und alte Fabeln und Märchen schätzt, das bewies sie z.B. auch mit ihrem großartigen Song „The Bonny Swans“, der musikalisch unter anderem durch das instrumentale Ruf-Antwortspiel zwischen E-Gitarre und Violine besticht. Der Text basiert auf einer Fabel aus dem englischen Mittelalter und erzählt von einer jungen Frau, die ihre eigene Schwester im Teich ertränkt – aus Eifersucht, weil der von ihr geliebte Ritter nicht ihr zugetan ist, sondern ihrer Schwester. In der Fabel wird die ertränkte Schwester als Schwan wieder geboren. Der Schwan verwandelt sich darauf in eine Harfe. Und auf dieser Harfe spielt ein fahrender Sänger und Troubadour just diese Fabel „The Bonny Swans“ – und er spielt sie auf einem Bankett, das der Vater der beiden Töchter zum Andenken an seine ertrunkene Tochter gibt. Und natürlich ist bei diesem Bankett auch die bislang unentdeckte Mörderin anwesend – und der edle Ritter, dem die Geliebte schändlich genommen ward.

The Bonny Swans

Die musikalische Fabel von der aus Eifersucht ertränkten Schwester „The Bonny Swans“, nach einer mittelalterlichen Textvorlage komponiert von Loreena McKennitt, live aufgeführt in Paris 1998 und veröffentlicht ein Jahr später im Live-Doppelalbum „Loreena McKennitt live in Paris and Toronto“, enthaltend über 100 Minuten fein abgestimmter und stilvoll arrangierter Musik. Ihre Eindrücke von dieser großen Tournee des Jahres 1998 hatte sie auf ihrer Homepage so formuliert:
„Straßenschilder nach Rom, eine Ausfahrt nach München, ein Stau auf dem Weg nach Hamburg, eine Tankstelle auf einer Ausfallstraße kurz hinter Barcelona, Ostern in Brüssel, Busse und Lkws auf ihrer Fahrt durch die Nacht. Flüge nach Montreal, New York oder Los Angeles, die Lichter von Flughäfen, Hauptstraßen, Landebahnen… die exotische und eklektische Verschmelzung unterschiedlichster Erlebnisse, unterschwellige bis grelle, anrührende bis aufbrausende, ermutigende bis erschöpfende. . .“
Das Reisen, das mit Neugierde unterwegs sein und Entdecken, ist die eine Seite bei Loreena McKennitt, dafür stehen alleine Songtitel wie „Marco Polo“, „The Highwayman“, „Santiago“ oder „Night Ride across the Caucasus“ etc..
Und die andere Seite ist die kontemplative, spirituelle, die mystische Seite. Über ihren fast gebet-ähnlichen Song „Skellig“ sagte sie in einem Interview: „Skellig erzählt von einem alten Mönch im siebten Jahrhundert, der sein Leben der Erhaltung altertümlicher Texte gewidmet hatte. Er versah die Texte mit Randbemerkungen und Illustrationen. Er lebte in einem Kloster und erfuhr extreme Isolation, die auf der Suche nach Spiritualität eine wichtige Funktion erfüllt.“
Das Kloster, in dem der beschriebene Mönch lebte, gibt es tatsächlich; es wurde als entlegener christlicher Vorposten in einer rauen Gegend gegründet: auf den Skellig Inseln vor der irischen Westküste.

Skellig

„Zünde die Kerze an, das Tageslicht ist fast verschwunden. Die Vögel haben ihr letztes Lied angestimmt, die Glocken rufen alle zur Abendmesse“, so heißt es in diesem kontemplativen Lied „Skellig“ über einen irischen Mönch, der sein Leben verbringt mit dem Abschreiben religiöser und philosophischer Texte. Das ist sein Dienst an Gott. Eine der Schlüsselzeilen des Songs lautet: „Ich vertraue dir meine Bücher an und alle ihre Geheimnisse.“ Diese Haltung scheint auch Loreena McKennitt einzunehmen – bei ihren Konzerten und mit der Veröffentlichung ihrer Songs. Ihren Zuhörern vertraut sie einen kostbaren Schatz an: die Musik mit all ihren Geheimnissen. (Volker Rebell)

The Mystic’s Dream