Ich wünsch dir eine gute Reise / Alles was laut war ist jetzt leise

AnNa R. – zum Tod der Rosenstolz-Sängerin

Der Podcast zur Nachruf-Sendung

 

„Ich wünsche mir nichts anderes als wahrscheinlich jeder Mensch: gesund bleiben, nie im Mittelmaß ertrinken, die Neugierde nicht zu verlieren, gute Freunde und guten Sex. Manchmal träume ich, ich hätte die Fähigkeit, furchtbar viele Menschen glücklich zu machen. Das ist ein schöner Traum. In der Realität fände ich es klasse, wenn es mir bei einem Menschen gelingt. Ich arbeite dran!“ Das schrieb AnNa R. 1997 im Begleitmaterial zur Veröffentlichung des Rosenstolz-Albums „Die Schlampen sind müde“. Geboren wurde sie am 25. Dezember 1969 in Ost-Berlin als Andrea Rosenbaum. 2002 heiratete sie den Regisseur und MTV-Produzenten Nilo Neuenhofen, dessen Namen sie annahm. Mit ihrem Künstlernamen AnNa R. und dem bewusst groß geschriebenen „N“ wollte sie ihre Individualität ausdrücken.

 

AnNa R., 2022 (Foto: Paulae)

 

Eine der wenigen Diven des Deutsch-Pop
Man nannte sie die „Diva des Deutsch-Pop“, „Die Zarah Leander der deutschen Wiedervereinigung“, „Die Stimme der Melancholie“. „Sie hatte alles, was an der Band Rosenstolz mondän, groß, grandios gewesen ist: operettenhafte Stimme, lyrische Fähigkeiten, enigmatische Ausstrahlung. AnNa R. war eine der wenigen Diven, die diesen Namen verdienen“ (Arno Frank in Der Spiegel).
Gemeinsam mit ihrem musikalischen Partner Peter Plate gründete sie 1991 in Berlin-Friedrichshain das Duo Rosenstolz, das zwischen 1992 und 2012 zwölf Alben veröffentlichte, fünf davon erreichten Platz 1 der deutschen Charts. „Rosenstolz brachte den Sound der Nachwendezeit auf die Bühnen als queere Band vor der Zeit“ (taz). Die Konstellation war damals noch ungewohnt und für viele Fans faszinierend: er bekennend schwul; sie hetero mit liberaler, sexuell offener Einstellung. Er: Keyboarder, pop-affin, Wessi und Hauptsongschreiber des Duos. Sie: Sängerin mit markanter, unverwechselbarer Stimme, Ossi, eher dem Jazz und urbanen Folk zugeneigt, Haupt-Texterin des Duos mit Sinn für große Gefühle bis hin zum Pathos. Auch gerade wegen dieser besonderen Mischung war Rosenstolz tatsächlich ungemein erfolgreich. Auf Tour füllten sie große Hallen, spielten bei Open-air-Konzerten nicht selten vor 10.000 Fans, so etwa 2007 in Goslar (einem langjährigen Wohnort von Peter Plate) und stiegen zum erfolgreichsten deutschen Pop-Duo jener Zeit auf.

 

 

Burn-out und Ende
Nachdem Peter Plate 2009 einen Burn-out erlitten hatte und Rosenstolz zwangsläufig eine Pause eingelegen musste, deutete sich schon das allmähliche Ende des Duos an. 2011 erschien dann noch ein weiteres Nummer-1-Album mit dem trotzigen Titel „Wir sind am Leben“, doch 2012 trennte sich das Duo Rosenstolz, ohne allerdings von einem endgültigen Aus zu sprechen. Man habe die Pause-Taste gedrückt, ließ das Management verlauten. Allerdings gab es später nur noch eine sporadische Zusammenarbeit zwischen den Beiden. AnNa R. gründete danach die Band Gleis 8, arbeitete mit der Band Silly zusammen, war deren Sängerin von 2019 bis 2022 und begann eine Solokarriere. Ihr erstes Soloalbum „König:in“ erschien 2023. Eine weitere Solo-Tournee war für den Herbst 2025 angekündigt, ebenso ein neues Solo-Album. Und für April waren verschiedene Veranstaltungen in Koblenz geplant.

 

AnNa R. (Dirk Goldhahn, CC BY-SA 2.5 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5>, via Wikimedia Commons)

 

Noch so viele Projekte
„Ihr Lieben, ich freu mich, euch mitzuteilen, dass ich Dozentin für Poetik in Koblenz werde", verkündete AnNa R. am 12. Februar dieses Jahres auf Instagram. Die Universität Koblenz informierte, dass die einstige Rosenstolz-Sängerin die neue „Joseph-Breitbach-Poetikdozentin des Jahres 2025" werde und damit "auf Marlene Streeruwitz, Ulla Hahn, David Gieselmann und Arne Rautenberg" folge. Sie hatte sich "über diese Ehre und auf Koblenz" gefreut. Aber es kam völlig anders.
Am 16. März wurde sie in ihrer Berliner Wohnung tot aufgefunden. Sie starb völlig überraschend im Alter von 55 Jahren. Die Todesursache wurde nicht veröffentlicht.
In einer Mitteilung ihres Managements hieß es: „Mit ihrer einzigartigen Stimme, ihrer Präsenz und ihren Liedern blieb sie seit der Gründung von Rosenstolz eine konstante Lebensbegleiterin für unzählige Menschen. Sie hatte noch viele Musikpläne, als sie im Alter von 55 Jahren in Berlin verstarb“.
Am 22. Mai 1996 hatte ich die Gelegenheit, mit AnNa R. und Peter Plate ein ausführliches Gespräch zu führen: Ausschnitte aus dem zum Großteil bislang unveröffentlichten Interview sind in dieser Nachruf-Sendung zu hören.
(Volker Rebell)

 

 

Die Playlist zur Nachrufsendung
Artist / Track / Album / Label

1. L.Shankar / Darlene (Kramladen-Themamusik) / Touch Me There / Zappa Records /
2. AnNa R. & Gleis 8 / Lied zum Schluss / Live im Astra, Berlin 2016 / Universal, Island.
3. Gleis 8 / Alles auf Anfang / Endlich / Island Records
4. AnNa R. / Chaos & Symmetrie / König:in / Ariola
5. AnNa R. / Hinterm Mond / König:in / Ariola

 

 

6. Rosenstolz / Jedesmal / Objekt der Begierde / Polydor
7. Rosenstolz / Mephisto / Objekt der Begierde / Polydor
8. Rosenstolz / Zucker / Zuckerschlampen live / Polydor
9. Rosenstolz / Objekt der Begierde / Objekt der Begierde / Polydor
10. Rosenstolz / Der kleine Tod / Objekt der Begierde / Polydor
11. AnNa R. / Der Sturm / König:in / Ariola

 

 

Die Nachrufsendung zum Tod von AnNa R. wird von Antenne Mainz über DAB+ und UKW ausgestrahlt: am 20.03.25 um 23 Uhr und am 16.03.25 um 22 Uhr – und läuft in Radio-Rebell am 21., 22. und 23.03.25, jeweils um 22 Uhr.

Der Zusammenschnitt der Nachrufsendung ist als Podcast hier zu hören:

 

Das komplette Rosenstolz-Interview mit AnNa R. und Peter Plate, das ich am 22.05.1996 geführt habe, ist als Podcast hier zu hören:

 

Hinterlasse Deinen Kommentar