Auch er war ein Junge aus der Dungeon Lane
Zu seinem heutigen 84. Geburtstag muss man konstatieren, er ist einer der bedeutendsten lebenden Musiker der Popgeschichte. Warum? Er zählt zu den besten Songschreibern der Popwelt, seine kompositorische Gabe für unwiderstehliche Melodien und reizvolle Harmonik ist geradezu unerreicht. Er bewies wie nur wenige andere, dass anspruchsvolle kompositorische Ideen, tiefgehende Emotionen und radiotaugliche Eingängigkeit kein Widerspruch sind. Als vielseitiger Musiker, der fast alle Instrumente auf vielen seiner Solo-Alben selbst gespielt hat – und das auf spieltechnisch hohem Niveau, begründete er den einzigartigen Status des Universalisten als Songautor, Arrangeur und Performer in Personalunion.
Schon bei den Beatles war er die treibende Kraft bei der stilistischen Erweiterung des musikalischen Spektrums und bei der Weiterentwicklung der Studiotechnik, was die Wandlung von der Teenie-Beatband hin zu komplexen Artpop-Meilensteinen wie den Alben „Revolver“ und „Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band“ ermöglichte.

Nicht hoch genug einzuschätzen ist seine künstlerische Relevanz über sechs Jahrzehnte. Auch in fortgeschrittenem Alter veröffentlicht er kontinuierlich meist hochgelobte Musik auf Singles, Alben, DVDs, Musikvideos und Dokus, wie zuletzt „Man On The Run“. Die Zahl seiner Buchveröffentlichungen füllt inzwischen Bibliotheks-Regale (zuletzt „1964 - Augen des Sturms“, „Lyrics“, „Wings“). Er ruht sich nicht auf seinem Status als lebende Legende aus, sondern ist bis heute neugierig geblieben, arbeitet mit zeitgenössischen Künstlern zusammen und bleibt ein unermüdlicher musikalischer Botschafter – auch in Live-Konzerten. Eine neue Europa-Tournee, möglichst noch in diesem Jahr, ist in Planung.
Während andere Pop-Größen den Soundtrack für eine bestimmte Epoche schrieben, hat Paul McCartney den Soundtrack für das kollektive Pop-Gedächtnis von Generationen komponiert.
„The Boys Of Dungeon Lane“
Sein 20. Soloalbum, einschließlich der Alben mit Wings, Fireman, Klassik-Produktionen, Live-Alben und Kompilationen, sein insgesamt 54. Album seit der Beatles-Auflösung, ist ein nostalgischer Rückblick – aber nicht nur.
Wenn einem Künstler bewusst wird, dass die Zeitspanne, die noch vor ihm liegen mag, weitaus geringer ist als die erlebte Zeit seiner Vergangenheit, dann ist bei reifen bis betagten Musikern oft das Phänomen der Retrospektive zu beobachten, die Beschäftigung mit der eigenen Geschichte. Doch wer nur zurückschaut, könnte verpassen, was noch vor ihm liegt, und versäumen, die noch verbleibende Zeit kreativ zu gestalten.
Paul McCartney hat mit seinem neuen Album versucht, eine Verbindung von Rückschau und schöpferischem Zukunftsentwurf herzustellen. Im Pressematerial zum neuen Album schreibt er:
„Things people write often do refer tot he past, but it’s hard to just refer to tomorrow. We don’t know what’s gonna happen then. But the past is even just talking about yesterday. It’s full of stuff. It’s a rich place to mine für ideas.“ („Was Menschen schreiben, bezieht sich oft auf die Vergangenheit, aber es ist schwer, sich einfach auf morgen zu beziehen. Wir wissen ja nicht, was dann passieren wird. Aber schon wenn man von der Vergangenheit spricht, meint man damit eigentlich nur den gestrigen Tag. Da gibt es jede Menge zu entdecken. Es ist eine reichhaltige Quelle, aus der man Ideen schöpfen kann.“)
Und diese reichhaltige Quelle seiner eigenen Geschichte hat er für die Songgeschichten seines neuen Albums intensiv genutzt: Kindheitserinnerungen und Erlebnisse im Liverpool der Nachkriegszeit durchziehen manche der neuen Songtexte. Man hört Songs über die Widerstandsfähigkeit seiner Eltern im hoch originell arrangierte Song „Salesman Saint“, über frühe Abenteuer per Anhalter mit George Harrison und John Lennon aus der Prä-Beatles-Zeit, „before we learnt to twist and shout“ („Down South“) und über Jugenderlebnisse von Paul und Ringo in Liverpool, in ihrer erstmalig im Duett gesungenen Hommage an Heimatgefühle („Home To Us“). Die Erinnerungen des pubertären Paul an ein unerreichbares Mädchen aus der Nachbarschaft („As You Lie There“) zählt zu den überzeugendsten Songs des Albums.
