Jon Hiseman

Erstsendung: 09.08.2018

Jon Hiseman – eine musikalische Biografie
Zum Tod des renommierten britischen Jazzrock-Schlagzeugers und Bandleaders von Colosseum

Playlist
Artist Track Album Label Zeitplan
1. L. Shankar Darlene (Kramladen-Themamusik) Touch Me There Zappa Records 00:07
2. JCM Foyers Of Fun Heroes Repertoire 02:50
3. Colosseum Those About To Die The Reunion Concerts 1994 Temple Music, Intuition Records 08:25
4. Colosseum The Playground Bread & Circuses Cloud Nine Records 14:20
5. Colosseum The Valentyne Suite The Reunion Concerts 1994 Temple Music, Intuition Records 22:07
6. John Mayall Look In The Mirror Bare Wires Decca Records 31:15
7. Colosseum Time Lament Daughter Of Time Dunhill Records 36:28
8. Colosseum Skelington Colosseum live Sequel Records, Castle Communication 41:42
9. Tempest Up And On Tempest Bronze, Island Records 48:54
10. Barbara Thompson and Friends A Touch of Frost In The Eye Of A Storm Temple Music 56:51

Jon Hiseman – zum Tod des renommierten Jazzrock-Schlagzeugers und Bandleaders von Colosseum
Noch im April war er mit seinem neuen Trio JCM, einer auf das Kerntrio reduzierten Version von Colosseum, auf Tour in Deutschland, als bei ihm am 25. April ein Hirntumor diagnostiziert wurde. Er musste sofort operiert werden, schien danach in guter Verfassung zu sein, erlitt aber kurz darauf eine Hirnblutung, die eine weitere Operation notwendig machte. Während dieser OP verlor er das Bewusstsein und sank ins Koma. In den frühen Morgenstunden des 12. Juni 2018 starb Jon Hiseman im Alter von 73 Jahren, neun Tage vor seinem 74. Geburtstag.
Er war sicher der bedeutendste Schlagzeuger des britischen Jazzrock, galt als Virtuose an seinem Instrument und spielte – als sein Markenzeichen – mit zwei Basstrommeln gleichzeitig und kreierte damit eine „schwebende“ Drumstilistik wie kein zweiter. Seine rhythmisch ungemein variablen Schlagzeug-Soli, die bis zu 20 Minuten dauern konnten, waren legendär.
In seiner Kindheit spielte der am 21. Juni 1944 in Blackheath, London geborene Philip John „Jon“ Hiseman zunächst Klavier und Geige, bis er als Teenager seine Leidenschaft für das Schlagzeug entdeckte, dessen zunehmend versiertere Spieltechniken er sich autodidaktisch aneignete. Ab 1962 war er eine feste Größe in der Londoner Jazz- und Bluesrock-Szene, spielte in verschiedenen Formationen, bis er schließlich den Vorzeige-Drummer Ginger Baker in der Gruppe Graham Bond Organization ersetzte. Danach hatte er ein kurzes Gastspiel in Georgie Fames Blue Flames, bevor er zu John Mayalls Bluesbreakers wechselte, wo er mit Jack Bruce und dem Saxophonisten Dick Heckstall-Smith zusammenspielte.
Gemeinsam mit Heckstall-Smith gründete er 1968 die Band Colosseum, die mit ihrer Fusion aus Jazz, Rock, Blues und klassischen Elementen und vor allem mit ihrer Spezialität suiten-ähnlicher Groß-Kompositionen bald für Furore sorgte. Das im November 1969 veröffentlichte zweite Album „Valentyne Suite“ wurde gefeiert als Meilenstein der Verschmelzung von Jazz-, Blues- & Artrock. Das 1971 folgende fünfte Album „Colosseum live“ gilt bis heute als eines der besten Live-Alben der Rockgeschichte. Nachdem sich Colosseum Ende 1971 aufgelöst hatte, gründete John Hiseman mit Tempest eine ähnlich ambitionierte Jazzrock-Band – allerdings ohne Blasinstrument. Der erhoffte Erfolg bei Plattenkäufern und Konzertpublikum blieb aber aus.
