„New Moon Daughter“ – Zum Tod von Cassandra Wilson

Ein musikalisches Porträt mit Interview

Der Podcast zur Sendung

 

Cassandra Wilson, eine der prägendsten und einflussreichsten Jazzsängerinnen ihrer Generation, ist am letzten Mittwoch, dem 2. September 2026 im Alter von 70 Jahren verstorben. Ihr herausragender Status in der Musikwelt beruht vor allem auf ihrer unverwechselbaren, tiefen und rauchigen Altstimme sowie ihrer Fähigkeit, die engen Grenzen des traditionellen Jazz zu sprengen, indem sie ihn organisch mit Blues, Folk, Pop, Country und Einflüssen aus Afrika und Lateinamerika verwob.

 

"Glamoured" (Albumcover)

1955 wurde sie in Jackson, Mississippi geboren. Ihr Vater der Jazzmusiker Herman Fowlkes förderte das Talent seiner Tochter nach Kräften. Mit neun Jahren bekam Cassandra Klavierunterricht, schrieb mit 12, beeinflusst von Joni Mitchell, ihre ersten eigenen Songs auf der Gitarre, trat mit 19 in Folkclubs auf und begeisterte sich zunehmend für den Jazz. Nach ihrem Studium in Medienwissenschaften an der Jackson State University und einem kurzen Intermezzo in New Orleans, wo sie für eine lokale Fernsehstation arbeitete, zog sie 1982 nach New York. Dort schloss sie sich dem experimentierfreudigen M-Base-Kollektiv um den Altsaxophonisten Steve Coleman an, eine avantgardistische Gruppe afroamerikanischer Jazz-Musiker, die moderne Jazz-Ansätze mit Einflüssen aus Funk, Soul, afrikanischen Rhythmen und komplexen Metren verband. Die Philosophie des Kollektivs, musikalische Prozesse im Zusammenhang mit persönlichen Erfahrungen und gesellschaftlichen Bedingungen zu sehen, prägte Cassandra Wilsons Grundhaltung.

 

"Blue Light 'til Dawn" (Albumcover)

Ihre Solokarriere kam über Umwege ins Rollen: durch ihren ersten Plattenvertrag interessanterweise bei einem deutschen Jazz-Label. 1986 veröffentlichte sie ihr Debüt-Album „Point Of You“ beim Münchner Label JMT, für das sie noch acht weitere Alben aufnehmen sollte. Erst mit dem Wechsel zum Jazz-Label Blue Note gelang ihr der internationale Durchbruch. Schon ihr erstes Blue Note-Album „Blue Light ‘til Dawn“ von 1993 erhielt gute Kritiken nicht nur von Jazz-Spezialisten, und konnte sogar Charts-Notierungen verbuchen. Beginnend mit „Blue Light ’til Dawn“ entwickelte sich ihr Repertoire zu einer breit gefächerten Mischung aus Blues, Pop, Jazz, Weltmusik und Country. Obwohl sie auch eigene Songs und Standards sang, nahm sie für das Album „Blue Light ’til Dawn“ so unterschiedliche Titel wie Robert Johnsons „Come On in My Kitchen“, Joni Mitchells „Black Crow“ und Ann Peebles‘ Memphis Soul-Titel „I Can’t Stand The Rain“ in ihr Repertoire auf. Cassandra Wilson verließ hier bewusst die Pfade einer herkömmlichen Jazz-Auffassung. Stattdessen setzte sie auf ein extrem reduziertes, akustisches Klangbild, dominiert von Steel-Gitarren, Percussion und Akkordeon, und interpretierte Songs aus dem Delta-Blues und der Popmusik völlig neu. Das Album gilt als stilprägender Meilenstein für die moderne Jazz-Vokalmusik.

 

New Moon Daughter (Albumcover 1996)

Mit ihren Folgealben setzte sie diesen Stilmix fort. Ihr hervorragend bewertetes Album „New Moon Daughter“ (1996) enthält neben Eigenkompositionen Neufassungen des U2-Songs „Love Is Blindness“, des Monkeys-Hit „Last Train To Clarksville“ und des Country-Klassikers von 1949 „I'm So Lonesome I Could Cry“ von Hank Williams.
Wenn Cassandra Wilson Songs von anderen Songschreibern/Songschreiberinnen übernahm, was sie oft tat, dann waren das keine gewöhnlichen Coverversionen, sondern ureigene Neuinterpretationen. Man könnte sogar von „Neuschöpfungen“ sprechen. Sie bearbeitete einen Song auf ihre höchst individuelle, radikal subjektive Weise. Sie „entkernte“ das musikalische Material, entfernte jeglichen Zierrat, bis nur die Struktur blieb. Dann baute sie den Song neu auf – mit ihrem eigenen Zeitverständnis, ihrer eigenen Harmonie-Deutung, ihrer eigenen „Gravitation“ (aus Spannungen, Fliehkräften und Anziehungspunkten).
Den Son‑House‑Blues „Death Letter“ verwandelte sie in eine hypnotische Elegie.
Aus Van Morrisons irischer Soul-Ballade „Tupelo Honey“ gestaltete sie eine meditative Klanglandschaft. Und Neil Youngs swingendem Folksong „Harvest Moon“ nahm sie alle Süßlichkeit und hauchte ihm die tiefenentspannte Ruhe einer mondhellen Sommernacht ein.