Mit Mellotron, Flöte, Loops, rückwärtslaufenden Klängen und eigenwilligen Chorarrangements klingt es ebenso beatle-esk wie nach Laurel Canyon-Westcoast-Sound der späten Sixties im melancholischen Liebeslied „Never Know“, in dem es heißt „I want some love and peace / We need it right now“.
Im lockeren und doch schwergewichtigen, bluesangehauchten Hard Rocksound von „Lost Horizon“ resümiert Paul und erteilt altersweise Lebenshilfe: „Die Zeit lässt jeden Augenblick zählen / Du musst für den Moment leben / Entlang des verlorenen Horizonts“.
Wie urteilte die Kritik?
Von der internationalen Fachpresse werden die 14 neuen Songs überwiegend gelobt. Grundtenor: Hinter den Songs auf „The Boys Of Dungeon Lane“ stecken tief bewegende, persönliche Anekdoten. „Paul McCartney nutzt das Album als musikalischen Blick in sein Tagebuch“ (classical music).
Wer kann schon auf einen Erfahrungsschatz von über 70 Jahren Musikerfahrung zurückblicken? Nach dem Tod von Pauls Mutter Mary 1956 erlaubte ihm sein Vater Radio Luxemburg zu hören, so oft er wollte. Er hörte zum ersten Mal Bo Diddley und Little Richard („What the hell was that?“). Das war die Initialzündung für seine Musikbegeisterung, die bis heute andauert.
Wer kann auf eine kreative musikalische Praxis von 65 Jahren als Songschreiber, Sänger und Musiker zurückblicken?

Auch im Jahre 2026 noch immer relevant
Es ist schon mehr als erstaunlich, welchen Stellenwert die beiden größten Musiklegenden der Sixties im aktuellen Popdiskurs Anno 2026 noch immer (und schon wieder) haben: Paul McCartney/Beatles mit „The Boys Of Dungeon Lane“ und die Rolling Stones mit ihrem neuen, von den Fans sehnsüchtig erwarteten Album „Foreign Tongues“ (VÖ 10. Juli). Interessant auch, dass Paul McCartney Wert darauflegte, dass sein Album vor dem der Stones erschien. Dass die Jahrzehnte alte Rivalität auch gleichzeitig die andere Seite der ebenso langen Kameraderie hat, mag belegen, dass Paul auf dem neuen Stones-Song „Covered In You“ den Bass spielt.
Doch eine kleine Spitze in Richtung Stones konnte sich Paul nicht verkneifen, als er in einem aktuellen Statement über die Produktion seines neuen Albums sagte: „Wenn man mit den Stones arbeitet, ist da der typische Stones-Sound. Für mich gilt das Gegenteil. Ich will das (den altbekannten Sound) gerade nicht. Unsere Herangehensweise bei der Album-Produktion war, das haben wir schon vorher gemacht, lass es uns anders tun.“ Und er fügte im Interview mit dem Magazin Mojo hinzu: „Man setzt sich hin, und der Sound, den man hört, die Platte, die man aufnimmt – das sind die Stones. Nach dem Tag im Studio fragten mich die Leute: ‚Wie war’s?‘ Es war großartig! Ich meine, ich war Session-Musiker bei den Stones. Das hat mir wirklich Spaß gemacht, und es klingt wie eine Stones-Platte.“
Was man zwischen den Zeilen lesen kann, wenn man will, ist: Meine Musik ist das nicht, meine klingt anders.
Paul McCartney klingt tatsächlich wie niemand sonst in der Popgeschichte. Und sein Stellenwert, seine künstlerische Relevanz bis heute ist ohne Beispiel.
Der Kramladen zum 84. Geburtstag von Paul McCartney beschäftigt sich vor allem mit den Songs des neuen Albums „The Boys Of Dungeon Lane“
Die Playlist zur Sendung (folgt am 18.06.)
Ebenso der Zusammenschnitt der Sendung als Podcast
Die Sendung zum 84. Geburtstag von Paul McCartney ist zu hören in
- ByteFM am Do 18.06.26 um 23 Uhr und am Sa 20.06.26 um 14 Uhr
- in Antenne Mainz via DAB+, UKW und online am Do 18.06.26 um 23 Uhr und am So 21.06.26 um 22 Uhr
- in Radio-Rebell vom Fr 19. bis Mo 22.06.26, jeweils um 22 Uhr