1975 hob er Colosseum Ausgabe II aus der Taufe – mit Gitarrist Gary Moore und dem später dazu stoßenden Don Airey an den Keyboards. Nach drei Jahren und drei Alben gab die hochgelobte Zweitausgabe von Colosseum wegen geringer Plattenverkäufe auf. Ab 1977 beteiligte sich Jon Hiseman an der international besetzten, von Wolfgang Dauer gegründeten „Band der Bandleader“, The United Jazz and Rock Ensemble. Zur europäischen Fusion-Band Nr. 1 gehörte neben den Musik-Größen Albert Mangelsdorff, Charlie Mariano, Volker Kriegel, Ack von Royen, Ian Carr, Eberhard Weber und Wolfgang Dauner auch Jon Hisemans Frau, die Saxophonistin Barbara Thompson, deren eigener Band Paraphernalia er phasenweise ebenfalls angehörte. Im Laufe der Jahre war das Ehepaar Hiseman/Thompson gemeinsam an über 15 Alben als Musiker oder Produzenten beteiligt. Welch Renommeé Jon Hiseman in der Welt des Schlagzeugs hatte, mag sein Solo-Album von 1986 belegen „About Time Too!“, eine Zusammenstellung seiner besten Schlagzeug-Soli. Hisemans Kommentar zu seinem Drumsolo-Album: „it’s excellent for parties when you want people to leave”.
Im Juni 1994 kam überraschend eine Wiedervereinigung der Colosseum-Besetzung zustande, die 23 Jahre zuvor auseinander gebrochen war: Jon Hiseman (dr), Dick Heckstall-Smith (sax), Chris Farlow (voc), Dave Greenslade (keyb.), Clem Clempson (git) und Mark Clarke (b). Das in Freiburg und Köln live aufgenommene Album „Colosseum lives – The Reunion Concerts 1994“ wurde sehr positiv aufgenommen, was die Band bestärkte, weiter zusammenzuarbeiten. Weitere Tourneen, Festivalauftritte und Alben sollten folgen. Als Dick Heckstall-Smith 2004 starb, übernahm Barbara Thompson seinen Saxophon-Part bei Colosseum. Nach drei ausgezeichneten Studioalben „Bread & Circuses“ (1997), „Tomorrow’s Blues“ (2003) und „Time On Our Side“ (2014) verabschiedete sich Colosseum endgültig von der Bühne mit einem Abschiedskonzert in London am 28. Februar 2015.
Doch dies sollte noch längst nicht der musikalische Schlusspunkt des umtriebigen Jon Hiseman sein. Neben seinen Hauptbands war er als Produzent, Tontechniker und Studioschlagzeuger tätig. So arbeitete er z.B. für den Musical-Komponisten Andrew Lloyd Webber, den Pianisten Keith Tippett, die Fusionband Nucleus oder die schottische Perkussionistin Evelyn Glennie. Gemeinsam mit seiner Frau Barbara Thompson produzierte er im eigenen Tonstudio auch Soundtracks für Film und Fernsehen. 2010 erschien seine Biografie unter dem Titel „Playing The Band – The Musical Life of Jon Hiseman“.
Mit dem Neustart als Bandleader eines Power-Trios überraschte er 2017. JCM hieß seine neue Band, eine Abkürzung der Vornamen des Colosseum-Kerntrios: Jon Hiseman, Clem Clempson und Mark Clarke. Fünf Tage vor seiner schrecklichen Diagnose, an einem Hirntumor erkrankt zu sein, erschien das Debütalbum von JCM „Heroes“, eine Art Konzeptalbum und gleichzeitig ein Gedenkalbum, mit dem sich Jon Hiseman bei seinen inzwischen verstorbenen Freunden und Mitmusikern bedanken wollte: Jack Bruce, Dick Heckstall-Smith, Jon Lord, Allan Holdsworth, Steve Marriott, Gary Moore, Graham Bond und Larry Coryell.
Das musikalisch überzeugende Gedenken an die verstorbenen Helden und Musikerfreunde „Heroes“ ist nun selbst ein Heldenepos für den so tragisch an einem Hirntumor gestorbenen Schlagzeughelden Jon Hiseman geworden.

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