 

"Coming Forth By Day" (Albumcover)

2015 erschien mit „Coming Forth By Day“ eine Billie Holiday-Hommage zum 100. Geburtstag der Jazz-Legende, keine nostalgische Verbeugung, sondern ein elegisches, kammermusikalisches Werk, das Billie Holiday nicht kopierte, sondern sozusagen weiterdachte. War dieses Album ein bewusst gesetzter Schlusspunkt?
Jedenfalls veröffentlichte Cassandra Wilson danach kein weiteres Studioalbum. Doch auf der Bühne blieb sie weiterhin aktiv, wenn auch nur sporadisch.
Nur wenige Monate vor ihrem Tod kehrte sie noch einmal für ein triumphales Konzert auf die Bühne zurück. Am 24. Juni 2026 feierte sie im Rahmen des Toronto Jazz Festivals das 30-jährige Jubiläum ihres Meilensteinalbums „New Moon Daughter“. Begleitet von Musikern der Originalbesetzung „zeigte sie ein letztes Mal ihr strahlendes Charisma“ (torontojazz.com).

 

"Another Country" (Albumcover)

2020 hatte sie das Projekt „Dopamine“ ins Leben gerufen, eine kurzlebige All-Star-Supergroup, die während der COVID-19-Pandemie formiert wurde. Das hochkarätig besetzte Kollektiv vereinte namhafte Musiker aus völlig unterschiedlichen Genres wie Hip-Hop, Rock, Americana, Jazz und Blues.
Zur Besetzung von Dopamine gehörten neben Cassandra Wilson:
Black Thought – Rapper und Frontmann der legendären Hip-Hop-Formation The Roots
Elvis Costello – Singer-Songwriter und New-Wave-/Rock-Ikone
DJ Premier – Legendärer Hip-Hop-Produzent und Teil des Duos Gang Starr
T-Bone Burnett – Renommierter Musikproduzent, Gitarrist und Songwriter
Nathaniel Rateliff – Indie-Folk- und R&B-Musiker (Nathaniel Rateliff & the Night Sweats)
Das Projekt entstand als kreatives Ventil während des weltweiten Lockdowns im ersten Jahr der Pandemie, brachte jedoch trotz der Starbesetzung keine Veröffentlichungen hervor. Unmittelbar nach Cassandra Wilsons Tod äußerte sich Elvis Costello zu dem unveröffentlichten Großprojekt und bestätigte, dass die Musiker gemeinsame Beiträge für ein groß angelegtes, von T-Bone Burnett produziertes Werk mit dem Titel „The Last Angel Of Nashville“ eingereicht hatten. Elvis Costello zeigte sich selbst verwundert darüber, warum dieses Material bis heute nie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, äußerte jedoch die Hoffnung, dass die Musik in Zukunft noch erscheint. Auf jeden Fall wird mit postumen Veröffentlichungen zu rechnen sein.

 

"Thunderbird" (Albumcover)

Cassandra Wilson war eine Grenzgängerin: zwischen Jazz und Blues, zwischen Folk und Avantgarde, Pop und Wagemut, zwischen Tradition und radikaler Erneuerung.
Ihr musikalisches Werk zeigt, wie viel Kraft in der Entschleunigung liegt. Wie viel Tiefe in der Reduktion. Wie viel Wahrheit in einer Stimme, die nicht beeindrucken, sondern authentisch mitteilen will, was ihr persönlich wichtig ist.
Sie hat den Jazz erneuert, indem sie ihn veränderte, indem sie ihn „entlastet“ hat: von Tempo, von Ornament, von Erwartung. Sie öffnete dem Jazz neue Freiräume. In ihrer Musik hat sie als „New Moon Daughter“ das verborgene, dunkle Licht des Neumonds sichtbar gemacht.
Bestandteil dieses Nachrufs sind Ausschnitte aus einem überwiegend unveröffentlichten Interview, das ich im November 1996 mit Cassandra Wilson führen konnte. Das komplette Interview ist hier zu hören:
https://radio-rebell.de/zum-tod-von-cassandra-wilson/

 

"Traveling Miles" (Albumcover)

 

Die Playlist zur Sendung „Zum Tod von Cassandra Wilson“
Artist / Track / Album / Label
1. L. Shankar / Darlene (Kramladen-Themamusik) / Touch Me There / Zappa Records
2. Cassandra Wilson / Blue Light ’Til Dawn / Blue Light ’Til Dawn / Blue Note
3. Cassandra Wilson / Go To Mexico / Thunderbird / Blue Note
4. Cassandra Wilson / Right Here Right Now / Traveling Miles / Blue Note
5. Cassandra Wilson / Lover Come Back To Me / Loverly / Blue Note
6. Cassandra Wilson / Harvest Moon / New Moon Daughter / Blue Note

 

 

7. Cassandra Wilson / Lay Lady Lay / Glamoured / Blue Note
8. Cassandra Wilson feat India Arie & Rhonda Richmond / Just Another Parade / Belly Of The Sun / Blue Note
9. Cassandra Wilson / Solomon Sang / New Moon Daughter / Blue Note

 

"Belly Of The Sun" (Albumcover)

 

Die Sendung „Zum Tod von Cassandra Wilson“ ist zu hören in
- ByteFM am Do 10.09.26 um 23 Uhr und am Sa 12.09.26 um 14 Uhr
- Antenne Mainz, via DAB+, UKW, online streaming am Do 10.09.26 um 23 Uhr und am So 13.09.26 um 22 Uhr
- Radio-Rebell, von Fr 11.09. bis So 13.09.26, jeweils um 22 Uhr

 

"Loverly" (Albumcover)

 

Der Zusammenschnitt der Sendung „Zum Tod von Cassandra Wilson“ ist als Podcast hier zu hören:

 

 

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